"Nur keine Trauerrede, nur keine Sentimentalität"

26. Jänner 2007, 20:11
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Gerhard Bronner in Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt - zahlreiche Prominente unter den Trauergästen

Wien - Hunderte Weggefährten und Trauergäste haben den vergangene Woche verstorbenen Kabarettisten Gerhard Bronner auf seinem letzten Weg begleitet. In der Israelitischen Zeremonienhalle des Wiener Zentralfriedhofs war der mit weißen Rosen geschmückte und von Kränzen umgebene Sarg aufgebahrt.

Der Wiener Kabarettist, Komponist und Schriftsteller, der vergangenen Freitag (19. Jänner) nach einem Schlaganfall in Wien 84-jährig gestorben war, wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt. Und zwar neben Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg, der ihm "sowohl ein Nachbar war als auch geistesverwandt", sagte Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg in Anspielung auf die ehemaligen Wohnungsnachbarn Torberg und Bronner.

Worte der Würdigung

Bundespräsident Heinz Fischer würdigte Bronner in seiner Grabrede als einen über seine künstlerische Größe hinaus "ganz wichtigen Faktor der demokratischen und politischen Hygiene dieses Landes". Fischer erinnerte an die Biografie des Künstlers, der vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Mit seiner lebenslangen Abscheu vor dem Nationalsozialismus habe er "dem Land einen Spiegel vorgehalten, an dem man einfach nicht vorbeischauen konnte".

Bronner hätte Grund genug zur Bitterkeit gehabt, betonte Bundespräsident Heinz Fischer. Der Nationalsozialismus habe auf brutale Weise seine Wurzeln ausgerissen, der Großteil seiner Familie sei umgebracht worden, die Rückkehr nach Wien fast wider Willen erfolgt. "Mit offenen Armen wurde er sicher nicht aufgenmmen. Aber er hat Bitterkeit in Weisheit verwandelt, Zeichen gesetzt und Position bezogen." Je bitterer die Wahrheit gewesen sei, umso kunstvoller habe er sie in Ironie verwandelt. "Die Leute haben Tränen gelacht. Und oft explodierten seine Pointen erst unter der Haut."

"Seit damals habe ich ihn als Freund betrachtet"

Bronner und seine Kollegen, die die Wiener Schule des Kabaretts entwickelt hätten, seien jene gewesen, die in den Jahren des Wiederaufbaus auch die Fehlentwicklungen und moralischen Defizite am klarsten erkannt und angesprochen hätten. So erinnerte Fischer konkret an die Affäre um den Universitätsprofessor Taras Borodajkevic, der Anfang der 60er in seinen Vorlesungen nationalsozialistisches Gedankengut referiert habe. Fischer habe sich damals an den Unterrichtsminister gewandt und an Bronner - während ersterer untätig geblieben sei, habe Bronner die Sache im Fernsehen thematisiert und ins Rollen gebracht. "Seit damals habe ich ihn als Freund betrachtet."

"Nur keine Trauerrede, nur keine Sentimentalität"

Mit einer sehr persönlichen Rede verabschiedete sich seine Kollegin Elfriede Ott von Bronner: "Wir haben beschlossen, du bleibst unter uns, du bleibst da, wir wollen deinen Tod nicht zur Kenntnis nehmen. Ich höre dich, wie du sagst, nur keine Trauerrede, nur keine Sentimentalität", richtete Ott letzte Worte an Bronner, die sie als "große Liebeserklärung, aber keinen Abschied" verstanden wissen wollte. Bronners große Liebe sei die Musik gewesen, die Momente, wenn er mit Rudolf Buchbinder vierhändig Klavier gespielt oder mit dem Geiger Julian Rachlin musiziert habe, seien die glücklichsten seines Lebens gewesen.

Aus diesem Grund wurde auch von der Tradition abgewichen, bei jüdischen Begräbnissen keine Musik zu spielen. Zum Auftakt der Trauerfeier erklang ein Instrumentalstück, zum Ausklang sang Wiens Oberkantor Shmuel Barzilai einen Teil aus einem Freitagsgottesdienst, den Bronner in Amerika komponiert hatte, ein Stück, in dem es um den Tag der Erlösung geht, an dem die Menschheit eins ist und es keine Verfolgung gibt. Dass Bronner diese geistliche Musik komponiert habe, passe eigentlich nicht ganz zu seinem säkulären Leben, meinte Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg. Doch auch wenn er sich eindeutig als nichtreligiös geoutet habe, sei Bronner Jude gewesen, "weil er verfolgt war, weil er sein Land verlassen musste und weil er jüdischen Humor hatte, das wegzustecken".

Zahlreiche prominente Trauergäste

Im Anschluss begleiteten die rund 300 Trauergäste den Sarg zum Ehrengrab. Neben Bronners Familie - die Kinder David, Felix, Vivien und STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner, seine Lebensgefährtin und Schwiegertochter und die Enkelkinder Alexander, Laura und Leni - nahmen am Begräbnis u.a. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, Ex-Kunststaatssekretär Franz Morak, Ex-LIF-Chefin Heide Schmidt, Pianist Rudolf Buchbinder, Psychoanalytiker Harald Leupold-Löwenthal, die Schauspieler Rudolf Buczolich, Kurt Sobotka, Miguel Heinz-Kestranek, Cornelius Obonya und Adi Hirschal, Burgschauspielerin Elisabeth Orth, Schauspielerin Marika Lichter, Kabarettist Werner Schneyder, VBW-Intendantin Kathrin Zechner, Schriftsteller Daniel Kehlmann, Kunsthaus Wien-Direktor Joram Harel, die ORF-Moderatorinnen Danielle Spera und Gabriele Flossmann, Ex-ORF-Kulturjournalistin Eva Maria Klinger, Publizist und Kommentator Paul Lendvai, STANDARD-Feuilletonchef Claus Philipp und Musikmanager Markus Spiegel teil. (APA)

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  • Der neue Nachbar von Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler: Gerhard Bronners Ehrengrab im jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.
    fotos: standard/matthias cremer

    Der neue Nachbar von Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler: Gerhard Bronners Ehrengrab im jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.

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