Selbstabschaffung durch großes Schunkeln

2. Februar 2007, 13:13
1 Posting

"Es geht um totale Energie" - Jonathan Meese mit De Frau an der Volksbühne Berlin: Parolengebrabbel und Geschichtsklitterung

Wer immer die Nase vorn hat, weiß es schon: 2007 wird das Jahr der Kunst. Große Ausstellungen überall, die Messen boomen, und wer die Aktienmärkte für ausgereizt hält, kauft Maler aus Leipzig oder Beijing. Bevor das alles noch so richtig in die Gemüter dringen kann, hat die Volksbühne schon eine Premiere von einem richtigen Künstler: Jonathan Meese, Maler, Installateur, Gesamtperformer, hat mit De Frau (Dr. Poundaddylein - Dr. Ezodysseusszeusuzur) vielleicht kein richtiges Stück geschrieben. Er hat die Reste davon aber unverdrossen auf die Bühne gebracht, und nun hat das Kunstjahr 2007 seine erste Parole: "Es geht um totale Energie."

"Machtergreifung" der Kunst

Meese, der für Frank Castorf bisher die Bühnenbilder zu Kokain und Die Meistersinger von Nürnberg gemacht hat, ist dafür bekannt, dass er gern mit gefährlichen (deutschen) Symbolen arbeitet. In seinen großformatigen Gemälden ist viel Gewese um Wagner und Heidegger, Runen und Hakenkreuz. In derselben Tradition steht auch der Abend De Frau: Es geht um die "Machtergreifung" der Kunst, die irgendwie auch mit deren Selbstabschaffung einher geht.

Meese, der seiner Inszenierung als langhaariger Berserker in schwarzen schwarzen Lederhosen selbst vorsteht, hat eine dreibrüstige Puppe mit großem erigiertem Gemächt auf die Bühne gelegt. Er will, wie es zwischendurch immer wieder verkündet wird, der Demokratie zwischen die Beine schauen. Die Drehbühne hat auch deswegen Hochbetrieb, weil den ganzen Abend hindurch nicht viel passiert. Meese schreitet, eifrig assistiert von Bernhard Schütz, seine ganze Privatmythologie ab. Sie erschließt sich dem Publikum nur durch den gelegentlichen Ausruf von verballhornten Namen, weitgehend aber bleibt sie so privat wie die Drucksorten, mit denen adoleszente Jungen sich auf die Begegnung mit der Frau vorbereiten.

Der Chef im Nacken

In Wien hatte Meese vor Jahren schon einmal eines seiner radikal voll geräumten Jugendzimmer aufgebaut - ein nassforsches "So lebe ich" zeigte sich in dieser Bude. So wie aber viele Bands im eigenen Probenkeller Deep Purple an die Wand spielen könnten, auf der großen Bühne jedoch nicht einmal einen Akkord zusammenbringen, steht Meese nun im weiten Raum der Volksbühne - und versagt jämmerlich. Sicher, es sitzt ihm auch der Chef im Nacken. Frank Castorf hat ja alles, was bürgerliches Theater nicht darf, selbst schon getan - was bleibt, ist kein Tabubruch, nirgends. Meese macht trotzdem brav weiter mit Parolengebrabbel und Geschichtsklitterung. Ein erbärmliches Unterfangen, das nur mit lauter Musik über das Nichts hinwegfindet, das hier nichtet. Suicide und Supertramp, Can und Rammstein, das übliche Crossover aus hip und peinlich.

Als zwischendurch ein berühmter Sirtaki aus der Filmgeschichte angespielt wird, johlt das Publikum, das sich um jeden Preis unterhalten möchte, erstmals auf. Am Ende gibt es griechischen Wein von Udo Jürgens. Unter den Unentwegten, die zu diesem Zeitpunkt nicht schon aus dem Saal drängen, kommt Schunkelstimmung auf. Das Kunstjahr 2007 hat begonnen. (Von Bert Rebhandl aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2007)

  •  Jetzt aber Kunst! "De Frau" von und mit Jonathan Meese an der Volksbühne.
    foto: volksbuehne/braun

    Jetzt aber Kunst! "De Frau" von und mit Jonathan Meese an der Volksbühne.

Share if you care.