Linzer Rektor im STANDARD-Interview: Freigabe wäre "untragbar"

10. Februar 2008, 22:08
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Rudolf Ardelt über Studiengebühren, Strafpönale für Unis, Fairness für Studenten, und warum ein neu geregelter Unizugang gerechter wäre

Rudolf Ardelt, Rektor der Uni Linz, über Studiengebühren, die die Unis keinesfalls selbst einheben wollen, Strafpönale für Unis, Fairness für Studenten, und warum ein neu geregelter Unizugang gerechter wäre. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat im ORF im "Hohen Haus" vorgeschlagen, dass die Unis die Studiengebühr einheben und die Höhe selbst bestimmen können sollen. Was sagen Sie dazu?

Ardelt: Ich halte nichts davon. Weil damit die politische Verantwortung zur Frage Studiengebühr ja oder nein den Unis übertragen wird. Die Unis haben einerseits den Druck, dass sie die Studienbeiträge im Budget unbedingt brauchen - wir könnten unsere Unis überhaupt nicht in Betrieb halten ohne die Studienbeiträge -, auf der anderen Seite würden die Studenten natürlich erwarten, dass die Rektoren sehr großzügig mit den Regelungen umgehen, also niedrige Studiengebühren verlangen. Das wäre eine untragbare Situation für die Universitäten.

STANDARD: Als untragbar empfinden die Unis auch den ungeregelten Unizugang. Heute präsentiert die Rektorenkonferenz eine 600-Seiten-Studie zum Thema "Hochschulzugang in Österreich". Was erwarten Sie da von der Politik?

Ardelt: Endlich Diskussion und sachliche Auseinandersetzung über den Hochschulzugang. Denn während an Fachhochschulen bestimmte Sachen ganz selbstverständlich erscheinen - wie die Festlegung der Studienplätze und die Finanzierung dieser Studienplätze - ist das an der Universität alles ein Tabu.

STANDARD: Warum ist das so?

Ardelt: Da bin ich überfragt, obwohl ich Historiker bin. Es ist ein tabuisiertes Thema, eine heilige Kuh, über die man nicht reden darf. Was sicher eine Rolle spielt, ist, dass sich, wenn man die Studienplatzfinanzierung an den Unis ernst nimmt, daraus natürlich beträchtliche budgetäre Konsequenzen ergeben.

STANDARD: Die Tagung ist also auch ein Indiz für ein Versäumnis der Politik, die das Thema Unizugang seit Jahren mit der Formel "Wir haben einen freien Unizugang" überdeckt?

Ardelt: Die Politik weicht dieser Diskussion seit Jahren aus. Es geht ja nicht nur um Fragen von Zugang, Zulassungsprüfungen oder Studienplätzen. Das ist ja eine Frage, die die Politik entscheiden muss: Wie viele Studienplätze werden zur Verfügung gestellt? Aber gerade in Bezug auf die Qualität der Ausbildung, vor allem in Massenstudien mit hohen Drop-out-Quoten, muss man einmal die Frage der Studienplatzzahl und der Studienplatzfinanzierung angehen.

STANDARD: Welche Uni-Finanzierung wünschen Sie sich?

Ardelt: So wie in anderen Ländern auch gibt es heute Kennzahlen, wie viel ein Studienplatz in den verschiedenen Studienrichtungen ungefähr kostet. Daran hat man sich ja schon bei den Fachhochschulen orientiert. Wenn man das auch bei den Unis machen würde, könnte man bestimmte Qualitätsstandards auch an die Universität legen: Bittschön, ihr kriegts so viel Geld, dann bringts auch die und die Qualität. Und wenn ihr sie nicht bringt, gibt es zum Beispiel etwa ein Pönale.

STANDARD: Den Rektoren wird oft vorgeworfen, ihr Ruf nach einer Neuregelung des Unizugangs sei einer nach Zugangshürden. Wollen die Rektoren den freien Unizugang kippen?

Ardelt: Nein, ausdrücklich nicht. Es geht nicht um neue Hürden, sondern um geordnete und bessere Verhältnisse, auch und gerade für die Studenten. Man muss doch sagen: Jetzt werden vielfach die Studenten in Massenfächern binnen zwei Semestern durch Hinausprüfen auf die "richtige" Zahl gebracht. Das ist ein ziemlich chaotisches und ungerechtes System. Die Unis entscheiden quasi selbst, wie viele Studienplätze sie anbieten. Der Zugang ist ja schon jetzt auch nicht frei. Man kann das erste Mal frei im ersten Semester inskribieren, aber dann kommen schon die Barrieren und Hürden. Da gehört ein offenes, transparentes, geregeltes System her. Das ist für die Studenten wesentlich fairer.

STANDARD: Was passiert, wenn die Unis keine geregelte Studienplatzfinanzierung kriegen?

Ardelt: Dann bleibt es in den Massenfächern so wie jetzt: suboptimale bis ganz schlechte Studienbedingungen mit der Folge, dass es meistens im dritten und vierten Semester ohnehin nur noch einen Teil der Studierenden gibt, die angefangen haben.

STANDARD: Wie gerecht oder ungerecht ist der Hochschulzugang in Österreich heute?

Ardelt: Das beginnt damit, dass in der Sekundarstufe schon ziemlich genau determiniert wird, wer in die hohen Qualifikationsregionen aufsteigen kann und wer nicht, dass dort schon eine sehr starke Vorselektion stattfindet. Ich glaube schon, dass viele Rektoren die Meinung teilen, dass bei uns zu früh differenziert wird.

STANDARD: Wie schnell muss die Politik handeln, wie hoch ist der Handlungsdruck?

Ardelt: Die Unis brauchen nicht einen limitierten Unizugang, sondern gescheite Finanzen. Wir brauchen für die nächste Leistungsvereinbarung 2010 bis 2012 auf jeden Fall ein neues System, in dem die Leistungen genau festgelegt sind. Das sind nun einmal auch die Studienplätze, die eine Uni finanziert bekommt. (DER STANDARD, Printausgabe 29.1.2007)

Zur Person

Rudolf Ardelt (62), Historiker (Forschungsschwerpunkte u. a. Arbeiterbewegung, NS-Zeit), leitet seit 2000 die Johannes-Kepler-Universität Linz. Verheiratet, zwei Kinder.

  • Unis sollen die Studien-gebühr selbst bestimmen? Nein, sagt Rudolf Ardelt, Uni-Rektor in Linz: "Die politi-sche Verantwortung wird den Unis übertragen."
    foto: rubra

    Unis sollen die Studien-gebühr selbst bestimmen? Nein, sagt Rudolf Ardelt, Uni-Rektor in Linz: "Die politi-sche Verantwortung wird den Unis übertragen."

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