Die Insel der Impressionisten

3. Februar 2007, 17:00
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Die Île-de-France um Paris ist das größte Freilichtmuseum für Impressionismus

Jetzt, zum leichten Zittern des Zuges ins Träumen kommen, und alles gut deckend grundieren! Genau: Die leere Leinwand der geschlossenen Augen ist kein schlechter Rückzugsort - besonders in einer turbulenten Stadt wie Paris. So kommt einem die kurze Bahnfahrt hinaus nach Chatou, dem kleinen Städtchen westlich des Gare Saint-Lazare, gerade recht. Weil sich so zwei elegante Seine-Schleifen zwischen die Großstadt und deren Umland schieben und nichts mehr den Blick auf die Impressionisten verstellt.

Freilich, der Pariser Winter zieht den Besucher normalerweise in die Museen und davon gibt es heuer besonders viele neue oder solche, die wiedereröffnet wurden. Gerade an der Normalität lässt sich dieser Winter allerdings nicht messen - eine gute Gelegenheit Paris' größtes Freilichtmuseum zu besuchen: die Île-de-France.

Denn wer nach Chatou hinausfährt, der plant in der Regel ein Déjà-vu mit Gemälden, die er vielleicht noch am Morgen im Pariser Musée d'Orsay bewundert hat. Renoirs "Frühstück der Ruderer" etwa - die "Île des Impressionistes" ist dafür die allererste Adresse. Ein lang gezogenes Stückchen Land im Bett der Seine, das sich kleine Besonderheiten bewahren konnte. Etwa auf nostalgische Weise Schiffchen zu fahren, notfalls mit weißem Sonnenschirm und extravaganten Hüten - das kann man hier ja bis heute. Dafür sorgt nicht zuletzt der rührige Club "Sequana", der sich der Tradition der historischen Seine-Schifffahrt angenommen hat, um so auch das impressionistische Ruderboot-Sujet zu fördern. Ein eigener gare d'eau - übersetzen wir es platt mit Anlegestelle - ist dabei im Laufe der letzten zehn Jahre entstanden, samt akkuratem Nachbau jener hölzernen Bootshäuser, die die Seineufer vor hundert Jahren prägten.

Ufer, frisch gestrichen

Auch die fachgerechte Restaurierung historischer Bootsmodelle schaffen die Hobby-Seine-Schiffer, was gründliche historische Forschung voraussetzt. Das Beste: Am Wochenende bieten sie Ausflugsfahrten entlang der Seineufer an. Klappern dabei all jene lauschigen Plätzchen ab, an denen das flirrende Licht einst kurz innehalten durfte, zumindest auf den Staffeleien der Maler, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Île-de-France gegen das Pariser Stadtleben eintauschten.

Am stärksten verbindet sich die von Pappeln und ufernahen Weiden gesäumte Gegend mit Renoir, der hier im Jahr 1881 etwa das "Frühstück der Ruderer" schuf. Renoirs Lieblings-Lokal, das Maison Fournaise, heute ein Museum, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein beliebter Treffpunkt von Malern, die hier das Lieblingsspiel der Impressionisten spielten: Schifferl im Wirbel der Gefühle, und erst recht im Orkan der Farben zu versenken.

Chatou und Renoir - sie sind nur ein Einstieg zu weiterführenden Entdeckungsfahrten entlang der mit kunsthistorischen Referenzen dicht gesprenkelten Landschaft im Nordwesten von Paris. Wer dem Seine-Ufer ein Stückchen weiter flussabwärts folgt, nähert sich im nördlich davon abzweigenden Oise-Tal dem eigentlichen Epizentrum der Frischluft-Künstler.

