"Unwahrscheinlich viele Themen"

1. März 2007, 19:41
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Wifo-Expertin Gudrun Biffl im derStandard.at- Gespräch über das Regierungsprogramm und Ansätze darin, die noch der Ergänzung bedürfen

Gudrun Biffl, Arbeitsmarkt- und Bildungsexpertin vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), sprach mit Regina Bruckner über den gesellschaftlichen Wandel und jenen der Arbeitswelt, darüber, warum in Österreich die soziale Mobilität außerordentlich gering ist und warum arm sein nicht unbedingt von zu geringem Stundenlohn hervorgerufen wird.

Von der Komplexität des Regierungsprogramms und den "unwahrscheinlich vielen Themen", die dort angesprochen werden, zeigte sie sich überrascht. "Gute Ansätze" findet sie darin und einige Punkte, die sie unbedingt ergänzungswürdig findet, etwa im Bereich der Pflege oder in Sachen Arbeitsmarktpolitik. Unter anderem für den ländlichen Raum schweben ihr neue Organisationsmodelle vor, die den Strukturen der heutigen Zeit mit Hilfe neuer Technologien besser entsprechen würden. Im Pflegebereich schlägt sie etwa vor, auf lokaler Ebene ein System mit einer "Gemeindekrankenschwester", die "die Situation genau abschätzen kann und festlegt, was gebraucht wird", einzuführen, um Betreuung zu organisieren, wodurch auch nicht in den Arbeitsmarkt eingebundenen Menschen Beschäftigung gegeben werden könnte.

Für Jugendliche wünscht sie sich einen Rechtsanspruch auf Ausbildung auf Maturaniveau.

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derStandard.at: Wie wird das Thema Arbeitslosigkeit in Österreich wahrgenommen? Einerseits stehen wir nicht schlecht da, andererseits jammern sehr viele Menschen. Wie schaut es am Arbeitsmarkt wirklich aus?

Gudrun Biffl: Wir stehen nicht so schlecht da, wenn wir uns mit anderen EU-Mitgliedern vergleichen. Wenn man die Situation im Kontext der Vergangenheit anschaut, dann hat sich vieles stark verändert - Funktionsmechanismen des Arbeitsmarktes, der Produktionsstruktur, die Technologie, die Verlagerung von gewissen Produktionsbereichen, die Spezialisierung auf andere Dinge, die man ansatzweise gemacht hat und jetzt halt verstärkt, weil das höhere Wertschöpfung bringt. Die Leute, die zuerst in der Sachgüterproduktion waren, müssen jetzt Dienstleistungen machen, für die sie eventuell gar nicht qualifiziert sind. Dann gibt es Menschen mit Qualifizierung als Facharbeiter/Facharbeiterin im Güterproduktionsbereich, diese Tätigkeiten werden aber nicht mehr gemacht. Die Leute müssen schauen, wo sie sonst unterkommen. All das wirkt sehr beunruhigend. Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit, Karrieremöglichkeiten und die Planbarkeit des Lebens generell sind nicht mehr gegeben - die Leute sind verunsichert.

derStandard.at: Ist Bildung nicht auch eine Frage des Stellenwerts und des Selbstverständnisses?

Biffl: 75 Prozent der Eltern jener Kinder, die eine Lehre machen - häufig gibt es da Migrationshintergründe -, sagen, dass die Ausbildung deshalb gewählt worden ist, weil man sich nichts anderes leisten konnte. Dann kommen die jungen Leute mit einem Lehrabschluss heraus und müssen feststellen, dass das eben nicht mehr ausreicht. In Wifi- und bfi-Kursen für Kinder mit Migrationshintergrund sitzen zunehmend junge Leute, die eine Lehre abgeschlossen haben und jetzt ein Zusatzmodul brauchen oder die berufsorientierte Matura machen. Nur: Das kostet alles Geld.

derStandard.at: Wieso sind es vor allem Akademikerkinder, die eine höhere Bildung schaffen? Ist das tatsächlich eine Frage des Geldes?

