Das Korpus, die Wunderdroge

1. März 2007, 16:15
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Das "Deutsche Wörterbuch" von Wahrig lässt zum 40-jährigen Jubiläum mit einigen Neuerungen auf 1700 Seiten keine Fragen mehr offen

Eine Institution kehrt runderneuert wieder: Das "Deutsche Wörterbuch" von Wahrig präsentiert sich in der mittlerweile achten Auflage so umfassend wie nie zuvor. Zum Inkrafttreten der "Rechtschreibreform Neu" wurde das Wörterbuch vollständig überarbeitet, die 1.700 Seiten starke Neuauflage enthält also sämtliche gültigen Schreibweisen und Schreibvarianten.

Erste Auflage 1966

Als Herausgeberin des nicht nur in GermanistInnenkreisen auch einfach als "Der Wahrig" bekannten Werks fungiert seit 1986 Renate Wahrig-Burfeind, die Tochter des 1978 verstorbenen Sprachwissenschafters Gerhard Wahrig, der 1966 den ersten "Wahrig" herausgegeben hatte. Die neue Auflage erschien nun Ende des Vorjahres - rechtzeitig zum 40-jährigen Jubiläum - in neuem, zweifarbigem Layout und mit insgesamt 260.000 Stichwörtern, Anwendungsbeispielen und Redewendungen, von denen 10.000 seit der siebten Auflage (1999) neu aufgenommen bzw. ergänzt wurden (Beispiele: "Sudoku", "Tutorial", "iPod", "Mastermind", "Minijob", "Wunderdroge").

"Das kommt mir spanisch vor"

Rund 250 farbig hervorgehobene Info-Kästen erläutern darüber hinaus Bedeutung, Herkunft und Entwicklung von Stichwörtern und Redewendungen. So erfährt man zum Beispiel beim Stichwort "spanisch" (S. 1379), dass die Redewendung "Das kommt mir spanisch vor" wahrscheinlich auf die Zeit des "spanischen" Habsburgers Karl V. zurückgeht, der später als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation spanische Sitten und Gebräuche bei Hof einführte. Die spanische Entsprechung der Redewendung lautet übrigens "Das erscheint mir chinesisch", während im Englischen - nach Shakespeare - "It's Greek to me!" geklagt wird (wobei allerdings der Hinweis fehlt, um welches Shakespeare-Werk es sich handelt: "Julius Caesar", 1. Akt, II. Szene).

Textkorpus mit 800 Millionen Wörtern

Die Stichwörter des Lexikons wurden mithilfe (auch: mit Hilfe) des digitalen Wahrig-Textkorpus erarbeitet, das auf der Basis repräsentativer Printmedien des deutschsprachigen Raums erstellt wurde und derzeit rund 800 Millionen Wörter umfasst. Diese "digitale Dokumentation" der deutschen Sprache wurde von Wahrig gemeinsam mit Manfred Pinkal, Professor am Institut für Computerlinguistik der Universität Saarbrücken, und der Firma CLT entwickelt und soll größtmögliche Aktualität und Authentizität garantieren.

"In das Wahrig Textkorpus werden die Jahresausgaben deutschsprachiger Medien elektronisch eingespielt", erklärt Ulrike Rehusch, Public Relations Managerin beim Wissen Media Verlag, im Gespräch mit derStandard.at. Aus Österreich werden etwa die Texte des STANDARD in das Korpus aufgenommen, aus Deutschland ist die Süddeutsche Zeitung, aus der Schweiz die Neue Zürcher Zeitung vertreten. "Um die Jugendsprache abbilden zu können, haben wir aber auch die Bravo drinnen", so Rehusch.

Computerlinguistik als Hilfsmittel

Die Texte werden mittels computerlinguistischer Methoden für die Wörterbucharbeit aufbereitet und analysiert. So entstehen Wortfrequenzlisten, die die Wörter und ihre Textbelege nach der Häufigkeit ihres Vorkommens geordnet anführen. Danach erfolgt ein Abgleich mit der Stichwortauswahl des Wörterbuches, im weiteren Verlauf werden schließlich fehlende oder neue Wörter ergänzt und veraltete Begriffe gestrichen.

Das Textkorpus ist aber nur ein Hilfsmittel bei der Suche nach neuen Stichwörtern: "Die Mitglieder der Redaktion halten natürlich selbst auch immer Ausschau nach interessanten Begriffen", so Rehusch. Der "Elchtest", der im Oktober 1997 nach gescheiterten Sicherheitstests der Mercedes-A-Klasse in Schweden plötzlich in aller Munde war, wurde etwa 1999 noch nicht für Wert befunden, in die siebte Auflage aufgenommen zu werden. Erst nachdem das Wort in der Folge auch eine allgemeinere Bedeutung bekommen hatte, wurde entschieden, es in die neue Auflage aufzunehmen. "Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort (Elchtest) seither auch scherzhaft im Sinne von 'Bewährungsprobe' oder 'Feuerprobe' verwendet", heißt es nun in einem Info-Kasten auf Seite 437 dazu, und beim Stichwort selbst findet sich der Satz "Der neue Minister hatte mit seiner Antrittsrede den Elchtest bestanden".

"Lexikon der Sprachlehre" inbegriffen

Neben solchen Beispielsätzen und Hinweisen auf die idiomatische Verwendung einzelner Stichwörter wird das Wörterbuch besonders der Grammatikteil mit Deklinations- und Konjugations-Tabellen auch für Menschen, die Deutsch nicht als "Erstsprache" gelernt haben, besonders hilfreich erscheinen lassen. Vor allem an sprachwissenschaftlich Interessierte richtet sich außerdem das enthaltene ca. 50-seitige "Lexikon der Sprachlehre", in dem sprachwissenschaftliche und grammatikalische Begriffe kompakt erklärt werden. (Martin Putschögl)

  • WAHRIG Deutsches Wörterbuch
8., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage,
Wissen Media Verlag 2006,
ISBN-10: 3-577-10241-1,
ISBN-13: 978-3-577-10241-4,
37,10 Euro
    buchcover: wissen media verlag

    WAHRIG Deutsches Wörterbuch
    8., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage,
    Wissen Media Verlag 2006,
    ISBN-10: 3-577-10241-1,
    ISBN-13: 978-3-577-10241-4,
    37,10 Euro

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