Der Narrische, die Streif und der Mythos

2. März 2007, 13:53
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Hoch vom Großglockner kam der Schnee daher, um in Kitzbühel zu schmelzen - Was bleibt, sind Vergangenheit und Zukunft des heraus­ragendsten Skirennens des Jahres

"Mit grimmiger Kälte im Tale, meterhohem Schnee und strahlender, aber nicht wärmender Sonne auf den Höhen fängt es an. Der Ort ist überfüllt mit Skifahrern. Die sind alle fröhlich, welches die auffallendste Wirkung des Wintersport ist."

Ja, ja, die Fröhlichkeit. Die einleitenden Worte stammen aus den frühen Jahren und von Franz Reisch, auf den noch zurückzukommen sein wird, und eine Fröhlichkeit exzessiver Natur, die gar nicht mehr lustig war, zelebriert von Sportsfreunden und nicht von Sportlern, sollte den Kitzbühelern in späteren Jahren gröbere Imageprobleme bereiten.

Der Gipfel der Maßlosigkeit wurde zur jüngsten Jahrhundertwende erklommen. Die Zustände in der Innenstadt am Hahnenkammwochenende spotteten jeder Beschreibung. Tausende von den zigtausenden, die sich am Samstag die Abfahrt auf der Streif angeschaut hatten, warteten in der Stadt auf den sonntägigen Slalom. Die Gastronomie bemühte sich, den Wartenden die Zeit zu verkürzen, ein Standl neben dem anderen versorgte sie mit Hochprozentigem. Auf den Straßen watete man knöcheltief durch Glasscherben. Es war bedrohlich. In den Bank-Foyers, die mit Bankomatkarte zu betreten sind, stapelten sich die Leiber jener, denen die Kraft zum Torkeln und zum Gröhlen ausgegangen war. Immer wieder dröhnten dieselben Gassenhauer, bei verschiedenen Standln und also zeitversetzt aufgelegt, durch die Nacht.

Naturgemäß sprach sich das herum, noch dazu im Rahmen jenes Skirennens, welches für die weltweit größte Publizität des Genres sorgt. Gianfranco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, stellte fest: "Kitzbühel hat ein Alkohol-Problem." Sich der grauslichen Wirklichkeit annähernde Reportagen erzählten weltweit davon, und die Kitzbüheler zogen die Notbremse. Seit dem Jahre 2002 gibt's eine einheitliche Beschallung der Stadt, ab Mitternacht ist mit dieser sowie mit dem Alkoholausschank Schluss. Und dafür, dass bisweilen Menschen aus den direkt am Fuße des Hahnenkamms eintreffenden Sonderzügen purzeln, kann Kitzbühel wirklich nichts.

Die Situation hat sich seit damals eindeutig gebessert. Dass es zu dieser kam, liegt am magnetenhaften Wesen Kitzbühels, in dem sich ein gesellschaftliches Problem geballt zur Schau stellte. Die Polizeiinspektion Kitzbühel berichtet von einem deutlichen Zurückgehen von Sachbeschädigungen und Anzeigen gegen unbekannte Täter.

"Der Steilhang ist blau, ich aber bin es nicht", sprach einmal der Senegalese Lamine Gueye und verweigerte sich der Streif, womit man beim Herzstück der Berühmtheit Kitzbühels angelangt wäre, dem spektakulärsten Abfahrtsrennen der Welt, das seit 1931 ausgetragen wird und über das seit alters her nahezu jeder Rennfahrer sagt, dass ein hier gefeierter Sieg der wertvollste der Saison ist, von Olympia und Weltmeisterschaften einmal abgesehen.

Der vormals eher ideelle Wert wurde von Jahr zu Jahr mehr mit materiellem Sinn erfüllt, es gibt hier das höchste Preisgeld und noch viel mehr Nebengeräusche, erzeugt von Skiproduzenten und anderen Ausrüstern. Schließlich geht es mit einer Neigung von maximal 85 Prozent bergab auf der Streif.

Dies hat der Visionär Franz Reisch vermutlich nicht vorausgesehen, aber was der aus Kufstein zugewanderte Drogeriekaufmann anno 1893 tat, war den damaligen Kitzbühelern nicht geheuer. Sie hielten ihn, der der Stadt von 1903 bis 1913 als Bürgermeister vorstehen sollte, schlicht für narrisch. Reisch bestieg das Kitzbüheler Horn mit Skiern, die er sich nach der Lektüre des Buchs "Auf Schneeschuhen durch Grönland" von Polarforscher Fridtjof Nansen aus Norwegen kommen ließ. Beim Bergauffahren, erkannte er, was spätere Generationen nur bestätigen können, überwiegt die Kraftanstrengung, beim Bergabfahren sind Courage und Übung vonnöten. Noch im 19. Jahrhundert fanden in Kitzbühel die ersten Skirennen statt.

Kitzbühel war im Mittelalter durch Silber- und Kupferbergbau wohlhabend geworden und kein Bergdorf, als Reisch die ersten Schwünge zog. Der sah die Zukunft im Tourismus, war Obmann des Fremdenverkehrsvereins, Gründer der Wintersportvereinigung, die später im Kitzbüheler Ski Club aufgehen sollte, Mitbegründer des Österreichischen Skiverbandes, plante eine Bahn auf den Hahnenkamm. Der Erste Weltkrieg unterbrach den Aufschwung. Als er wieder anhob, 1920, starb Reisch 57-jährig. Der Schlag traf ihn. Auf dem Berg.

Heute hat Kitzbühel viele Lifte, Skipisten, Schneeanlagen, ein Tennisturnier, Golfplätze, wohlhabende und aus Film und Funk bekannte Zweitwohnsitzler wie Franz Beckenbauer oder Karl-Heinz Grasser und einen Mythos namens Hahnenkamm. Der Mythos wird nicht so schnell schmelzen wie der heuer in einer aufwändigen, geschätzte 350.000 Euro teuren, aber vergeblichen Rettungsaktion vom Großglockner herangekarrte Schnee, schließlich ist die Abfahrt nicht zum ersten Mal ausgefallen. Selbst in der Misere wurde die herausragende Stellung Kitzsbühels im Skirennsport deutlich. Anderswo wäre das Handtuch schon viel früher geworfen worden. Anderswo freilich hängt nicht so viel dran an einem Skirennen.

Der Himmel kann es eben nicht einmal den Kitzbühelern immer recht machen. Im vorigen Winter ging er derart freizügig mit dem Schnee um, dass die Pisten zwar ursuper waren, aber die Schneeräumtrupps zu exakt 9101 Einsatzstunden gezwungen wurden. Dies und die Kosten für Streusalz und -sand betrugen 730.00 Euro. Dennoch: Wegschaufeln kommt viel besser als herschaufeln. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 26. Jänner 2007, Rondo, Benno Zelsacher)

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    Kitzbühel im Jänner 2003.

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