Der Höhenflug der Riesenfalken

31. Jänner 2007, 13:16
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Durch Zuchtmaßnahmen in der Falknerei entstandene hybride Vögel stellen eine ernsthafte Bedrohung kleinerer, wildlebender Exemplare dar

Zwei Forscherinnen des Naturhistorischen Museums untersuchten den Genpool seltener Falkenarten. Dabei stellte sich heraus, dass durch Zuchtmaßnahmen in der Falknerei hybride Vögel entstanden sind, die für die kleineren Falken in freier Wildbahn eine ernsthafte Bedrohung darstellen könnten.


Die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung hat nicht nur die Nutztierzucht grundlegend verändert. Sie spielt mittlerweile auch bei Wildtieren eine wichtige Rolle. So wären manche Nachzuchtprogramme für gefährdete Tierarten in Zoos ohne sie noch schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Doch die neuen Zuchtmöglichkeiten haben auch ihre Schattenseiten: Manche bedrohte Arten stehen durch solche Maßnahmen vor neuen, bisher ungekannten Problemen.

In den 1970er Jahren ging der Bestand vieler Greifvögel in ganz Europa dramatisch zurück. Hauptursache dafür war der großflächige Einsatz von DDT, das neben vielen anderen unerwünschten Nebenwirkungen auch dafür sorgte, dass die Eierschalen so brüchig wurden, dass ein guter Teil der Jungvögel noch vor dem Schlupf starb. In der Zwischenzeit haben sich die Populationen zwar wieder etwas erholt, aber einige Großfalkenarten sind nach wie vor in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes bedroht.

Seltener Sakerfalke

Am Naturhistorischen Museum Wien befasst sich eine Forschergruppe unter der Leitung der Genetikerin Elisabeth Haring und der Ornithologin Anita Gamauf im Rahmen eines FWF-Projektes mit dem sehr seltenen Sakerfalken (Falco cherrug). Er ist ein Bewohner der eurasischen Steppen und Halbwüsten und erreicht im östlichen Niederösterreich und Nordburgenland den westlichsten Rand seines Verbreitungsgebietes. Seine Gesamtpopulation im pannonischen Raum beläuft sich auf etwa 250 Brutpaare, in Österreich ist er mit geschätzten 15 bis 25 Paaren vertreten. Gemeinsam mit dem arktisch verbreiteten Gerfalken (Falco rusticolus), dem afrikanischen Lannerfalken (Falco biarmicus) und dem indischen Luggerfalken (Falco jugger) gehört er zur Gruppe der so genannten Hierofalken, die für gewerbliche Zwecke mittels künstlicher Befruchtung häufig und erfolgreich gekreuzt werden – allerdings mit schwer abzusehenden Folgen für die bedrohte Wildpopulation.

Die aus verschiedenen Vertretern der Hierofalken-Gruppe entstehenden Kreuzungsprodukte sind voll fortpflanzungsfähig. Das ist überraschend, weil die Hybride zweier Arten gewöhnlich steril werden. Wie die Forscherinnen des Naturhistorischen Museums mittels genetischer Untersuchungen zeigen konnten, haben sich die vier Arten der Hierofalken höchstwahrscheinlich erst vor der letzten Eiszeit (vor nicht mehr als 20.000 Jahren) getrennt. Stammesgeschichtlich gesehen ist das so kurz, dass ihre genetische Ausstattung offensichtlich noch voll kompatibel ist.

Da der afrikanische Lannerfalke die höchste innerartliche genetische Differenzierung der Gruppe aufweist, gehen die Forscherinnen davon aus, dass der Ursprung der Hierofalken in Afrika lag. In dem in den 1990er Jahren eingerichteten DNA-Labor des Naturhistorischen Museums haben Haring und ihre Gruppe jedoch nicht nur die stammesgeschichtliche Verwandtschaft der Hierofalken untersucht, sondern auch den Zustand der gegenwärtigen Populationen. Das in den letzten Jahren wieder aufgeflammte Interesse an der Falknerei als Hobby führt zu einer gesteigerten Nachfrage nach Beizvögeln. Die farblichen Variationen und jagdlichen Eigenschaften, die bei der Kreuzung verschiedener Arten entstehen, sind für viele Freizeit-Falkner besonders attraktiv und Züchter bemühen sich entsprechend, solche Vögel anzubieten.

