Wer keine Falten hat, hat nicht gelebt

9. Oktober 2007, 11:08
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Anti Aging ist so irre­führend und falsch wie Anti-Sonnenuntergang, so der Dermatologe Volker Steinkraus im Interview über Traum und Wirklichkeit in der Kosmetikbranche

derStandard.at: Sie als Dermatologe sagen: "Wer keine Falten hat, hat nicht gelebt". Warum wollen trotzdem so viele Menschen "faltenlos" und "makelfrei" wirken?

Steinkraus: Wir leben inzwischen in einer Welt, die sich in bisher nicht gekanntem Ausmaß Äußerlichkeiten zuwendet. Der Blick fokussiert sich primär auf sichtbare Dinge, wozu auch die Haut gehört. Schönheit und eine jugendliche Ausstrahlung werden bei erfolgreichen Menschen quasi vorausgesetzt. Die Haut ist ein Medium für visuelle Kommunikation und es ist daher verständlich, dass der Wunsch nach Schönheit häufig über die Haut ausgelebt wird.

derStandard.at: Was bedeutet für Sie Schönheit?

Steinkraus: Die sogenannte "schöne Haut" ist schwer zu definieren, da Schönheit individuell empfunden wird. In der Regel wird aber nur eine gesunde und "ungestresste" Haut, die Vitalität ausstrahlt, als schön empfunden.

derStandard.at: Und wie kann man diese erreichen?

Steinkraus: Die meisten Menschen haben von Geburt an eine schöne Haut. Das Ziel sollte sein, diese natürlichen Anlagen zu erhalten. Hierbei kommt dem Meiden der Stressfaktoren hohe Bedeutung zu.

derStandard.at: Welche Faktoren sind das genau?

Steinkraus: Als größtes Organ des Menschen bietet die Haut eine riesige Angriffsfläche für physikalische und chemische Reize von außen. Seelische Belastung, Überarbeitung, Schlafdefizite, hormonelle Störungen, schlechte Ernährung und Nikotin tun ihr Übriges. Ein ausgeglichenes Leben und eine biologische Pflege helfen, die Schönheit der Haut zu erhalten.

derStandard.at: Gibt es Pflegeprodukte, die die Hautalterung verzögern oder stoppen können?

Steinkraus: Die besten Ergebnisse liegen für Vitamin A und seine Abkömmlinge vor. Diese Stoffe können in geringem Maße zu einer Neubildung von Kollagen und damit zu einer Straffung der Haut führen. Daneben gibt es weitere Wirkstoffe wie Antioxidantien und andere Vitamine, die der Haut dabei helfen, ihre natürliche Schönheit zu bewahren.

derStandard.at: Ob Meeresalgen, Fruchtsäuren oder Vitamine - was braucht die Haut und was ist Marketingmasche?

Steinkraus: Die Eigenleistungen der Haut und ihre Fähigkeit, Selbstschutzmechanismen zu aktivieren, werden oft unterschätzt. Jede einzelne Hautzelle ist eine "biochemische Powerfabrik" und kann hochspezialisierte Leistungen erbringen. Zur Optimierung ihres Arbeitsprogramms braucht die Haut jedoch eine typgerechte Pflege, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, das Pflegeprogramm für die Haut durch den gezielten Einsatz von Algen, Fruchtsäuren oder Vitaminen zu ergänzen. Wie in allen Bereichen unseres Lebens, in denen Produkte verkauft werden, gibt es natürlich auch in der kosmetischen Industrie ausgefeilte Marketingstrategien.

derStandard.at: Was bleibt in der Anti Aging Kosmetik Traum und was ist wirklich möglich?

Steinkraus: Der Begriff Anti Aging ist irreführend und genauso falsch wie das Wort Anti-Sonnenuntergang. Insofern gibt es derzeit nur wenig Wahrheit im allseits postulierten Jungbrunnen. Dennoch verfügen wir in der Zwischenzeit über Wirkstoffe und neue Techniken (z.B. Laser), deren richtiger Einsatz die Oberflächenstruktur der Haut verbessert und die Menschen auch optisch verjüngt.

derStandard.at: Was sind die neuesten Forschungen und Produktgruppen am Markt?