Biffl: Es gibt eine sehr hohe Vererbungsrate der Bildung in Österreich. Vererbung der Bildung heißt, dass man dieselbe Bildung hat wie die Eltern. Da steht Österreich an der Spitze in Europa. Das heißt, wir haben eine doch sehr geringe soziale Mobilität an Bildung.

derStandard.at: Woran liegt das?

Biffl: Die Fragen sind: Warum haben wir so eine geringe soziale Mobilität und warum ist sie eventuell heute geringer als in der Vergangenheit? In nordischen Ländern war die Bildungsstruktur in den 60er-Jahren etwa vergleichbar mit jener in Österreich, Finnland hatte sogar eine wesentlich schlechtere Bildungsstruktur. Heute haben in Schweden und Finnland zwischen 70 und 80 Prozent der Jugendlichen, sprich der 25- bis 30-Jährigen, Universitätszugang - in Österreich sind es derzeit 42 Prozent, also gerade einmal die Hälfte.

Ein so hoher Maturanten- und Maturantinnenanteil ermöglicht natürlich sehr viel Flexibilität. Dann kann es durchaus sein, dass die Eltern Matura oder einen Universitätsabschluss haben, und die junge Person sagt: Nein, das will ich gar nicht, ich habe wesentlich mehr Möglichkeiten. Matura haben sie auf alle Fälle, aber sie sind nicht Akademiker. Dann kann es wieder sein, dass sie in einer anderen Lebensphase, wenn sie älter sind, sagen: Jetzt mache ich noch das und jenes dazu, dann habe ich auch die Akademikerqualifikation. Das heißt, es ist wesentlich mehr Bewegung in einem Land, wo es eine starke Höherbildung gibt.

derStandard.at: Das heißt, es geht dann um Freiwilligkeit: Kann ich mir meine Situation selbst aussuchen, oder bin ich gezwungen, dort zu sein?

Biffl: Genau darum geht es. Und auch um die Schaffung einer Umwelt, das heißt, institutioneller Rahmenbedingungen und auch Finanzierungsmöglichkeiten, die diesen Freiraum ermöglichen. Ein Beispiel: In Österreich gibt es eine sehr starke Familienorientierung und auch die Verpflichtung der Familienmitglieder, dass sie für ihre Elterngeneration genauso wie für ihre Kinder Verpflichtungen eingehen müssen. Was die Jugend betrifft, so sind die Eltern durch das Gesetz verpflichtet, dass sie ihren Kindern eine angemessene Ausbildung angedeihen lassen, gemessen an der Qualifikation der Eltern. Sind zum Beispiel die Eltern Akademiker, dann gibt es eine gesetzliche Verpflichtung, dass sie finanziell für ein Studium aufkommen. Infolgedessen haben die Eltern daraus auch einen Vorteil, indem sie - wenn sie dokumentieren, dass ihr Kind studiert - die Kosten von den Steuern absetzen können. Das heißt, die Eltern bekommen Geld dafür oder müssen weniger Steuern zahlen, weil die Kinder studieren. Obendrein bekommen die Kinder eine Kinderbeihilfe, obwohl sie lange schon keine Kinder mehr sind. Das ist aus dieser Denklogik der interfamiliären Verpflichtungen heraus zu verstehen.

derStandard.at: Das birgt wohl jede Menge Potenzial für Konflikte.

Biffl: Aus dieser Situation heraus entstehen Konflikte und werden Konflikte in Familien hineingetragen. Und das ist nicht nur ein Fall, den ich hier nenne, sondern das sind Dinge, mit denen man sich jetzt im Zusammenhang mit der Diskussion um die Studiengebühren auseinandersetzt. Eltern lassen sich scheiden, der Papa ist Akademiker, zahlt keine Alimente und der Jugendliche möchte studieren, ist aber nicht gut genug, um ein Stipendium zu bekommen. Dann geht der Jugendliche her und verklagt den Vater. Auf diese Art wird der Vater gezwungen, das Studium zu bezahlen. Soviel ist es wieder nicht, weil er es absetzen kann, aber allein die Tatsache, dass der junge Mensch das Gesetz heranziehen muss, um ein Recht auf Weiterbildung bei den Eltern zu erzwingen, ist höchst unüblich.