Gleichzeitig ist die Falknerei jedoch eine schwierige Kunst, und nicht jeder ausgesandte Greif kehrt auf den Lederhandschuh zurück. Geschätzte 10 bis 20 Prozent aller Beizfalken gelangen auf diese Art oder als Volieren-Flüchtlinge in die freie Wildbahn. Die Forscherinnen untersuchten 240 Falken auf ihre genetische Herkunft. Sie wollten herausfinden, ob der Sakerfalke in Österreich seit der Einführung der künstlichen Befruchtung 1970 einen Verlust an genetischer Variabilität zu verzeichnen hat und inwieweit es zu einer Vermischung mit anderen Arten gekommen ist. Die Vergleichsdaten aus der Zeit vor 1970 lieferten dazu bis zu 150 Jahre alte Vögel aus verschiedenen Museumssammlungen der ganzen Welt.

Die Gene der Falken

Wie sich herausstellte, ist der österreichische Genpool des Sakerfalken im Vergleich zu historischen Populationen nicht verarmt. Allerdings wurden rund 20 Prozent der Sakerfalken aus dem pannonischen Raum als potenzielle Hybriden oder Nachkommen von Hybriden identifiziert. "Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind in der Praxis schwer abzuschätzen", erklärt die Greifvogelexpertin Anita Gamauf, "aber es gibt eine Menge denkbarer Folgen." Eine davon ist, dass die beliebte Kreuzung von Sakerfalken mit dem wesentlich größeren Gerfalken Hybriden hervorbringt, die überdimensionierten Sakerfalken ähneln. Bei allen Falken sind die Weibchen deutlich größer als die Männchen, doch "ein männlicher Ger/Saker-Hybride erreicht die Dimension eines stattliches Saker-Weibchens", führt Gamauf aus.

Bedrohliche Hybride

Das könnte zu zweierlei führen: Die großen Hybrid-Männchen könnten die kleineren Saker-Männchen in territorialen Auseinandersetzungen töten und damit reine Saker auf längere Sicht aus dem Gen-Pool eliminieren. Ebenso denkbar wäre, dass sich Sakerweibchen im Zweifelsfall bei der Paarung für größere Männchen entscheiden, weil diese bessere Chancen haben, die Brut mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Auch das könnte zur Verdrängung der reinen Sakerfalken führen. Prinzipiell gibt es kaum einen Aspekt im Leben der Vögel, der durch den Eintrag fremder Gene nicht verändert werden könnte. Selbst verhältnismäßig geringe Abweichungen bei der Länge des Schnabels oder der Beine bzw. Krallen können Einfluss auf das Beuteschema haben, ebenso wie Flügelform und -länge sich möglicherweise auf die Geschwindigkeit und Schnittigkeit des Fluges und damit wieder auf den Nahrungserwerb auswirken. Die Möglichkeiten der Veränderung sind nahezu unbegrenzt – und die Auswirkungen können verschlungene Wege gehen.

Das Ausmaß des Problems zeigte die Untersuchung von 19 Gerfalken aus Skandinavien: Zwei davon wiesen genetische Anteile des dort gar nicht vorkommenden Sakerfalken auf – und das, obwohl die Falknerei in Skandinavien verboten ist und daher auch keine Hybriden aus dieser Quelle in Umlauf geraten. Der Ursprung dieser Hybriden ist ungeklärt, für die Arterhaltung bedeuten sie jedenfalls eine mögliche Bedrohung. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1. 2007)

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FWF
  • Ger- und Lannerfalke gehören zu den Hierofalken, die für gewerbliche Zwecke häufig mittels künstlicher Befruchtung gekreuzt werden.
    foto: standard/pareys vogelbuch

    Ger- und Lannerfalke gehören zu den Hierofalken, die für gewerbliche Zwecke häufig mittels künstlicher Befruchtung gekreuzt werden.

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