Ab 1840 ließen sich hier Maler nieder, angelockt vom smaragdgrünen Wasser der Oise, und den imposanten Eschen, Weiden und Pappeln, die der Gegend noch immer ihren Charakter verleihen - und eine Vorlage für impressionistische Gemälde abgeben. In der Tat sehen die vorbeifliegenden Landschaften wie eine Abfolge von Bildern aus, entsprechend dicht reihen sich die nun zu Museen umgewandelten Ateliers: Das von Camille Pissarros Bildern verewigte Städtchen Pontoise steht, nahe des Zusammenfluss von Oise und Seine, dafür Pate. Pissarro war es schließlich auch, der Pontoise und Auvers-sur-Oise bei Gauguin, Cézanne oder Van Gogh bekannt machte - und diese wiederum fast jede Ecke des letztgenannten Städtchens in weltberühmten Sujets. Van Gogh verewigte die Kirche in seinen Bildern, und Cézanne das Haus des Doktor Gachet.

Womit sich die Künstler umgaben, und was sie auch antrieb, das lässt ein Blick in das Musée Daubigny ahnen, einst van Goghs Atelier, und ein zweiter ins Absinthmuseum, wo die "Grüne Fee" ihre halluzinatorische Wirkung über die Künstler des 19. Jahrhunderts breitete.

Wehmut im Wermut

In der "Auberge Ravoux", dem Privatmuseum mit dem Sterbezimmer von van Gogh, kann man wehmütig einen "Muse verte" in Erinnerung an Cézanne & Co kippen und heute noch speisen. Didaktischer Höhepunkt ist aber trotzdem die Besichtigung des Château, das eine einzigartige Retrospektive über die Impressionisten bereithält: originalgetreue Kulissen, rekonstruierte Handlungen sowie moderne Projektionen sind dort zu sehen - und der 3-D-Film "Der Blick von Vincent".

Klar auch, dass sich eine derart dicht gewobene Region wie die Île-de-France nicht auf eine Route der Augenmenschen beschränken lässt. Seit Jahrhunderten verdichten sich hier schließlich Geschichte und Geschichten zu einem Netz, das die hochkarätige Fülle sehr unterschiedlicher Schätze birgt. Selbst Shopping-Tipps wie die Puces de Saint-Ouen unweit von Clichy, ein seit dem 19. Jahrhundert abgehaltener Antiquitäten- und Trödelmarkt, können da offiziell als Kulturgut klassifiziert werden.

Andererseits überraschen selbst die großen Zugnummern der Region mit unbekannten Facetten: Wer Versailles sagt, denkt nicht gleich auch an den historischen Gemüsegarten von Ludwig XIV. Von spezifischem Interesse ist, neben der Route der Komponisten, wohl auch die Route der Schriftsteller: Das extravagante Wohnhaus Dumas' mit seinem wunderschönen maurischen Salon, die Datscha Turgenjews in Bougival, die Mühle von Louis Aragon im Rémarde-Tal, oder Montmorency, wo Jean-Jacques Rousseau seinem Ideal nahe kam, wären solche Optionen.

Nicht zu vergessen: jene Île-de-France-Ausflüge, die in Richtung Norden zum Marnetal führen - und nicht von ungefähr zu den beliebteren Ausflugszielen der Pariser zählen. Hier konnte sich nämlich ein Hauch von Impressionismus halten, der mühelos die Brücke zum Ruderboot-Sujet schlägt: In Nogent-sur-Marne erinnern Tanzcafés, die Guinguettes des bords de Marne, selbst im Jänner an die lichte Zeit der Strohhutträger. (Robert Haidinger/Der Standard/Printausgabe/27./28.1.2007)

Info: Die Île-de-France hat eine sehr informative Internetseite.

Der Folder "Die Maler der Île-de-France" kann beim Maison de la France bestellt werden. E-Mail: info.at@franceguide.com.

Die Verbundkarte der Pariser Verkehrsbetriebe gilt für alle öffentlichen Verkehrsmittel in der Île-de-France, ist nach Außen-Zonen gestaffelt und für 1-5 Tage erhältlich.

Allgemeine Informationen: Franceguide

  • Die Auberge Ravoux ist Van-Gogh-Museum und intaktes Wirtshaus zugleich.
    foto: pidf/j.c. pinheira

    Die Auberge Ravoux ist Van-Gogh-Museum und intaktes Wirtshaus zugleich.

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