Tiere um uns

27. Jänner 2007, 18:00
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Brüchiges Eis der Normalität: Michael Stavarics neuer Roman "Terminifera"

Von der Pieke auf Alpträume." Unbeschwertheit hat Lois nie kennen gelernt. Zu einer durchschnittlichen Kindheit und Jugend fehlten ihm die Eltern, als Waisenkind ist er in einem Heim hinterm Arlberg aufgewachsen. Finster war's dort, es herrschte ein strenges Regiment. Misshandlungen des zarten Bürschchens standen auf der Tagesordnung, durch die anderen Heimkinder und durch die Erzieher.

"Ein Herz aus Stein aber, das ist schlimmer, als hätte man gar keines." Michael Stavaric trägt in seinem neuen Roman nicht zu dünn auf, aber das ist man schon von seinem Erstling Stillborn gewohnt, der vergangenes Jahr zu einem Überraschungserfolg avancierte. Da lauschte man dem atemlosen inneren Monolog einer nach außen hin schönen und erfolgreichen Frau, die sich wie eine Totgeburt fühlte. In Terminifera nun ist es ein 34-jähriger Krankenpfleger, der Gefühle und Gedanken hegt, um die ihn kein Leser beneiden wird.

Selbstgespräche

"Kein Weg führt daran vorbei, dass man ein Leben lang alleine ist." Lois ist eine Außenseiterfigur, die einem auf der Straße nie als solche auffallen würde. Im Gegenteil: Er sieht gut aus, ist schlank, ein wenig androgyn und wird sowohl von einer Oberärztin als auch einer Krankenschwester umworben. In seinen Selbstgesprächen erweist er sich aber als einer, der unfähig ist, für seine Umgebung tiefere Gefühle zu empfinden. Zumindest nicht für die menschliche.

"Wuff wuff, so ein Kluger." Zuwendung von Lois erfährt einzig sein Hund Sammy, eigentlich eine Hundedame namens Samantha. Die ist ihm irgendwann zugelaufen und geblieben. Lois schätzt sie, weil Hunde nach einfachen Regeln funktionieren, genügsam sind und Zuneigung schenken, ohne viel zu erwarten, wogegen Frauen unablässig Fragen stellen, auf die ihm keine Antworten einfallen wollen. Außerdem hält Sammy Abstand, auch da passt sie gut zu ihrem Herrl.

Gedankensprünge

"Ich erinnere mich, ein kleines Mädchen in einem Heim, das wollte ein Junge sein, gemein gemein." Es braucht einige Seiten, ehe klar wird, ob es sich bei dem Ich-Erzähler um Mann oder Frau handelt. Auch im weiteren Verlauf des Romans werden ab und zu noch vage Hinweise auf ein mögliches Zwitterdasein eingestreut. Tatsächlich dürften Lois' sexuelle Ambiguitäten auf seinen Spitznamen seit Kindertagen gründen. Den hat er wegen einer angeblichen Ähnlichkeit zu Lois Lane, Supermans Gehilfin, verpasst bekommen. Sein richtiger Name wurde dadurch ausgelöscht, zumindest nennt er ihn dem Leser nie.

"Selten genug, dass ich mich auf eine Sache wirklich konzentrieren kann." Lois schweift ständig ab, vollzieht gewagte Gedankensprünge und bereitet dem Leser nicht nur damit einige Mühen. Auch das pausenlose Wechseln zwischen Heimvergangenheit und Krankenhausgegenwart, zwischen nicht klar voneinander abgegrenzten Zeitebenen und zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht dazu angetan, die Lektüre zu einem Honiglecken zu machen. "Warum zum Teufel kannst du etwas nicht ganz normal erzählen, Lois, wie jeder andere auch. Damit man folgen kann." Stavaric hat eine mögliche Beschwerde des Lesers an seinem Roman in diesen eingebaut. Tatsächlich ist es aber gerade die Struktur und Erzählweise, die die Bücher des 35-jährigen gebürtigen Tschechen reizvoll machen. Stavaric hat sich nicht der neuen alten Lust am einfachen Erzählen verschrieben, er stattet seine Texte mit Ecken und Kanten aus, die ruhig auch mal weh tun dürfen.

Denkschablonen

Manchmal glaube ich, Menschen sind einfach nur Denkschablonen, zum Überstülpen, um den Schein von Normalität zu wahren, um der Sehnsucht nach Ordnung Genüge zu tun." Eben eine solche Ordnung ist Lois vor Ewigkeiten verloren gegangen, ja wahrscheinlich konnte er sich nie eine aufbauen. Sein Blick auf die Welt wirkt jedoch nur auf einen ersten flüchtigen Blick hin besonders schräg verzerrt. Sieht man einmal vom banalen Alltag ab, der vieles zudeckt, schlummert in fast jedem ein ähnliches Dämonenpotenzial wie in Lois. Und was, bitte, ist schon normal?

Superman und Spock

"Monster gibt es nicht." Mantrahaft sagt Lois sich diesen Satz immer wieder vor. In seiner Vorstellung wüten haarige Monster über die Mariahilfer Straße, Superman und Spock schalten sich ein, um ihm (mäßig hilfreiche) Superheldenratschläge zu geben. Dafür gibt es echte Tiere. Neben Sammy treten jene Wanderheuschrecken auf, die dem Buch seinen Titel gegeben haben, Spinnen werden zerdrückt, ganze Katzen verschluckt.

"Dead woman talking." Stavaric zitiert gern. Google-Einträge, Lexikon-Einträge, Filme, Songs, sogar Rezensionen von Stillborn. Letztlich zitiert er mit Terminifera auch sich selbst. Im Jahr nach dem Debüt einen Roman nachfolgen zu lassen, der diesem doch ziemlich ähnelt - die Texte entstanden parallel -, scheint eine einigermaßen riskante Veröffentlichungspolitik. Noch dazu, wo der neue Roman der sprachlich etwas weniger eindringliche und deutlich handlungs- und spannungsärmere von beiden ist.

Im Grunde muss man in seinem Leben nur reichlich Schallplatten ankaufen, das ersetzt jeden Herzschrittmacher." Sätze wie dieser sind es, die einen bei der Stange halten. Anderes wirkt übertrieben verrätselt, und es stellt sich auch nicht der unbedingte Drang ein, jedem Zitat, jeder Assoziationskette genau nachgehen zu wollen. An Stavarics Talent sei nicht gezweifelt, doch für seinen nächsten Roman wird er sich etwas einfallen lassen müssen. (Von Von Sebastian Fasthuber, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.1.2007)

Michael Stavaric, "Terminifera". Roman. € 17,90/146 Seiten. Residenz Verlag, St. Pölten 2007.
Hinweis: Der Autor liest am 30. 1. um 20 Uhr zusammen mit der Sängerin Mona Moore, die gleichzeitig die Krankenschwester in dem Roman ist, im Literaturhaus Wien, 7., Zieglergasse 26a.
  • Monster gibt es nicht. Und Superman? Michael Stavaric.
    foto: marko lipus

    Monster gibt es nicht. Und Superman? Michael Stavaric.

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