Unser ganzes Konzept läuft über die Familie, genauso wie die Organisation der Pflege oder der Kinderbetreuung. Gesetzliche Veränderungen passieren dann häufig unter der Annahme, dass es dieses Angebot am öffentlichen Markt gibt - tut es aber nicht in dem Maß. Wenn man wie bei uns den Haushalten und nicht der Institution das Geld gibt - man also nicht subventioniert, dass man das Kind oder die zu pflegende Person professionell betreuen lässt -, dann ist das ein ganz anderer Funktionsmechanismus.

In der Vergangenheit war es so, dass man geschützte Märkte hatte, man konnte einen Familienlohn zahlen. Sprich: Jemand in der Familie arbeitet als Hauptverdiener und die Person hat dann Absetzbeträge etc., sodass im Endeffekt netto relativ viel Geld übrig bleibt, um die ganze Familie zu ernähren. Dieses System hat es auch in anderen Ländern gegeben. Jetzt haben wir die Globalisierung und über die Globalisierung geht ein Lohn, den du für eine Person zahlst, in einem Produkt, in eine Dienstleistung in einem gewissen Maße als Kostenfaktor ein. Und wenn diese Güter vermehrt über einen globalen Markt verkauft werden, hat das über den Preis dieses Gutes im Endeffekt auch eine Implikation auf die Entlohnung. Das heißt, man kann gerade noch die Person entsprechend ihrer Produktivität, dem Beitrag zu diesem Produkt, entlohnen, aber nicht mehr darüber hinaus Gesellschafts-, Familien- und Sozialpolitik machen. Das ist die logische Folge der Globalisierung und dem Niederreißen von Schutzelementen für ein gesellschaftliches Organisationsmodell infolge von Globalisierung, sprich Wettbewerbssteigerung.

derStandard.at: Mit welchen Folgen für den Einzelnen?

Biffl: In dieser Situation fühlen wir uns nicht wohl, weil dieses traditionelle Modell in sehr vielen Regionen Österreichs gelebt worden ist. Und wenn jetzt der Mann seinen Job verliert, dann heißt es, dass Unruhe in das Familiensystem hineinkommt, denn die Frau akzeptiert jederzeit, dass sie alles zu Hause machen soll, wenn er das Geld nach Hause bringt, wenn genug Geld da ist. Wenn das aber nicht mehr der Fall ist, verliert man auch irgendwo diese Machtstrukturen.

derStandard.at: Was folgt daraus?

Biffl: Der nächste Schritt der Analyse ist, dass man herausarbeitet, warum jemand in welchem Maße arm ist. Ist jemand arm, weil er/sie ein geringes Erwerbseinkommen hat? Dann kann man sich ausrechnen, wie hoch der Prozentsatz jener Menschen ist, die aus der Erwerbseinkommensstruktur unter die Armutsgrenze fallen, also 60 Prozent des Medianeinkommens. Da wird man feststellen, dass sehr, sehr viele Menschen mit geringem Einkommen ein solches haben, weil sie nicht vollzeitbeschäftigt sind.

derStandard.at: Die Menschen leiden also nicht unter einem geringen Stundenlohn?

