Das Elend der Festgefahrenen: Antonin Svobodas "Immer nie am Meer"

8. März 2007, 17:40
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...beim Filmfestival Rotterdam: Nationale Merkmale - meist ein Grund für den fehlenden internationalen Erfolg von Filmkomödien - sind wenig ausgeprägt

Rotterdam - Anlässlich einer Filmreihe zum österreichischen Kino in New York wurde das heimische Kino von der New York Times unlängst als "world capital of feel-bad cinema" bezeichnet - eine Trademark, die auf Festivals Aufmerksamkeit sichert. Immer nie am Meer, der neue Film von Antonin Svoboda (Spiele Leben), fügt sich in dieses Muster nur bedingt ein. Zwar geht es auch hier allen schlecht, aber auf hochkomische Weise. Was damit zusammenhängt, dass sich die beiden FM4-Conferenciers Dirk Stermann und Christoph Grissemann - ergänzt um den Hamburger Entertainer Heinz Strunk - erstmals als Leinwand-(Anti-)Helden versuchen.

Der Spielraum des Films ist denkbar reduziert. Stermann und Grissemann verkörpern zwei Männer, die im wörtlichen Sinne vom Weg abkommen. Auf der Rückfahrt von einer Lokaleröffnung verkeilt sich ihr Auto nach einem Ausweichmanöver - ein mit Panzerglas gesicherter Mercedes, der eigens für Kurt Waldheim angefertigt wurde - in einem Waldabhang in einer Position, die es den Insassen unmöglich macht auszusteigen.

Also sitzen sie in der Einöde fest: ein depressiver Alkoholiker (Grissemann), sein zwanghaft um Takt bemühter Schwager (Stermann) und, als zufälliger Mitfahrer, ein Akkordeon spielender Komiker, der vornehmlich auf Firmenfesten reüssiert (Strunk).

Eine Schicksalsgemeinschaft, könnte man sagen, die in der prekären Lage weniger zu Panikattacken neigt als dazu, sich über die jeweiligen Lebenskrisen auszutauschen. Während existenzielle Grundbedürfnisse zu einer Reihe von Kalamitäten führen, kommt man sich im gleichen Maße näher, wie es Anlass zu Zerwürfnissen gibt. Die Dynamik des Duos Stermann/Grissemann, die konventionelle psychologische Muster verkehrt, ihre ironische Distanz gegenüber den eigenen Figuren, gibt dem Film das komische Tempo vor. Mit mal weinerlichen, mal hysterischen Momenten fügt ihnen Strunk eine weitere Variante männlicher Malaise hinzu.

Nationale Merkmale - meist ein Grund für den fehlenden internationalen Erfolg von Filmkomödien - sind in Immer nie am Meer wenig ausgeprägt. Die drei Festgefahrenen müssen nicht erst auf jämmerliche Existenzen reduziert werden, damit sich ihr Potenzial an Unbeholfenheit ausschöpfen lässt.

Die mitleidslose Perspektive eines kindlichen Beobachter, der ihnen nicht zur Hilfe kommt, sondern sie gleich Ratten in einem Labor studiert, macht sich der Film nicht zu Eigen. Er bleibt ein Kammerspiel um lebensuntüchtige Männer, der die Notlage der Figuren mit Humor bannt. Die Arbeit hat das Zeug zum "crowd-pleaser" - das zeigte die Premiere in Rotterdam, bei der das Publikum aus dem Lachen kaum herauskam. Das Team fand erst nach dem Abspann ins Kino: Es saß aufgrund eines Schneesturms stundenlang im Flugzeug fest. (Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 1. 2007)

Interview
"Was falsch läuft, ist echter"
Christoph Grissemann und Dirk Stermann im STANDARD-Gespräch
  • Nahaufnahme der Verzweiflung: Christoph Grissemann in Svobodas Film "Immer nie am Meer".
    foto: rotterdam festival

    Nahaufnahme der Verzweiflung: Christoph Grissemann in Svobodas Film "Immer nie am Meer".

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