Menschenfreunde

23. Juli 2007, 16:50
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Soziale Verantwortung, Zusammenarbeit mit NGOs und aktives Vorgehen gegen den Klimawandel sind die Modebegriffe in Davos

Jetzt diskutieren über die Kritik an der Globalisierung auch schon die Globalisierer selbst. Die mehr als 2000 Teilnehmer am World Economic Forum (WEF) in Davos, darunter hunderte Spitzenmanager internationaler Konzerne, setzten sich diese Woche eingehend mit den Folgen der Globalisierung für Mensch, Umwelt und Klima auseinander.

Bisher galt es in diesen Kreisen als ausgemacht, dass der Abbau von Handelshemmnissen, der im vergangenen Jahrzehnt zu einer Verdoppelung des Welthandels geführt hat, ausschließlich positiv zu sehen sei. Doch immer mehr Konzernherren ist klar, dass die Globalisierung in den Industriestaaten die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust massiv verstärkt hat. Ganze Produktionszweige, etwa in der Textilindustrie, sperren zu. Die meisten der Gefeuerten finden zwar wieder einen Job, doch in vielen Fällen werden sie dann schlechter bezahlt als zuvor.

Insgesamt stagnieren die Löhne und Gehälter, der Produktivitätszuwachs wird nicht mehr wie früher weitergegeben. Wenn die Masse der Wähler den Freihandel als schädlich erachtet, könnten bald (wie jetzt schon in Lateinamerika) in vielen Staaten, auch in Nordamerika, protektionistische Regierungen an die Macht kommen.

In Davos sprachen die Manager weniger über konkrete Lösungen als darüber, "wie man die Globalisierungsängste dämpfen könnte", wie es ihr Leibblatt The Wall Street Journal treffend formulierte. Das die Öffentlichkeit erregende Faktum exorbitant gestiegener Managergehälter wurde von den Firmenchefs überhaupt nicht angesprochen. Lediglich im abseits gelegenen "Open Forum", das mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund organisiert wurde, waren die Spitzenlöhne ein Thema. Verdienten Konzernmanager vor 20 Jahren in den USA noch das 40fache des Durchschnittslohnes ihrer Angestellten, so kassieren sie nun mehr als 100-mal so viel. Jahresgehälter von zehn bis 15 Millionen Euro sind auch an Europas Konzernspitzen keine Seltenheit. Auch Großanleger alten Stils wie etwa Warren Buffett prangern die Gier der Manager an. Interessanterweise befinden aber die als "Heuschrecken" bekannten aggressiven Investorengruppen die Extremlöhne für gerechtfertigt, wenn sich ihr eingesetztes Kapital gut verzinst.

Von dieser platten "shareholder value" haben sich die Diskutanten von Davos zumindest in ihrer Rhetorik entfernt. Soziale Verantwortung, Zusammenarbeit mit NGOs wie Greenpeace und aktives Vorgehen gegen den Klimawandel sind die Modebegriffe der Saison. "Green to Gold" heißt ein Buch, das allen Teilnehmern zugestellt wurde. Es zeigt auf, dass Konzerne wie BP mit Maßnahmen zur Reduktion des Ausstoßes von Kohlendioxid letztlich Geld verdienten. Offen bleibt dabei, wie ein deutscher Konzernmanager sagte, "was es nützt, wenn wir hier saubere Industrieanlagen haben und anderswo, etwa in Indien, Umweltgift in die Atmosphäre geblasen wird".

Jedenfalls ist in der Globalisierung offensichtlich einiges in Bewegung geraten. Immerhin. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.1.2007)

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