Österreich und der 100-Dollar-Laptop

19. Oktober 2007, 10:04
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30 Euro pro Volksschüler pro Jahr - Einen groß angelegten, revolutionären Schulversuch sollte sogar ein Sparkurs aushalten

Hut ab vor Nicholas Negroponte. Vor zwei Jahren ging der Gründer des "Media Lab" am MIT (Massachusetts Institute of Technology) beim Weltwirtschaftsforum Davos mit seiner Idee eines 100-Dollar-Laptops hausieren: jedem Kind (der Dritten Welt) seinen eigenen Laptop, um dessen Bildungschancen zu verbessern - der WebStandard berichtete. Damit das zumindest ansatzweise Realität werden könne, müsse ein solches Gerät den Einsatzbedingungen dieser Länder entsprechen (z. B. unabhängig von einem ausgebauten Strom- oder Funknetz funktionieren) und dürfe nicht mehr als 100 Dollar kosten.

Chefpromotor des "Digitalen Seins"

Zum Thema Laptop und Bildung später, zuerst zur Leistung Negropontes: Der als Chefpromotor des "Digitalen Seins" (so der Titel eines seiner Bücher) bekannte Akademiker beließ es nicht dabei, eine schlagzeilenträchtige Vision in die Welt zu setzen. Über 30 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke, wie Bill Gates, verfügt er auch nicht. Also blieb ihm nichts anderes über, als seine Vision selbst zusammen mit Kollegen des MIT Media Lab als gemeinnützige Initiative umzusetzen, "One Laptop per Child".

Der größte Laptopproduzent der Welt

Jetzt stellte er eines der ersten realen Geräte vor, erste Pilotprojekte laufen, die Produktion in Taiwan steht vor dem Start. Alleine das ist bemerkenswert: Eine industrielle Initiative, die in Kürze 50 bis 100 Millionen Laptops im Jahr erzeugen will - womit sie der größte Laptopproduzent der Welt wäre. Zwar ist der 100-Dollar-Laptop erst bei 150 Dollar angelangt, aber die Massenproduktion soll das Gerät bald an seinen Zielpreis heranführen.

9000 Stück für .at

Womit wir zur Bildungsseite der Geschichte kommen, von der auch Österreich profitieren kann. Unterrichtsministerin Claudia Schmied könnte einen erfrischen Startschuss für ihr neues Tätigkeitsfeld setzen, indem sie als Einkäuferin einer großen Zahl der 100-Dollar-Laptops schon zum jetzigen Preis auftritt, sagen wir mal: 9000 Stück zu 150 Dollar (rund 120 Euro), um zehn Prozent aller Taferlklassler in diesem Herbst mit einem Laptop auszustatten. Eine gute Million Euro - oder, anders gesagt: 30 Euro pro Volksschüler pro Jahr - für einen groß angelegten, revolutionären Schulversuch sollte sogar ein Sparkurs aushalten.

Erfahrungen

Damit könnten Volksschulen umfassende Erfahrungen machen, wie persönlicher Laptop und Internet am besten als individuelle Lernwerkzeuge eingesetzt werden können. Denn weiterhin gibt es ein gern gepflegtes Missverständnis, auf dem die Kritik am Computer in der Schule aufbaut: Er wäre nur eine Ansammlung elektronischer Bauteile, die zum Lernen der Kinder nichts beitragen kann.

So wie Bücher

So wie Bücher repräsentieren Computer (und ihre Programme und Internet) ein von Menschen und ihrem Wissen geschaffenes Werkzeug, dessen enormes Bildungspotenzial erst ansatzweise genutzt ist. In einem PC steckt der Wissensschatz von Generationen in Form von Millionen Zeilen an Code, die Möglichkeiten zum Entdecken und Lernen auftun. Oder mit den Worten der Initiative ausgedrückt: "Ein Fenster und ein Werkzeug" - ein Fenster in die Welt des Wissens, und ein Werkzeug, um Lernen zu lernen.

Logo

Einer der Mitstreiter von Negroponte ist der gleichfalls am MIT tätige Seymour Papert, der lange Jahre als Assistent des Pioniers der Entwicklungspsychologie, Jean Piaget, tätig war und der als Mathematiker später die Kinderprogrammiersprache Logo entwickelte. Papert war federführend für die Lerntheorien, auf denen das Projekt "One Laptop per Child" beruht.

Künstliches

Der Widerspruch zwischen Menschen und Medien (zu denen ich Computer und Internet zähle) im Lernprozess wird künstlich hochstilisiert. Wir lernen von beiden, wir brauchen beides. Lehrerin und Lehrer werden durch Computer nicht ersetzt, so wie Bücher sie nicht ersetzt haben - aber kein einzelner Mensch kann je die Erfahrung bieten, die Bücher, Computer und Internet ins Klassenzimmer bringen können. Und es ist ein persönliches Medium: So wie wir nicht darüber diskutieren, ob ein Bleistift oder fünf oder zehn für eine Klasse genügen, sondern jedes Kind damit ausstatten, ist auch ein Laptop ein höchst persönliches Tool, über das jedes Kind so selbstverständlich verfügen können sollte wie über Schreibzeug, Hefte, Bücher.(PERSONAL TOOLS HELMUT SPUDICH, DER STANDARD PRintausgabe, 25. 01. 2007)

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