Der Klimawandel erreicht die Börsen

19. März 2007, 15:20
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Luftverschmutzungsrechte als Geldanlage: CO2-Rechte werden heute so gehandelt wie Öl, Gas und andere Rohstoffe

Frankfurt - Ein Mausklick, und die Luft in Europa ist wieder etwas sauberer - zumindest indirekt. Händler wie Ingo Ramming von der Dresdner Bank schieben täglich tonnenweise Kohlendioxid (CO2) um die Welt - jenes Gas, das als Klimakiller verrufen ist.

Der Handel mit Luftverschmutzungsrechten, so genannten Emissionszertifikaten, entwickelt sich zunehmend auch zur Geldanlage. Im vergangenen Jahr wurden gut 1,1 Milliarden Tonnen CO2 auf Basis der Emissionsrechte gehandelt, die von der Europäischen Union mit dem Ziel vergeben worden waren, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken.

Vom Exoten zum Alltäglichen

"Als der Emissionshandel vor dreieinhalb Jahren begann, zählte er zu den Exoten, inzwischen werden CO2-Rechte gehandelt wie Öl, Gas und andere Rohstoffe", sagt der Klimaexperte der Dresdner Bank, Armin Sandhövel. "Schon 2004 gab es einen größeren Markt - in der Erwartung, dass das aus der Nische herauskommt." Bis zu 32 Euro pro Tonne CO2 wurden laut Sandhövel zwischenzeitlich geboten - bis der Markt Mitte vergangenen Jahres einbrach und Anfang 2007 dann nur noch um die vier Euro gezahlt wurden. "Die EU hat sehr viel mehr CO2-Rechte verteilt, als dem Markt gut tut", erläutert Sandhövel.

Der Markt funktioniert bisher vor allem so, dass Unternehmen, die wenig CO2 produzieren, Emissionsrechte an solche verkaufen, die die Umwelt stärker verschmutzen. Die Zertifikate werden beispielsweise an der Leipziger Strombörse EEX gehandelt. "Wir als Bank bringen Liquidität in diesen Markt", sagt Ramming. Allmählich steigen nach Beobachtung von Experten auch Privatanleger, die Umweltschutz und Vermögensbildung verbinden wollen, in den Markt ein. Zudem sei denkbar, dass Umweltschützer mehr in Emissionsrechte investieren und diese aus dem Handel nehmen, um so das Angebot knapper zu machen und die Industrie bei der CO2-Verringerung unter Druck zu setzen.

Klima braucht Wert

"Bisher konnte sich der erwartete Markt nicht entwickeln, weil handwerkliche Fehler gemacht wurden", sagt die Berliner Umweltökonomin Claudia Kemfert. "In fast allen europäischen Ländern gibt es eine Überausstattung mit Emissionsrechten." Die Rede ist von 44 Millionen Tonnen Überschuss. Kemfert, Professorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält es für falsch, dass die so genannten EU-Allowances der ersten Periode (2005 bis 2007) nicht versteigert, sondern kostenlos an die einzelnen EU-Staaten verteilt wurden.

Doch Forscher wie Banker erwarten einen agileren Markt ab 2008: Es deuteten sich weniger Sonderregelungen für bestimmte Branchen wie Energieerzeuger und höhere CO2-Minderungsziele an. Die Deutsche Bank zeigt sich in einer aktuellen Studie davon überzeugt, dass der Emissionshandel seine anfänglichen "Kinderkrankheiten" überwinden und sowohl den Klimaschutz voranbringen als auch die Finanzmärkte bereichern wird.

Geschäfte mit dem Klimawandel nehmen zu

Dresdner-Bank-Experte Sandhövel bekräftigt: "Dieser Markt wird sich verstetigen, weil Klimaschutz als das zentrale Problem des 21. Jahrhunderts anerkannt ist und immer mehr Länder sich auf Klimaschutz und Verringerung von CO2 einstellen." Sandhövel ist sich sicher: "Der Klimawandel findet statt, und damit erweitern sich auch die Geschäftsmöglichkeiten an der Börse."

Kemfert hält es für richtig, dass der Klimawandel die Finanzmärkte erreicht: "Nur wenn wir dem Klima einen Preis geben, verstehen wir, was das Klima kostet." (Jörg Bender/dpa, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1.2007)

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