Bildungspipeline mit unsozialem Leck

8. März 2007, 11:08
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Wie der Hochschulzugang aussehen müsste, wenn er wirklich gerecht sein soll

Wien – Österreichs Uni-Zugang wird zwar gern und oft, zumal von Politikern aller Couleurs, "frei" und "offen" geheißen. Bloß, er ist es in Wirklichkeit gar nicht mehr. Und gerecht ist ein System, das im Prinzip jedem, der die Matura hat, zu studieren erlaubt, auch nicht.

Dieser Befund steht im neuen Großwerk der Rektorenkonferenz zum Hochschulzugang in der Teilstudie über die sozialen Aspekte des Uni-Zugangs. "Es ist seit langem bekannt, dass das österreichische System beim Zugang zu weiterführender Bildung ungerecht ist", sagt Bildungsforscher Lorenz Lassnig vom Institut für Höhere Studien (IHS) im Standard-Gespräch: "Chancengleichheit wurde damit bis heute nicht erreicht." Ein IHS-Team (Lassnig, Martin Unger, Stefan Vogtenhuber, Margot Erkinger) kam in der Studie, basierend auf umfassenden Länderanalysen mit ganz unterschiedlichen Systemen (Österreich, Großbritannien, Schweden, Finnland, Deutschland, Australien) zu konkreten Empfehlungen für die Politik.

Geld für gerechte Unis

Zuallererst sei eine zentrale Vorgabe zu bewältigen: „Die soziale Gerechtigkeit muss überhaupt erst wieder aktiv als Thema der Bildungspolitik adoptiert werden." Und zwar als "Qualitätsdimension" auf allen Ebenen. Der Indikator soziale Un/Gerechtigkeit müsse über ein "Beobachtungssystem" ständig erfasst, dokumentiert werden und – so raten die Bildungsforscher – "ein Element in der Finanzierung der Institutionen darstellen". Das heißt, wer sozial gerecht ist, bekommt mehr Geld. Auch die Unis selbst müssten, so Lassnig, "Verantwortung übernehmen und soziale Ausgewogenheit als Bestandteil ihrer Qualität anstreben." Das reiche von "Sorgfalt bei der Erfassung der statistischen Daten" über Studienberatung und die Beziehung des Uni-Systems zum Schulsystem bis hin zu Unterstützungsangeboten zur Vereinbarkeit von Studium und Beruf.

Wobei das Bemühen um mehr Gerechtigkeit beim Zugang zu höherer Bildung schon weit vor der Uni beginne, betont auch die IHS-Studie. "Der Vorlauf in der ,Bildungspipeline‘ muss berücksichtigt werden." Lassnig konkretisiert: "Als erste Konsequenz müssen die Ungerechtigkeiten im Vorfeld beseitigt werden." Unzählige Studien, auf die sich auch die EU-Kommission stütze, belegten ganz klar, "dass die frühe Trennung der Kinder mit zehn Jahren soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit erhöht. Vier Jahre frühere Teilung erhöht die Ungleichheit um ein Viertel. In differenzierten Systemen sind die späteren Leistungen signifikant unterschiedlicher als in nicht differenzierten".

Daran anschließend müsse Bildungspolitik sich fragen, ob man beim Uni-Zugang etwas ändern wolle. Und da hätte die Analyse gezeigt, dass Uni-Aufnahmeverfahren nicht per se negative Konsequenzen hätten, sondern "es hängt davon ab, wie sie gestaltet sind, und es muss gezielte und massive Gegensteuerung durch ein politisches Programm zur wirksamen Förderung benachteiligter Gruppen geben", sagt Lassnig. Bei der Gestaltung der Aufnahmeverfahren rät er zu "gemischten Modellen", u.a. mit "nicht traditionellen Möglichkeiten für Erwachsene". (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2007)

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