Avantgarde und Finanzmarkt

28. Jänner 2007, 18:34
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Die Erste Bank präsentiert im Museum Moderner Kunst in Belgrad eine Auswahl von Kunst aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks: perfektes Marketing eines Expansionskurses

Belgrad - In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts nannte der slowakische Künstler Julius Koller seine Performances Kontakt. Damals war der so genannte Ostblock noch in Ordnung und die so genannte Avantgarde der Kunst bildete sich von heute aus betrachtet recht anonym aus.

Und so haben damals auch die Kunst und der Finanzmarkt völlig getrennt voneinander ihr jeweiliges Auslangen gefunden. Die Bank und die Subversion, die Mächte und deren Kritiker, das Institutionelle und die freieren Geister standen, wenn schon nicht immer kampfbereit gegenüber, so doch einigermaßen verloren zufällig nebeneinander.

Einige historische Turbulenzen später trägt etwa die sehr junge Kunstsammlung der Erste-Bank-Gruppe Julius Kollers Schriftzug Kontakt als Logo und feiert in Belgrad im traurig berühmten Gebäude des ehemaligen jugoslawischen Fernsehens, das zwischenzeitlich durch die Hypo Alpe-Adria einem wachstumsorientierten Wiederaufbau unterzogen wurde, ein Fest. Anlass: Die Präsentation der in den wenigen Jahren seit 2004 zusammengetragenen historischen Sammlung im spätmodernistisch kristallinen Museum für zeitgenössische Kunst. Natürlich musste der vergammelte Bau mit der feinen Aussicht in den Park ringsum auch einer Anpassung an die Wertesysteme der Financiers unterzogen werden. "Keine Ausstellung ohne Ausstellungsarchitektur" gilt eben denen, die zahlen, als ganz, ganz wichtig.

Und so fanden perfekte White Cubes in die 1963 einem sehr erweiterten Begriff von Kubismus entsprungenen Räume. Nicole Six und Paul Petritsch haben die saubere Architektur in der Architektur entworfen, von der sich die Werke der Kollektion nun ganz fantastisch abheben. Der Rest des Museums verblieb samt Haussammlung im abgebrauchten Düster.

Neue Standards

Das unterstreicht vorzüglich die Mission, die Heilslehre des Geldinstitutes, ökonomisches Interesse sozial engagiert darzustellen - die Zukunft ist sauber. Die Zukunft und die Vergangenheit erklärt endlich ein Verein zur Förderung mittel-, ost- und südosteuropäischer Kunst:

"Das Ziel der Sammlung mit dem Namen Kontakt besteht in der Schaffung neuer Standards für die Betrachtung zeitgenössischer Kunst aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Hierbei handelt es sich sowohl um das Entstehen einer kunsthistorisch fundierten als auch um eine auf langfristige Sicht konzipierte marktorientierte Sammlung, die die Spezifität lokaler Kunstpraktiken aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa im internationalen Feld thematisiert."

Das umzusetzen garantiert ein Fachbeirat, der sich aus Silvia Eiblmayr, Kunsthistorikerin und Direktorin der Galerie im Taxispalais in Innsbruck, Georg Schöllhammer, Chefredakteur und verantwortlicher Textchef bei springerin und freier Kurator, Jirí Sevcík, von 1990 bis 1993 Chefkurator der Galerie der Stadt Prag, 1993 bis 1996 Direktor der Sammlung für moderne und zeitgenössische Kunst der Nationalgalerie Prag und seit 1996 Vize-Direktor der Akademie der angewandten Künste in Prag, Branka Stipancic, Kunstkritikerin und freie Kuratorin aus Zagreb, und Adam Szymczyk, Direktor der Kunsthalle Basel, zusammensetzt.

Für die Präsentation wurden Werke von Marina Abramovic, Pawel Althamer, Heimrad Bäcker, Cezary Bodzianowski, Carola Dertnig, Josef Dabernig, Lehocká, Stano Filko, Gorgona, Tomislav Gotovac, Ion Grigorescu, Zobernig, Heinz Gappmayr, IRWIN, Sanja Ivekovic, Ján Mancuska, Julije Knifer, Julius Koller, Jirí Kovanda, Edward Krasinski, Karel Malich, Vlado Martek, Dalibor Martinis, Milica Tomic, Natalia LL, Peter Weibel, Roman Ondák, Sejla Kameric, Mladen Stilinovic, Tibor Hajas, Rasa Todosijevic und VALIE EXPORT ausgewählt - eine homogene Selektion der durchwegs bekannten Namen, eine feine Schau zur Behauptung der unmittelbaren Nähe der Erste-Bank-Gruppe zu den jeweiligen Kunstszenen. Einzig Serbiens Küche zeigt sich dem Einzug des anständigen Wohlstands gegenüber resistent. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 1. 2007)

Bis 1. März
  • Kommentar zu den landläufigen Vorurteilen: Sejla Kameric: "Bosnian Girl", 2003, Poster-Edition von 200 Stück.
    foto: erste bank

    Kommentar zu den landläufigen Vorurteilen: Sejla Kameric: "Bosnian Girl", 2003, Poster-Edition von 200 Stück.

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