Ein Hilfeschrei der Universitäten

4. April 2007, 13:53
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Die Rektorenkonferenz fordert von der Politik ein Bekenntnis zur Studienplatzbewirtschaftung. Eine internationale Studie attestiert Österreich nur geringe Zugänglichkeit

Wien – 600 Seiten gilt es zu studieren. Darin sind so ziemlich alle Fragen, die zum Thema Hochschulzugang auftauchen können, beantwortet. Verantwortlich für das Werk ist die Österreichische Rektorenkonferenz, die der Politik damit eine Entscheidungshilfe für das dringend anstehende Großwerk einer Neuregelung des Hochschulzugangs liefert. Zwei Forderungen sind für die Rektoren dabei zentral: jene nach einer Studienplatzbewirtschaftung und – bei nicht ausreichender Finanzierung – jene nach Studienplatzbeschränkungen (s. Thesen).

„Es ist ein Hilfeschrei der Universitäten“, unterstrich der Rektor der Montan-Uni Leoben, Wolfhard Wegscheider, bei der Eröffnung der Reko-Tagung die Dringlichkeit des Anliegens. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (VP) versprach eine „Diskussion mit großer Intensität und Leidenschaft, die sich aber davor hütet, tagespolitisches Kleingeld zu schlagen“. Für Hochschulforscher Hans Pechar von der Uni Klagenfurt kommt dies reichlich spät: „Wir haben das Problem schlicht ignoriert.“ Es gebe eine „Diskrepanz zwischen einigermaßen gut ausgestatteten und sehr schlecht ausgestatteten Fächern“. Das mögen zwar einige wenige sein, aber mit extrem vielen Studierenden.

Während andere Länder mit einer Studienplatzfinanzierung auf diese „Friktionen“ reagiert hätten, habe Österreich nichts getan. Hinzu komme, dass hierzulande die Schullaufbahnen bereits mit zehn Jahren in der Volksschule verzweigt werden – eine „folgenschwere Selektion“.

Beschränkt offen

Besonders problematisch, weil „nicht intendiert“, ist für Pechar zudem folgender Effekt des offenen Hochschulzugangs: Einer internationalen Vergleichsstudie zufolge ist das österreichische Uni-System, obwohl es als „frei“ und „offen“ firmiert, das unzugänglichste (Grafik). Seine auffallendsten Kennzeichen: besonders wenige Absolventen und besonders wenige Studenten aus unteren sozialen Schichten.

Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien empfiehlt indes in der Studie „Hochschulzugang in Österreich“ universitätsweite Studieneingangsprüfungen. Diese sollen vor der Studienzulassung erfolgen und neben schlussfolgerndem Denken und Fachwissen auch die Informiertheit über das jeweilige Studienfach abfragen. Geteilter Meinung sind die Rektoren übrigens darüber, ob sie die Studiengebühren künftig selbst einheben wollen. Anders als Rudolf Ardelt von der Uni Linz kann sich Boku-Rektor Wolf-Dietrich von Fircks dies etwa sehr wohl vorstellen, „wenn uns das Geld nicht vorher abgezogen wird“.

Kritik ernteten die Rektoren von der ÖH, die aus dem Papier den Wunsch nach „Elite-Instituten“ herausliest. Auch die Wissenschaftssprecher der Parteien reagierten ablehnend. „Ausbau, nicht Beschränkung“ sei angesagt, meinte auf SP-Seite Josef Broukal. VP-Pendant Gertrude Brinek richtet den Rektoren aus, sie könnten sicher keine Studentenzahl bestellen. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2007)

  • Rektorenchef Christoph Badelt (li.) freut sich, dass Wissenschaftsminister Johannes Hahn (Mitte) nach Wolfhard Wegscheiders (re.) Hilferuf "mit Leidenschaft" diskutieren will.
    foto: standard/fischer

    Rektorenchef Christoph Badelt (li.) freut sich, dass Wissenschaftsminister Johannes Hahn (Mitte) nach Wolfhard Wegscheiders (re.) Hilferuf "mit Leidenschaft" diskutieren will.

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