Biffl: Es ist nicht der Stundenlohn, der angeschaut wird, sondern es ist das Einkommen generell, und das ist gering. Dann ist die Frage, wie sind diese Leute, die wenig Einkommen haben, verteilt auf die Haushalte nach Einkommensgröße? Da muss man feststellen, dass sehr viele dieser Geringverdiener "verschwinden" - also nicht mehr unter der Armutsgrenze liegen -, weil sie in einer Familie leben, wo einer mehr verdient und sie ja nur "Zuverdiener" sind. Somit ist das Familieneinkommen eigentlich durchaus über der Armutsgrenze. Wenn man sich nur das Einkommen von der Erwerbsseite her anschaut, müsste man normalerweise automatisch eine Änderung des Lohnmodells verlangen. Weil man glaubt, diese Leute verdienen so wenig, weil sie so einen geringen Stundenlohn haben und der Mindestlohn angehoben werden muss. Das heißt, man versucht, die Armutsbekämpfung über die Lohnpolitik zu betreiben. Das ist aber dann nicht gerechtfertigt, wenn der Stundenlohn eventuell durchaus der Qualifikation entspricht, nur die Person weniger arbeitet, weil in einem Familienverband genug Geld da ist.

derStandard.at: Und wie schaut dann die Armutssituation aus?

Biffl: Dann stellt sich eine interessante Sache heraus. Dann fallen auf einmal Leute unter die Armutsgrenze, die beim Erwerbseinkommen nicht unter die Armutsgrenze fallen. Warum? Weil das zum Beispiel ein Alleinverdiener ist, der Frau und Kinder zu Hause hat. Und Kinder können ein Grund für eine Verarmung sein. Also hat man wieder eine andere Dimension, eine andere Struktur der und andere Begründung für Armut. Es ist nicht der Arbeitsmarkt, sondern es ist die Familienstruktur. Im Endeffekt muss man sich dann als dritte Säule überlegen, wie kann ich die Armut tatsächlich bekämpfen? Da braucht es ein multidimensionales Modell.

derStandard.at: Wie könnte das aussehen?

Biffl: Wenn Alleinverdiener und Alleinerzieher in die Verarmung rutschen, weil sie nicht mehr voll arbeiten können oder sie auch Kinderverpflichtungen haben, dann muss man ein anderes Fördersystem oder eine Unterstützung anbieten, als wenn der Grund ist, dass die Person einfach so eine schlechte Qualifikation hat, dass sie nicht arbeiten kann oder nicht viel verdienen kann. Das sind die Herausforderungen in einem Gesellschaftsmodell, das sehr stark auf die Familienförderung abgestimmt ist, und eigentlich auf der anderen Seite nicht mehr über das Erwerbseinkommen Familienförderung betreiben kann, sondern nur mehr über Transfereinkommen. Dann fragt sich, ob das Transfereinkommenssystem den Erfolg hat, den man sich gewünscht hat.

derStandard.at: Diese Themen kommen aber im Regierungsprogramm nicht vor.

Biffl: Doch. Im Regierungsprogramm geht man auf diese gesellschaftlichen Organisationsstrukturen ja nicht ein, sondern man will das Symptom bekämpfen. Kleines Beispiel: Wenn ich einen zweiten Arbeitsmarkt habe - das heißt, wenn ich eine Fördermaßnahme habe für Leute, die irgendwie an den Rand des Erwerbsarbeitsmarktes gerutscht sind - etwa weil die Qualifikation nicht angemessen ist oder weil es irgendeine persönliche Entwicklung gegeben hat, die die Person aus dem normalen Trott herausgeworfen hat -, dann habe ich hier eine Personengruppe, die ich höher qualifizieren kann oder auch Transitarbeitsplätze schaffen, die ich subventioniere. Dann ist interessant, was passiert. Dann gebe ich Geld aus dafür, dass die Leute wieder in den ersten Arbeitsmarkt hineinkommen, und ein hoher Prozentsatz (zwischen 30 und 50 Prozent) tut das. Und wenn die Leute in den ersten Arbeitsmarkt hinüber gehen, dann tragen sie wieder über die Beschäftigung zum Beitrag einer Sozialversicherung bei. Sie tragen dadurch, dass sie mehr Einkommen haben, zum Konsum bei. All das trägt eigentlich zur Stärkung des Wirtschaftswachstums bei. Damit rechnet es sich die meiste Zeit schon.

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derStandard.at: Unter den Maßnahmen, die sich die Regierung überlegt hat, ist ja eigentlich nichts wirklich Radikales zu finden?

