"Die erste Bedingung ist Qualität"

30. Jänner 2007, 19:06
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Ernst-Ludwig Winnacker, der erste Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats, im Interview mit Klaus Taschwer

Mit der Gründung des Europäischen Forschungsrats bricht in der EU eine neue Ära der Forschungsförderung an. Ernst-Ludwig Winnacker, der erste Generalsekretär des EFR, sprach mit Klaus Taschwer über das Budget, die Pläne und die Prinzipien des neuen Rats.


Standard: Der Europäische Forschungsrat wird von vielen als echte Revolution in der europäischen Forschungspolitik angesehen. Was ändert sich dadurch, insbesondere für die Förderung der Grundlagenforschung?
Winnacker: Auch in den früheren Forschungs-Rahmenprogrammen der EU war Grundlagenforschung nicht verboten. Aber im 7. Rahmenprogramm, das gerade angelaufen ist, wird sie erstmals dezidiert genannt und steht im Programm "Ideen" ganz explizit im Vordergrund. Das ist tatsächlich völlig neu. Und dieses Programm "Ideen" ist im Grunde nichts anderes als der EFR.

Standard: Wie gut ist Ihr Programm finanziell ausgestattet?
Winnacker: In den nächsten sieben Jahren sind immerhin 15 Prozent des Budgets der Generaldirektion Forschung dafür reserviert, also rund 7,5 Milliarden Euro. Wir beginnen heuer mit 300 Millionen, nächstes Jahr sind es 600, 2009 dann 900, ehe es sich auf etwas über einer Milliarde einpendeln wird.

Standard: Warum kam man auf EU-Ebene erst jetzt auf die Idee, Grundlagenforschung gezielter zu fördern?
Winnacker: Die Europäische Union war ja bisher vor allem eine Wirtschaftsunion. Bis jetzt ging es darum, die Wege für die benachteiligten Länder Europas zu öffnen. Die Strukturfonds, die das begleiten, sind ja regional und viel besser dotiert. Gleichwohl haben Länder wie Irland, Spanien oder zuletzt Polen viel Geld aus dem Infrastrukturbereich in die Bildung und in die Wissenschaft investiert. Nun hat man eine weitere Entwicklungsstufe erreicht und erkannt, dass die entscheidenden Basisinnovationen aus der Grundlagenforschung kommen, weshalb man auch auf EU-Ebene mehr für sie tun will als bisher.

Standard: Geschieht dafür auf nationaler Ebene zu wenig? Es gibt doch auch den österreichischen FWF und die DFG und all die anderen nationalen Forschungsfonds der EU-Mitgliedsstaaten?
Winnacker: Auf der einen Seite ist es natürlich so, dass man national schon viel Forschung fördert: Zusammen genommen sind es national rund 22 Milliarden jährlich. Im Vergleich dazu ist die Milliarde des EFR natürlich wenig. Auf der anderen Seite haben die nationalen Förderorganisationen den Nachteil, fragmentiert zu sein. Man kann also nicht mit österreichischem Geld in England fördern und damit auch nicht die Allerbesten wirklich großzügig unterstützen.

Standard: Was sind die Grundprinzipien der EFR-Förderung?
Winnacker: Der EFR macht Ausschreibungen, in denen es im Prinzip nur zwei Rahmenbedingungen gibt. Die erste Bedingung ist Qualität. Und die zweite besteht darin, dass die Forscher in Europa arbeiten müssen, inklusive der Schweiz, Israel und Norwegen. Das kann aber auch ein Chinese sein, der hier arbeiten möchte. Unser erstes spezifisches Instrument wird die Förderung von Nachwuchsgruppen sein. Die wird ein Viertel des Budgets ausmachen. Und dann wird es ein Programm für etablierte Forscher geben, das – anders als die bisherigen EU-Forschungsprojekte – völlig unbürokratisch funktioniert. Da braucht es keine Netzwerke. Ein "individuelles Team" kann bei uns auch ein Forscher allein sein.

Standard: Sie sind anlässlich einer Preisverleihung für Jungwissenschafter an die Österreichische Akademie der Wissenschaften nach Wien gekommen. Wird in Europa nicht genug für den Nachwuchs getan?
Winnacker: Ich denke nicht. Das fängt bei den Studierenden mit den schlechten Betreuungsverhältnissen an und setzt sich nach der Promotion fort. Da ist man einerseits schon auf dem Weg zur Professur, kann aber andererseits im Normalfall nicht selbstständig forschen, weil man für andere arbeiten muss. Deshalb hatte im EFR auch das Nachwuchsförderungsprogramm höchste Priorität.

