Strache versinkt in den Fußspuren Haiders

1. Februar 2007, 13:13
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SPÖ-Freiheitskämpfer sind "fuchsteufelswild" auf Gusenbauer

Die Geschichte wiederholt sich. Der Wiener Zeithistoriker Gerhard Jagschitz spricht sogar von einer „erstaunlichen Duplizität“ der politischen Biografien der beiden Rechtspolitiker Jörg Haider und Heinz-Christian Strache. Beide nutzten das extrem rechte Lager der FPÖ zum politischen Aufstieg, und beide gerieten auf dem Weg nach oben in schwere Auseinandersetzungen mit ihren deutschnationalen Steigbügelhaltern.

Als Haider 1986 die große Bühne betrat, jubelte die NDP in der Publikation „Klartext“: „Mit der Wahl Dr. Haiders zum FPÖ-Bundesobmann hat sich ein Ereignis vollzogen, auf das wir schon warten, seit Friedrich Peter mit dem Verrat des nationalen Gedankenguts begonnen hatte.“ Es dauerte nicht lange, ehe sich auch Haider realpolitisch veranlasst sah, sich von den braunen Helfern zu verabschieden. Um, wie später Strache, rechtspopulistisch weiterzuagieren. Gerhard Jagschitz im Gespräch mit dem Standard: „Haider hat in dem Augenblick, wo er an seinen Aufstieg dachte, genau das gleiche gedacht, was jetzt Strache denkt. Der rechtsextreme Rand ist mehr Ballast, der mir mehr Stimmen kostet, als er bringt. Strache wollte sich dieses Ballastes offenbar im Stillen entledigen, indem er ihn unterwegs leise verliert. Aber da ist ihm diese Intrige dazwischen gekommen. Jetzt konnte er ihn nicht mehr still verlieren. Er musste eine weinerliche, persönliche Rechtfertigung loslassen.“ FPÖ-Chef Strache sei, wie es auch Haider längst ist, damit nachhaltig beschädigt. Etwa in der Glaubwürdigkeit. Es gehe auch um die Authentizität als „Führerperson“. Wie Haider vor Jahren vermittle jetzt auch Strache ein Bild der Wankelmütigkeit. Etwa in der Interpretierung der fragwürdigen Fotos. Auch sei die jetzige Distanzierung von rechtsextremen Tendenzen als „parteitaktisches Manöver, um politisch punkten zu können, zu durchschauen“. Strache gelte daher jetzt als „Taktierer und Kalkulierer“. Wie Haider. Jagschitz: „Sein ursprüngliches Charisma des Machers ist weg. Seine Leute wollten eine prinzipientreue Führerpersönlichkeit, die sagt, so ist es und so bleibt es. Wenn sich Strache jetzt aus parteipolitischen Gründen, wie seinerzeit Haider, als prinzipienlos erweist, ist die Faszination natürlich weg.“ Der jetzige Konflikt werde Strache daher etliche Prozentpunkte in der Wählergunst kosten, prophezheit Jagschitz.

Wie sich die Bilder doch tatsächlich ähneln. Jörg Haider hatte im Alter von etwa 16 Jahren – wie in der Publikation „Ein teutsches Land“ von Brigitte Galanda dokumentiert wurde – ein überschwänglich deutschnationales Bekenntnis abgegeben. Das die Nationalzeitung ausführlich würdigte. Jahre später, auf dem Weg zur 26-Prozent-Partei, gab’s Haider schon schaumgebremster.

Unscharfe Grenze

Dass nun ausgerechnet SPÖ-Chef und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer derartige Bekenntnisse als „Jugendtorheiten“ verniedlicht, stößt bei Historiker Jagschitz auf harte Kritik. Jagschitz: „Ich glaube, Gusenbauer hat sich die FPÖ immer im Talon gehalten, für den Fall, dass es mit der ÖVP einen Krach gibt. Anders kann ich mir diese vollständig dumme Bemerkung, diesen Blödsinn Gusenbauers über die Strache-Sager nicht erklären. Franz Vranitzky grenzte Jörg Haider aus, was ein Fehler war, denn es gab eben viele Haiderfacetten. Jetzt aber macht Gusenbauer den gegenteiligen Fehler, nämlich dass er überhaupt keine Ausgrenzung vornimmt und damit die Grenze zu rechten Inhalten unscharf wird. Was die SPÖ zerreißt, weil es dort noch aufrechte Antifaschisten gibt, die er jetzt auch noch verliert. Gusenbauer ist im Moment ein wackelnder Seilkünstler auf einem sehr hohen Seil.“ Wie sehr die Reihen der Antifaschisten in der SPÖ verstört sind, dokumentiert ein Schreiben der SP-Freiheitskämpfer Steiermark. „Viele noch lebende Naziopfer und viele junge Antifaschisten sind sehr verärgert und fuchsteufelswild“, heißt es dort. (Walter Müller, Der Standard, Printausgabe, 30.1.2007)

  • Zeithistoriker Jagschitz übt harte Kritik an Kanzler Gusenbauer
    foto: der standard/corn

    Zeithistoriker Jagschitz übt harte Kritik an Kanzler Gusenbauer

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