Zivildiener wollen "ein bisschen mehr Geld ..."

2. Februar 2007, 15:00
73 Postings

Was Zivildienstleistende von der neuen Regierung erwarten - "Sozialdienst statt Studiengebühren" sei "fatal"

Wien - Schon beim Fußgängerübergang der U3-Station Erdberg, Nottendorfer Gasse, wird klar, worum es hier geht: "Hol dir dein Geld zurück!", fordert ein schon etwas verwitterter Sticker an der Fußgängerampel. Die Aufforderung richtet sich an "alle jetzigen und ehemaligen Zivildiener", darunter eine Homepage und eine Info-Telefonnummer. In der Gegend rund um die Stützpfeiler der höher gelegten Südosttangente halten sich offenbar viele Zivildiener auf.

Tatsächlich hat in der Nottendorfer Gasse der Landesverband des Wiener Roten Kreuzes seinen Sitz. 800 Menschen arbeiten allein in Wien für das Rote Kreuz, darunter 120 Zivildienstleistende, wie sie korrekt heißen. Österreichweit werden den Hilfsorganisationen jährlich etwa 10.000 "Zivis" zugeteilt.

Minister egal

Seit Kurzem haben auch sie mit Innenminister Günther Platter einen neuen "Chef". Im Gegensatz zu vielen Bundesheer-Rekruten ist es für die "Zivis" aber kein Problem, dass der "Neue" davor Verteidigungsminister - und ergo für den Dienst mit der Waffe zuständig - war. Benedikt (19) zuckt mit den Schultern, während er sich an der Trage des Einsatzwagens zu schaffen macht: "Solange er seinen Job versteht, ist es mir egal." Schließlich könne ihn, Benedikt, niemand zwingen, "dass ich plötzlich eine Waffe in die Hand nehme". Die Gewissenskommission, bei der man "glaubhaft" machen musste, warum man nicht zum Heer will, ist sowieso Schnee von gestern. Benedikt: "Wir sind hier genauso gefordert wie die beim Bundesheer - nur halt auf andere Weise."

Die Zivildiener sind Rettungssanitäter oder arbeiten im Katastrophenhilfsdienst mit, versorgen alte und hilfsbedürftige Menschen, kümmern sich um Logistik und versehen Telefondienste. Dafür bekommen sie pro Monat 262,90 Euro - plus Verpflegungsgeld, das nach massiven Protesten und einem richtungsweisenden VfGH-Erkenntnis im Vorjahr auf (auch nicht gerade üppige) 13,60 Euro pro Tag festgelegt wurde. "Die Geldbörse wird durch den Zivildienst ziemlich belastet", lächelt der 20-jährige Arif, der seinen Dienst bald beendet. Aber: "Man weiß ja, worauf man sich einlässt."

Alle drei Monate ein neuer

55 Wagen schickt das Wiener Rote Kreuz pro Tag aus, neun bis zehn Einsätze kommen dabei auf ein Einsatzteam, bestehend aus Fahrer, Sanitäter und Zivildiener. "Sie machen dieselben Dinge wie wir", sagt Marko Pfeiler, hauptamtlicher Rettungssanitäter. Mit einem Unterschied: Der 34-Jährige ist der "Chef" im Krankenwagen, er ist es, der die Zivildiener in der praktischen Arbeit ausbildet. Alle drei Monate kommen neue Zivildiener, werden ausgebildet, arbeiten mit und gehen wieder - und irgendwie habe er den Eindruck, "dass die Abfolge immer schneller wird", sagt Pfeiler.

Der Eindruck stimmt: 2005 wurde die Zivildienstdauer, laut gemeinsamem Beschluss von ÖVP, BZÖ, FPÖ und SPÖ, von zwölf auf neun Monate verkürzt - das sind immer noch drei Monate mehr, als junge Rekruten beim Bundesheer "abdienen" müssen.

