John le Carrés "Der Spion, der aus der Kälte kam"

25. Jänner 2007, 23:14
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Auch einer der größten Spionagethriller der Leinwandgeschichte

Viele Spionagethriller folgen brav der Tradition von Ian Flemings Commander Bond mit seinen cartoonartigen Mätzchen, seinen technischen Spielereien und seinem endlosen Bond-Girls-Gefolge. Nicht so "Der Spion, der aus der Kälte kam", der ab 1963 den "Thriller noir" ebenso definierte wie unsere Sichtweise auf das unglamouröse Leben in den Schützengräben des Secret Service MI6 während des Kalten Krieges.

Die Erzählung von Alec Leamas, dem alternden Chef der Berliner MI6-Sektion, ist gnadenlos pessimistisch. Leamas verliert seinen besten Agenten, sein Ersuchen um Versetzung in den Ruhestand wird daraufhin abgelehnt; stattdessen wird er auf eine letzte Mission geschickt - ein skrupelloses Schachspiel, in dem er zusammen mit einem unschuldigen Mädchen zur Rettung eines Doppelagenten geopfert werden soll.

Das Buch präsentiert uns schonungslos detailliert die graue Welt des Spionagespiels der Sechzigerjahre in einem London, in dem man permanent nasse Füße bekommt, das immer noch von einem vom Klassendenken geprägten Vorkriegsestablishment regiert wird, das in seiner hoffnungslosen Depressivität jedoch durchaus gleichzieht mit der Schniefnasen-Kälte Ostberlins.

Einer der größten Spionagethriller der Leinwandgeschichte

Der letzte Abschnitt des Romans spielt in einem heruntergekommenen Verhörzentrum in der DDR. Inspiriert von der Klarheit des Romans entstand 1966 unter der Regie von Martin Witt einer der größten Spionagethriller der Leinwandgeschichte, in dem ein finsterer Richard Burton seine beste Leistung als Anti-Held lieferte und Oskar Werner die ostdeutsche Ideologie einem größeren Publikum verständlich machte. Es heißt, dass dieser Roman in den Sechziger- und Siebzigerjahren Pflichtlektüre im Londoner MI5 und MI6 gewesen sei.

Angeblich soll er bis 1989 sogar Pflichtlektüre beim Geheimdienst der DDR geblieben sein - vielleicht mit ein Grund, warum sie dort dafür die Schrift der neuen Weltordnung auf ihren eigenen feuchten Wänden nicht lesen konnten, die sich unaufhaltsam um sie herum ausbreitete. Le Carré zeigt, wie das Spionagespiel enden kann, wenn es Gesellschaften und Regierungen in den Abgrund moralischer Verworfenheit treibt - die darin besteht, die "andere Seite" zu überlisten und auszutricksen, nur um sie, und die eigene Seite mit dazu, im Ungewissen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Kosten in Form des betroffenen menschlichen Lebens. Dieses Buch istdie Mutter aller Spionagethriller und dazu mit das beste soziale Dokument über die Nutzlosigkeit des Katz-und-Maus-Spiels des Kalten Krieges. (Sir Peter Jonas/DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2007)

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