Standard: Wie organisieren Sie denn eine solche Ausschreibung? Wer kann sich denn dafür bewerben?
Winnacker: Die erste Ausschreibungsfrist endet am 25. April. Bewerben können sich im Prinzip alle Nachwuchsforscher aus allen Disziplinen, also auch aus den Geisteswissenschaften. Das Alter spielt keine Rolle, es kommt nur darauf an, dass Ihre Promotion zwei bis sieben Jahre zurückliegt, dass Sie in Europa forschen – und vor allem: auf die Qualität Ihrer bisherigen Arbeit und Ihres Antrags. Ich kann nicht sagen, wie viele Anträge wir kriegen werden. Aber ich schätze, dass es rund 3000 bis 5000 sein werden. Die werden dann von 20 sehr interdisziplinär organisierten Forscherpanels begutachtet. Davon werden wir die 200 bis 250 besten pro Jahr fördern können.

Standard: Gibt es spezielle Instrumente zur Förderung von Forscherinnen?
Winnacker: Nein. Aber auf dieser Ebene wird das auch keine Rolle spielen, wie wir aus den deutschen Programmen wissen. Da hatten wir über 30 Prozent Frauen. Eine Quote braucht man allenthalben bei den Professuren. In Deutschland zum Beispiel gibt es bei den Ordinariaten nur neun Prozent Frauen, und dieser Anteil ist in zehn Jahren bloß um einen Prozentpunkt gestiegen. Letztes Jahr habe ich einmal öffentlich vorgerechnet, dass Deutschland im Jahr 2160 den heutigen Stand Finnlands erreichen würde. Grundsätzlich bin ich gegen Quoten. Aber wenn es nicht anders geht... Standard: Wie sehen Sie im Moment die Konkurrenz zu den USA? Der Braindrain beim Nachwuchs verläuft ja nach wie vor von hier nach dort.
Winnacker: Grundsätzlich ist es gut, wenn man zur Ausbildung nach Nordamerika geht. Ich habe ja auch ein paar Jahre dort gearbeitet. Wenn Sie eine Post-Doc-Stelle am Children’s Hospital in Boston kriegen, dann müssen Sie ja fast hin. Die Frage ist nur, ob man danach in Europa einen Platz findet, an dem man genauso gut forschen kann. An manchen Orten ist das sicher der Fall, aber in bestimmten Bereichen tun wir uns bei den jungen Forschern ziemlich schwer. Die jungen Mediziner bei uns haben ja gar keine Zeit zur Forschung, weil sie im Krankenhausbetrieb so eingespannt sind.

Standard: Und wie sehen Sie die Herausforderung durch die Wissenschaft in Asien?
Winnacker: Die absoluten Zahlen in China sind heute so wie die absoluten Zahlen bei uns. Die Chinesen haben vor zehn Jahren die Satzungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft übersetzt und haben jetzt eine National Science Foundation. Die hat mittlerweile ein Budget von zwei Milliarden Euro – das ist so viel wie das Budget der DFG. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1. 2007)

WISSEN
Der EFR

Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist eine völlig neuartige Institution zur Finanzierung von Grundlagenforschung innerhalb des 7. Rahmenprogramms der EU. Zusätzlich zu den bisherigen thematischen Programmen fördert der EFR im Rahmen des mit über sieben Milliarden Euro dotierten Schwerpunkts "Ideen" innovative Frontier Research, also Forschung an den Grenzen des bisherigen Wissens, die keine unmittelbare Anwendung oder Verwertbarkeit haben muss. In den EFRProgrammen gilt als einziges Auswahlkriterium die Qualität der eingereichten Projekte. Der Rat hat damit vergleichbare Aufgaben wie die USamerikanische National Science Foundation, die auch als Vorbild diente. Vizepräsidentin des insgesamt 22 Mitglieder umfassenden Förderungsgremiums ist die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny.
  • Ernst-Ludwig Winnacker meint, dass es gut sei, wenn man zur Ausbildung nach Nordamerika geht. "Die Frage ist nur, ob man danach in Europa einen Platz findet, an dem man genauso gut forschen kann."
    foto: standard/matthias cremer

    Ernst-Ludwig Winnacker meint, dass es gut sei, wenn man zur Ausbildung nach Nordamerika geht. "Die Frage ist nur, ob man danach in Europa einen Platz findet, an dem man genauso gut forschen kann."

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