"Klar wär es fein, wenn wir auch nur sechs Monate hätten", sagt Jakob. Der 18-Jährige ist noch mitten in der Ausbildung zum Rettungssanitäter. Andere sind schon weiter - auch einstellungsmäßig. Paul, ebenfalls 18, ist seit August dabei und hält wenig von einer Verkürzung der Zivildienstdauer: "Zwei Monate lang erhältst du eine Gratis-Ausbildung, dann brauchst du zwei Monate, bis jeder Handgriff sitzt, und dann gehst wieder heim - das wäre nicht fair dem Roten Kreuz gegenüber." Ende März wäre Pauls Zivildienst beendet, doch er überlegt, als freiwilliger Helfer dabeizubleiben und daneben Medizin zu studieren.

Mehrheit bleibt länger

65 bis 70 Prozent der Zivildiener bleiben dem Roten Kreuz zumindest eine Zeitlang als Freiwillige erhalten, sagt Sprecher Bernhard Jany. Arbeitsethos und Moral der Zivildiener seien sehr hoch, sagen die "Hauptamtlichen". "Wer hier herkommt, will den Menschen helfen. Das merkt man gleich", sagt Sanitäterin Manuela Tscherny, "und das muss auch so sein." Denn 90 Prozent aller Tätigkeiten beim Roten Kreuz hätten "etwas mit Psychologie zu tun".

Ihre Einstellung zu vielen Dingen habe sich geändert, sagen die Zivildiener. Man lerne einfach "das Leben kennen, wie es wirklich ist", meint Paul - alte Frauen, die nur darauf warten, von jemandem abgeholt zu werden, der sich mit ihnen unterhält; Menschen, die unter unvorstellbaren Bedingungen hausen; Alkoholkranke, tragische Schicksale und solche, die nirgendwo einen Platz finden. "Das war das Sinnvollste, was ich jemals gemacht habe", sagt Alexander Gratz, "es hat mich von einem eher schlampigen Studenten zu einem ernsthaften Menschen gemacht."

Sozialdienst fatal

Die Selbstfindung macht Gratz freilich nicht zu einem Fan von Kanzler Gusenbauers Losung "Sozialdienst statt Studiengebühren": "Das hat nur Sinn, wenn man es freiwillig macht." Auch die anderen Befragten beim Wiener Roten Kreuz sehen das so - gleich, ob "Zivis" oder "Hauptamtliche". "Den Dienst runterbiegen" funktioniere hier nicht, weiß Benedikt. "Das würde mehr kosten als nützen, schon wegen der langen Ausbildung", meint Paul.

Von der neuen Regierung erwarten sich die "Zivis" nicht besonders viel - höchstens ein wenig finanzielles Entgegenkommen. "Ein bisschen mehr Geld wäre schon schön", sagt Jakob sehnsüchtig. Den anderen bleibt gerade noch Zeit, zustimmend zu nicken. Der Signalton ruft zum nächsten Einsatz. "Leben retten hat Vorrang", scherzt Paul beim Hinausgehen. Keine Zeit für Politik. Vorerst. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe 29.1.2007)

  • Zwei Zivildiener und eine "Hauptamtliche" im Einsatz für das Rote Kreuz: Die meisten bleiben danach auch als freiwillige Helfer im Einsatz.
    foto: fischer

    Zwei Zivildiener und eine "Hauptamtliche" im Einsatz für das Rote Kreuz: Die meisten bleiben danach auch als freiwillige Helfer im Einsatz.

  • Etwa 10.000 Zivildiener jährlich leisten wertvolle Arbeit in den Hilfsorganisationen. Von der Formel "Sozialdienst statt Studiengebühren" halten einige dennoch nichts.
    foto: fischer

    Etwa 10.000 Zivildiener jährlich leisten wertvolle Arbeit in den Hilfsorganisationen. Von der Formel "Sozialdienst statt Studiengebühren" halten einige dennoch nichts.

Share if you care.