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30. Jänner 2007, 18:08
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Gesellschaft am Altern: In den Alltag integrierte, intelligente Systeme sollen flegebedürftigen Menschen ein normales Leben garantieren

Die Gesellschaft wird immer älter, das Pflegesystem hat aber schon heute Lücken. Die Lösung des Problems sollen in den Alltag integrierte, intelligente Systeme liefern, die den pflegebedürftigen Menschen ein normales Leben garantieren sollen. Im Notfall werden Alarmsignale automatisch ausgelöst.


Spätestens mit der Debatte der vergangenen Monate wurde deutlich, dass in Bezug auf das Pflegesystem schon heute Handlungsbedarf besteht. Die zunehmende Lebenserwartung der Menschen und die sinkenden Geburtenraten werden die Lage in den nächsten Jahrzehnten noch verschärfen: Einer großen Anzahl alter Menschen werden verhältnismäßig wenige Junge gegenüberstehen. Wer aber soll jene pflegen, die in dreißig oder vierzig Jahren alt sein werden? Hoffnung scheint vonseiten der Forschung zu kommen. "Assisted living" und "ambient intelligence" heißen die Zukunftsformeln. Wohnräume bzw. Gebrauchsgegenstände sollen elektronisch so ausgestattet werden, dass sie den Menschen möglichst lange ein autonomes Leben ermöglichen. Kameras oder Sensoren, die an Wänden oder Möbeln montiert, aber auch in Kleidung und Schuhe eingebaut werden und miteinander kommunizieren, sollen Sicherheit und Komfort erhöhen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Meldungen von sensationellen Neuerungen in diesem Bereich: vom denkenden Teppichboden bis zum intelligenten Kühlschrank. Man könnte glauben, dass die intelligente Umgebung längst gang und gäbe sei. "Es stimmt, dass es viele Grundtechnologien schon gibt", erklären Gerhard Russ und Barbara Prazak von den Bereichen Smart Systems und Biomedical Engineering der Austrian Research Centers (ARC). "Die große Herausforderung ist aber, das Ganze in einem System zusammenzubringen." Seit einem Jahr arbeiten die beiden Forschungsgruppen gemeinsam an dem Projekt S.A.F.E. (Safety Assistant For the Elderly): Sensoren erfassen Aktivitäten und Bewegungen eines Menschen in seiner Wohnsituation. Eine speziell entwickelte Analysesoftware auf einem Rechner ist mit den Sensoren via Funk verbunden und erkennt typische Verhaltensmuster des Bewohners. Gibt es auffallende Abweichungen, z.B. einen Sturz oder überlaufendes Wasser, gibt das System Alarm an eine Pflegeperson.

"Die Neuigkeit an dem System ist, dass man ihm nicht sagen muss, was typische Verhaltensmuster sind", sagt Projektleiter Russ. "Es lernt innerhalb weniger Wochen, wie eine Person normalerweise lebt." Im Haus Wieden vom Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser läuft gerade eine Testphase, wo rund um die Uhr Daten gesammelt werden. "Wir wollen das System exakt an die individuellen Bedürfnisse der Benutzer anpassen und vor allem ethische Gesichtspunkte mitberücksichtigen", sagt Prazak. Sie betont auch, dass das Pflegepersonal nicht ersetzt, sondern unterstützt werden soll. Auch an der TU Wien tüftelt man an einem System, das in diese Richtung geht: Peter Palensky und Gerhard Pratl vom Institut für Computertechnologie wollen die Gebäudeautomation so weit verbessern, dass ältere oder behinderte Menschen über eine intelligente Wohnumgebung eine 24-Stunden-Unterstützung erfahren.

Kleine Geräte mit integrierter Kamera, Mikrofonen und einem winzigen Computer sollen in der Wohnung verteilt werden und das Leben beobachten bzw. Situationen einschätzen. Wenn ein abnormaler Fall auftritt, z.B. weil eine Person nicht im gewohnten Zeitrahmen das Bett verlässt, wird eine Nachricht gesendet. Auch soll das System erkennen, wenn jemand zu wenig trinkt – "ein häufiges Problem bei älteren Menschen", sagt Pratl. Allerdings dürfen sich die Menschen nicht überwacht fühlen. "Man muss hier sehr sensibel sein", betont Pratl. Man arbeite deshalb auch mit Psychoanalytikern und Neurowissenschaftern zusammen. Die Finanzierung des Projektes erhoffen sich Palensky und Pratl vom transnationalen EU-Forschungsprogramm "Ambient Assisted Living" (AAL). Die Chancen stehen gut, denn auch die forschungspolitische Seite setzt voll auf die "intelligente Umgebung" als Zukunftstechnologie.

Einerseits sollen durch neue Technologien die Ausgaben im Gesundheits- und Pflegebereich reduziert werden, andererseits durch die Stärkung dieses Bereiches Europas Wettbewerbsfähigkeit in Forschung und Entwicklung gestärkt und die Wirtschaft angekurbelt werden. Auch Alois Ferscha vom Institut für Pervasive Computing an der Universität Linz schätzt die Entwicklung im Bereich "ambient intelligence" sehr positiv ein. Optimal sei, wenn der Mensch gar nicht merkt, dass er es mit einem Computer zu tun hat. Dieser solle ruhig im Hintergrund stehen und dem Menschen dienen. "Computer sind zwar weit entfernt von jeglicher Intelligenz", sagt der Experte, "aber sie reagieren um ein Milliardenfaches schneller als jeder Mensch." Natürlich sei die Entwicklung auch mit Risiken verbunden, vom gläsernen Menschen bis hin zu Elektrosmog. Aber es sei hier wie bei jeder anderen technischen Errungenschaft, sagt Ferscha: "Es liegt an uns, etwas Gutes daraus zu machen." (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1. 2007)

  • Wie eine Armbanduhr sind heutige Notfallhelfer zu tragen. Ein Knopfdruck löst Alarm aus.
    foto: standard/telecare

    Wie eine Armbanduhr sind heutige Notfallhelfer zu tragen. Ein Knopfdruck löst Alarm aus.

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