Biffl: Naja, es sind teilweise sehr interessante Geschichten drin. Aber wenn ich mir hier zum Beispiel den Bereich "leistbare Pflege und Betreuung" anschaue: Pflege wird normalerweise als medizinische Betreuung angesehen und die Leute brauchen nur in Ausnahmefällen rund um die Uhr medizinische Pflege. Aber es muss jemand da sein, damit man nicht aus dem Bett fällt, etc. Und je nachdem muss hier eine sehr differenzierte Palette von Anforderungen gegeben sein. Es bedarf eines komplexen Systems mit einer Plattform, wo man herausfindet, für welche Tätigkeiten ich wen einsetzen kann. So müsste das zum Beispiel eine Gemeindekrankenschwester sein, die die Situation genau abschätzen kann und festlegt, was gebraucht wird. Dann muss man schauen, wie in einem größeren Umfeld aus der Familie solche Dinge organisiert werden können. Und je nachdem, wer in der Familie was machen kann, kann man sich dann überlegen, wie man das auch sozialversicherungsrechtlich absichern kann. Darum ist ja die ganze Problematik mit den Illegalen entstanden, weil nicht alles der Haushalt machen kann. Also sind gewisse Bedürfnisse über den Markt abzudecken.

derStandard.at: Was genau wird im Regierungsprogramm vorgeschlagen?

Biffl: Hier steht "verbessertes Schnittstellenmanagement durch übergreifendes Case-Care-Management" - das ist gut, das geht in diese Richtung. Dann "Überarbeitung der Artikel 15a-Vereinbarung gemeinsam mit den Ländern mit dem Ziel der Harmonisierung der Planungsgrundlagen der Regelungen über Zuzahlungen sowie zum Eingriff in private Vermögenswerte". Da geht es um den Regress. Und der Regress wird je nach Bundesland total unterschiedlich gehandhabt. Das heißt, über diese 15a-Vereinbarung wird eigentlich die derzeitige sehr disaggregierte dezentralisierte Regressregelung hinterfragt. Und das muss man sich sicherlich auch überlegen. Es geht hier nicht nur um die zu pflegende Person, der Regress greift auch bei Leuten ein, die arbeitsfähig und arbeitswillig sind, aber keinen Job kriegen - derzeit also eine Sozialhilfe bekommen, die sie dann zurückzahlen müssen, falls sie je wieder einen Job kriegen. Oder eine Person, die arbeitslos ist und nicht genug Geld bekommt aus der Notstandshilfe, die bekommt ja normalerweise eine Ergänzung aus der Sozialhilfe - das heißt, es akkumuliert sich ihr Geld. Und da kann, um das Geld sicherzustellen, die Gemeinde sich die Sicherstellung holen, über eine mögliche Eintragung auf dem Grundbuch.

derStandard.at: Das wird die Menschen nicht eben motivieren, einen Neustart am Arbeitsmarkt zu versuchen.

Biffl: Auf die Art und Weise haben wir natürlich Barrieren des Wieder- zurück-Kommens in den Arbeitsmarkt. Wenn wir das wollen, müssen wir eine andere Organisationsstruktur finden. Das ist Thema dieses Regierungsprogramms und das ist gut so. Und es ist auch ein Problem, dass man die Pflege über die Familie organisiert bzw. nicht über die Sozialhilfe, weil man diesen Regress nicht haben will. Da geht es hinein in die diversen Formen der Illegalität, die man dann Nachbarschaftshilfe etc. nennt. Das steht dann schon auch hier herinnen, dass es eine Form der Selbstständigkeit geben soll. Nur ist die große Frage, zu welchem Lohn diese neuen Selbstbeständigen im Bereich der Pflegebetreuung, eventuell in einem Nachbarschaftsverbund, arbeiten werden? Der Eindruck, den ich momentan habe, ist, dass man hier eine neue Form der Selbstständigkeit schafft, die eigentlich eine sehr geringe Entlohnung perpetuiert.

derStandard.at: Was wäre eine mögliche Maßnahme dagegen?