Steinkraus: Neuere Wirkstoffe der letzten Jahre kommen häufig aus der Natur. Was die Natur über Millionen von Jahren in der Evolution aufgebaut hat, ist meist beispielhaft in Funktionalität und Effektivität. Die medizinische und auch die kosmetische Forschung sind dabei, sich mehr und mehr Prinzipien der Natur eigen zu machen und für eigene Produkte anzuwenden.

derStandard.at: Können Sie Östrogensalben zur Hautverjüngung empfehlen?

Steinkraus: Wenn der Einsatz von Östrogenen vorher mit dem Gynäkologen abgesprochen wird, ist gegen östrogenhaltige Produkte nichts einzuwenden. Sie wirken ohne Frage optisch hautverjüngend. Östrogensalben sind jedoch verschreibungspflichtig und ihr Einsatz fällt nicht mehr unter Kosmetik.

derStandard.at: Sind Hormone wie DHEA und HGH als medizinische Anti-Aging-Produkte anerkannt?

Steinkraus: Der Einsatz von DHEA ist in der sogenannten Anti-Aging-Medizin nur bedingt anerkannt, der von HGH ist sicher nicht anerkannt. Vom Einsatz des Letzteren können möglicherweise Effekte ausgehen, die das Gegenteil von dem bewirken, was erreicht werden sollte.

DHEA ist eine Vorstufe von Hormonen und seine Konzentration sinkt im Laufe des Lebensalters. Es gibt offensichtlich Menschen, die von einer ärztlich kontrollierten DHEA-Zufuhr profitieren, insbesondere, wenn ein Defizit vorlag.

derStandard.at: Hautpflege von Innen: Abgesehen von Hormonpillen – Nahrungsergänzungen werden immer häufiger für einen "strahlen schönen, jugendlichen Teint" angeboten. Was wirkt und was kann man definitiv nicht empfehlen?

Steinkraus: Das Gebiet der Nutri-Cosmetics, das heißt kosmetische Pflege durch Nahrungsergänzungsmittel ist sicher auf dem Vormarsch. Es gibt inzwischen eindrucksvolle Daten über verschiedene Stoffe aus der Pflanzenwelt, die hautschützend wirken.

Hierzu gehören zum Beispiel Flavonoide, Isoflavone und Karotinoide. Ob die Mengen dieser Stoffe, die wir mit der Nahrung aufnehmen, tatsächlich für einen nachhaltigen Hautschutz ausreicht, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

derStandard.at: Wo liegt bei Ihnen die Grenze zwischen Kosmetik und Medizin?

Steinkraus: Die Grenze ist klar definiert. Handelt es sich um verschreibungspflichtige Wirkstoffe, so haben wir es nicht mehr mit Kosmetik sondern mit Medizin zu tun. Kosmetik beschäftigt sich mit Reinigung, Pflege und Schutz und hat das Ziel, die Hautbarriere intakt und die Hautstruktur jung zu halten.

derStandard.at: Mit welchen Hautproblemen würden Sie nur den Facharzt und keine Kosmetikerin aufsuchen?

Steinkraus: Wenn die Haut unter dauerhaften Irritationen oder Veränderungen leidet, die nicht innerhalb kurzer Zeit von selbst abklingen, sollte unbedingt ein Facharzt für Dermatologie aufgesucht werden.

derStandard.at: Ist Schönheit auch Geldsache?

Steinkraus: Wahre Schönheit kommt bekanntlich von innen. Insofern ist Schönheit keine Geldsache. Ein gut gefüllter Geldbeutel erleichtert aber den einen oder anderen Entspannungsurlaub, Massagen und eine gute Hautpflege – alles Dinge, die das Aussehen am Ende optimieren. (Andrea Niemann)

Siehe:
Gewinnspiel: Zehn Hautpflegesets mit Gesichtspflege, Lippenbalsam und einem Buch zum Thema: Mitmachen

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  • Zur Person
Volker Steinkraus, geboren 1954, ist Facharzt für Dermatologie. Er war kommissarischer Ärztlicher Direktor der Universitäts-Hautklinik Hamburg und leitet gemeinsam mit vier Partnern das Dematologikum Hamburg.

Steinkraus gründete das Skin Biology Center das Hautforschungsuinstitut "SIT" und die Stiftung Dermatologikum Hamburg.
    foto: sbt

    Zur Person
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