"Bei uns zählen nur Rekorde"

20. Februar 2007, 16:02
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Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate investiert Milliarden in Superlative. Der Burj Dubai und eine Skihalle sind nur die Spitze des Baubooms im Reich der Ölscheichs

Dubai - Fast wäre ihm die Kamera aus der Hand gefallen. Nur dank guter Balance kann Ashwien Ramdas im letzten Moment verhindern, dass er zu Boden geht und seine schwere Nikon verliert. Endlich hat er auf dem mit Schutt und Baugerät übersähten Gelände rund um den Burj Dubai eine passende Position gefunden. Er will den Baufortschritt am dereinst höchsten Gebäude der Welt mit der Kamera festhalten.

Ursprünglich sollte der Burj (gesprochen Bursch; Arabisch: Turm, Anm.) Dubai 560 Meter hoch werden. Damit wäre der bisherige Rekord im Gebäudehochbau, den zurzeit Taiwan mit dem 503 Meter hohen Turm "Taipei 101" hält, gebrochen worden. Weil nun aber neue Konkurrenz aus Moskau droht, wollte die den Bau finanzierende Scheichfamilie der Matoums auf Nummer sicher gehen. Sie ordnete an, dass der Turm auf über 800 Meter hochgezogen wird.

"Bei uns zählen nur Rekorde, anderes interessiert hier nicht", sagt Ashwien. Er wurde vor mehr als 30 Jahren als Kind indischer Einwanderer in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, geboren. Wenn man ihn fragt, als was er sich fühlt, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Als Inder natürlich."

Von den 1,1 Millionen Einwohnern Dubais sind etwa 85 Prozent Ausländer, die im Unterschied zu Ashwien nicht in den Emiraten geboren sind. Sie haben dazu beigetragen, dass das Emirat der Superlative den Aufstieg in die Liga der Weltmetropolen geschafft hat. Die Gastarbeiter stammen hauptsächlich aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen. Sie verdienen monatlich zwischen 100 und 250 Euro. Gearbeitet wird in der Regel im Zweischichtbetrieb zu je zwölf Stunden. Einmal alle zwei Jahre gibt es ein Freiticket in die Heimat. Vor etwa zehn Jahren ist Ashwien nach Dubai gezogen. Da war die Verwandlung des Landes schon voll im Gang. Geradezu generalstabsmäßig hat die Herrscherfamilie den Umbau des Emirats, das einst nur vom Öl gelebt hat, in ein Dienstleistungs-, Finanz- und Tourismuszentrum vorangetrieben.

Triebfeder war die Erkenntnis, dass es mit den Ölreserven im südlichen Teil des Golfs bald aus sein würde und dass deshalb rechtzeitig neue Einnahmequellen erschlossen werden müssten. Während die Wirtschaft der Emirate 1985 noch zur Hälfte vom Öl abhängig war, ist sie es heute nur noch zu sechs Prozent.

Die Regierung investiert Milliarden in Superlative, die noch mehr Investoren und Touristen anlocken sollen. Auch das höchste und nobelste Hotel der Welt steht in Dubai. Das Burj al-Arab (Turm der Araber), das mit seiner spektakulären Segelform zum Wahrzeichen der Stadt wurde, ist eine Marketing-Investition des Scheichs. Dass sie sich je wirtschaftlich rechnet, ist fraglich, selbst wenn das Hotel die nächsten 50 Jahre ausgebucht wäre.

Längst gilt Dubai als der wichtigste Finanzplatz zwischen London und Tokio. Die Stadt am Golf hat sich zu einer Drehscheibe im Handel zwischen Asien und Europa entwickelt. Der Hafen Dubai ist ein Umschlagplatz für Waren aller Art und unter den Top Ten der Welt gereiht. Sieben Millionen Urlauber haben die Stadt im Vorjahr besucht. 2015 sollen nach Plänen der Tourismusbehörde zehn Mio. Besucher nach Dubai kommen, angelockt von der Aussicht auf 365 Tage Sonnenschein und Erlebniswelten aller Art bis hin zu einer Skihalle, in der bei Minus zwei Grad gewedelt werden kann. Die Zahl der Hotels soll bis dahin auf 500 aufgestockt werden.

Weltgrößter Flughafen

In Jebel Ali, rund 40 km außerhalb von Dubai, wird an einem weiteren Superlativ gearbeitet. Dort soll der neue internationale Flughafen entstehen. Mit einer Kapazität von 120 Millionen Passagieren und zwölf Mio. Tonnen Fracht wird er der größte der Welt sein.

Am Burj Dubai wird Tag und Nacht gebaut. Im Sommer bei Temperaturen von nicht selten 50 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent kann dann nur mehr in den Nachtstunden gearbeitet werden. Knapp zwei Milliarden Dollar wird das Gebäude kosten, 2008 soll die Eröffnung sein. Auf einer Tafel kann man den Stand der Arbeiten ablesen. Zurzeit ist der Turm 400 Meter hoch, 100 Stockwerke sind aufeinandergetürmt. Täglich kommen drei Stockwerke dazu. Um den Turm von Dubai soll ein neuer Stadtteil entstehen mit Hotel, Büros und einer Einkaufsmall. "Das wird die größte der Welt sein", sagt Ashwien. (Günther Strobl, Dubai, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2007)

  • Mehr als 800 Meter hoch soll der Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden. Zurzeit ist der Turm 400 Meter hoch, 100 Stockwerke sind aufeinandergetürmt. Täglich kommen drei Stockwerke dazu. Gebaut wird der Turm der Superlative zum über-wiegenden Teil von Gastarbeitern aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen.
    foto: standard/strobl

    Mehr als 800 Meter hoch soll der Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden. Zurzeit ist der Turm 400 Meter hoch, 100 Stockwerke sind aufeinandergetürmt. Täglich kommen drei Stockwerke dazu. Gebaut wird der Turm der Superlative zum über-wiegenden Teil von Gastarbeitern aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen.

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