Biffl: Das steht hier nicht herinnen (im Regierungsprogramm, Anm.)

derStandard.at: Aber was würden Sie sich da vorstellen können?

Biffl: Ich hätte mir vorgestellt, dass man über solche Plattformen im Gemeindebereich zunächst einmal Angebot und Nachfrage erhebt - und zwar wirklich alle Ressourcen. Alleine durch diese Koordination kann der Gemeindezusammenhalt und damit auch die soziale Kohäsion gestärkt werden.

derStandard.at: Was ein hohes Maß an Organisation verlangen würde, sich aber auch positiv auf die Kosten niederschlagen könnte?

Biffl:: Es kann im Endeffekt eine kostengünstige Regelung sein. Nur braucht es einen Input wie etwa eine Start-Up-Förderung, um das nur einmal aufzubauen. Und wenn es dann läuft, kann sich herausstellen, dass es effizient ist und sich eventuell selbst finanziert. Aber man braucht wahrscheinlich Vereine oder Gemeinnützige, die für die Anfangsorganisation zuständig sind, die Computerausstattung und Programme haben, die Leute einschulen - wie in Salzburg die "Ceiberweiber", die sind total toll. Die haben wirklich angefangen, ihre Region toll zu organisieren und hier Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen bzw. zum Erhalt der Sozialstruktur beigetragen. Es geht ja vor allem auch um die Erhaltung der regional-dezentralisierten Lebenskultur. Das sind ganz einfach auch Qualitätsmerkmale eines Lebens im ländlichen Raum. Da müssen die Versorgungsstrukturen halbwegs hinhauen. Die kann man sich organisieren, vor allem im Hinblick darauf, dass sehr viel Pflegepersonal ab 40 oder 45 einen "Burn- out" hat und aussteigt. Diese Leute sind dann häufig irgendwo im ländlichen Raum und könnten gewisse Tätigkeiten ausüben oder auch organisieren, weil sie ja genau wissen, wie so etwas läuft. Und ich denke, dass das auch zum sozialen Zusammenhang einen Beitrag leistet, was normalerweise gar nicht gemessen wird.

derStandard.at: Wo stehen wir in Sachen Altenarbeitsmarkt?

Biffl: Der Altenarbeitsmarkt fängt jetzt schon an, ein Problem zu werden. Wir haben eine der geringsten Erwerbsquoten bei den 55- bis 64- Jährigen, nämlich 29,9 Prozent - das ist unwahrscheinlich gering. Wenn man will, dass die Leute länger arbeiten, muss man genau solche Dinge anschauen. Und wenn man das nicht tut, dann sind diese Leute Nummern auf einem Leasingarbeitsmarkt, und der Leasingarbeitsmarkt ist beinhart.

derStandard.at: Gibt es hinsichtlich Arbeitsmarkt noch nennenswerte Punkte?

Biffl: Beim Punkt "Arbeitsmarkt und Arbeitsfeld" ist im Regierungsprogramm beim Unterpunkt "Jugendbeschäftigung und Lehrlinge" die Rede von "Stärkung der Lehre, leistungsstärkere Lehrlinge auf höherem Niveau, bessere Durchlässigkeit zwischen Lehrlingsausbildungssystem und dem schulischen universitären Bildungssystem, kein Abschluss ohne Anschluss, Bildungschance keine Sackgasse" - da weiß man nicht, was das wirklich heißen soll. Ich würde meinen, dass es notwendig ist, dass die Jugendlichen einen gewissen Rechtsanspruch auf Maturaniveau haben sollten. Das heißt, dass es automatisch eine Finanzierungsunterstützung für die Berufsmatura gibt, wenn es darum geht, dass jemand die Lehre abgeschlossen hat und damit keinen Job kriegt.

derStandard.at: Da wäre wahrscheinlich sehr viel geschafft.

Biffl: Da wäre unwahrscheinlich viel geschafft. Man lernt ja etwas in der Lehre. Und wenn du dann weitergehst in diesem Berufsbild der Lehre und du spezialisierst dich hinauf zur berufsorientierten Matura, dann ist das halt ein HTL-Abschluss oder ein HAK-Abschluss und da hat man schon ganz andere Möglichkeiten der Beschäftigung. Und das, würde ich meinen, fehlt. Da steht zwar "bessere Durchlässigkeit", ja - aber wo steht die Finanzierungsunterstützung? Leute, die die Lehre machen, kommen normalerweise aus einem ärmeren Milieu. Polycolleges, BFI, "colleges of higher education", wie es im Englischen heißt, und die es auch im Norden gibt, die wissen schon, dass es diese Nachfrage gibt. Die sind stark drinnen, und es sind andere Schulen drinnen, aber nicht Schulen des Regelschulsystems. Das ist ein großes Problem. Diese Einrichtungen können auch kein Zeugnis geben. Das heißt, eine Externistenmatura, eine Externistenprüfung kostet normalerweise auch Geld. Die Leute, die das Glück haben, ihre Erstausbildung in einem System zu absolvieren, wo sie kontinuierlich drinnen waren, für die wird alles vom Staat bezahlt. Für diejenigen, die herausfallen - aus welchem Grund auch immer -, wird es sehr teuer und schwierig, und gerade denen sollte man unter die Arme greifen. Und das sehe ich nicht bei den Jugendbeschäftigungsprogrammen.

derStandard.at: Wie steht es mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit?

Biffl: "Flexibilisierung des Arbeitszeitrechtes unter Berücksichtigung von EU-Arbeitszeitrichtlinien", wie es im Regierungsprogramm heißt - das ist klar. Was mir ein bisserl gefehlt hat: Es steht zwar "Mehr Kostengerechtigkeit zwischen Teilzeitarbeit und Vollzeitarbeit, um die Zerlegung von Vollzeitarbeitsplätzen in nicht existenzsichernde Teilzeitarbeitsplätze zeitweise einzudämmen". Da würde ich meinen, dass man das Modell der Teilzeit im Sinne von eben mehr als 20 Stunden grundsätzlich überlegen muss. Auch wenn die Leute dann zwar auch weniger arbeiten - sagen wir, 30 Stunden - dann müssen die in interne Weiterbildungs- und Karrierelaufbahnen eingebunden werden. Das fehlt mir.

derStandard.at: Das wäre arbeitsmarktpolitisch zu regeln?

Biffl: Die Arbeitszeitflexibilisierung müsste beinhalten, dass Teilzeitbeschäftigung generell in interne Weiterbildungs- und Karrierelaufbahnen eingebunden wird. Dann könnte man fragen, wie die Voraussetzungen sein müssen, dass das möglich ist, und dann könnte man sagen: Eventuell sollte man abgehen von der Halbtagsbeschäftigung, hin zu "ein bisserl mehr als Halbtag". Wenn die Frauen sehen, dass sie am Arbeitsmarkt Karrieremöglichkeiten haben, auch wenn sie ein bisschen weniger arbeiten, dann könnte sich da auch ein bisschen etwas bewegen. Aber die Teilzeitgeschichte zieht sich durch die ganze Sache durch, das hat einen hohen Stellenwert.

derStandard.at: Das heißt, es sind im Regierungsprogramm viele Themen angesprochen?

Biffl: Unwahrscheinlich viele Themen. Ich bin eigentlich überrascht gewesen, dass man in dieser kurzen Zeit doch so viele komplexe Dinge aufgenommen hat. Sehr viele Punkte, die schon im Wifo-Weißbuch in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern durchaus gut ausgearbeitet waren, sind Input in dieses Regierungsprogramm gewesen. So gesehen ist das Programm sehr komplex. Jetzt kommt es darauf an, wie es umgesetzt wird.

  • Gudrun Biffl
    foto: standard/newald

    Gudrun Biffl

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