Büffeln am Kilimandscharo

29. Jänner 2007, 17:00
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Spuren lesen, pirschen, Verhaltensweisen deuten - zum Hobbywildhüter können sich Interessierte bei der Zebra-Lodge in Kenia ausbilden lassen

Schnee am Kilimandscharo. So sah Hemingway, Literat und Großwildjäger, das berühmte weiße Dach Afrikas, als es noch ein gutes Drittel des Berges ausmachte. Doch wie weit ist das Eis jetzt abgeschmolzen! "In zehn, vielleicht fünfzehn Jahren ist die Haube ganz weg", schätzt Wilfred Ngonze, der die staunenden Gäste an der Buschpiste der zweimotorigen Propellermaschinen empfängt. Der 5895 Meter hohe Gipfel, der sich zur Begrüßung ausnahmsweise ohne Wolkenhülle präsentiert, zeigt sich schonungslos wie die Wirklichkeit.

Wilfred, der nachdenkliche Kenianer, ist Senior Warden im "Kilimanjaro Kimana Game Sanctuary", dem Tierreservat auf 1200 Metern unterhalb des höchsten Berges Afrikas auf kenianischer Seite. "Abholzung, globale Erwärmung, Versteppung, die Nahrungskette der Tiere - in der Natur hängt alles eng miteinander zusammen", erklärt der Chefranger der achtköpfigen Gruppe aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die den Wildhüterkurs der Kimana gebucht haben.

Rettung für ein Elefantenbaby

"Der Idealfall für uns ist", sagt der 54-Jährige, der seit 26 Jahren Ranger ist, "ein verletztes Zebra oder eine kranke Giraffe zu finden, die wir noch retten können." Spektakuläre Geschichten sind bei angehenden Wildhütern aus diesem Stoff. In perfektem Englisch erzählt Wilfred von dem Elefantenbaby, das kürzlich mit einer Drahtschlinge um den Hals gefunden worden war. Eine im Busch tödliche Fessel. "Vermutlich das Werk von Wilderern", spekuliert Wilfred. Und rief über Funk Dr. Zahoor Kashmiri, den Tierarzt vom staatlichen Kenya Wildlife Service (KWS) aus Mombasa.

Doktor Kashmiri kam sofort eingeflogen. Erst betäubte er die Mutter, um den kleinen Elefanten zu fangen. Doch der wanderte mit der Herde weiter. Endlich fand der Buscharzt das Kalb, betäubte es und entfernte die Schlinge. Doch da waren Elefantenkuh und Herde verschwunden. Nach einer langen Suchaktion wurde glücklich wieder zusammengebracht, was zusammengehört.

"So aufregend geht es nicht immer zu", dämpft Wilfred die kühnsten Träume der Hobby-Wildhüter. Ein Urlaub für Faultiere sei der Kurs aber auch nicht. Auf dem Programm der fünftägigen Grundausbildung stehen die Frühpirsch um 6.30 Uhr, das Frühstück um acht und danach das Büffeln afrikanischer Naturgesetze im "Klassenraum" der Zebra-Lodge, einem festen Zelthaus. Anschließend folgt der Game Drive mit dem Landrover in die Savanne, wo die Rangerstudenten die Regeln der Wildnis in natura anwenden.

Spurenlesen in der Savanne

Zwischen Dornbüschen und Schirmakazien geht es um die ganz elementaren Dinge: Spuren lesen, Kot bestimmen, Lebensräume und Verhaltensweisen deuten - das Einmaleins für Tiere und Ranger. "Wer hinterlässt diese Spuren?" - "Natürlich ein Zebra", sagt Peter aus Wien. "Und diese?" - "Vielleicht eine Hyäne", tippt Ralf aus Frankfurt. - Richtig. Alle grübeln bei der nächsten. "Eine Wildkatze, das ist klar", meint Simone aus Basel. "Ja, ähnlich wie beim Leopard oder Löwen", hilft Wilfred und blättert in seinem Wildlife-Buch, das er wie eine Bibel ständig bei sich trägt. "Da ist er!", ruft er zufrieden, als er die Seite mit der Abbildung aufschlägt: eine hochbeinige, feingliedrige, gefleckte Kleinkatze.

Die Spur ist Tage alt, schätzt der Senior Warden, macht aber auf alle Eindruck. Und Peter hatte schon gemunkelt, Wildcats gebe es in der Kimana gar nicht. Zumal Wilfred bei den Walks nie ein Gewehr trägt. "Ich brauche keine Waffe", lacht der Lehrmeister über besorgte Blicke, "ich rieche die Tiere." Was er meint, sind Wissen und Erfahrung. Wo das Gras hoch steht, droht weder durch Geparden noch Leoparden Gefahr, es ist nicht ihr Revier. An Wasserstellen lauern Löwen, Schlangen flüchten; außer der grünen Mamba, die greift schon einmal an. Fährten und Hinterlassenschaften wie Kot sind die besten Hinweise. "In der Natur hat alles seine Logik", sagt Wilfred, "und man muss sie deuten können." Dass Wilfred ein UKW-Handfunkgerät bei sich trägt, ist dennoch ungemein beruhigend.

Zum Lunch fahren wir in die Lodge zurück oder haben ein Paket für ein Picknick im Freien bekommen. "Ich esse im Wagen", sagt die sonst beherzte Simone aus Basel, die sich vor Schlangen fürchtet. Wilfreds Geschichte von der grünen Mamba hat sie beeindruckt, und er hat uns eine versprochen, die er kürzlich in ihrem Nest gesehen hatte. Unterdessen hat Ralf sich leise mit dem Fotoapparat zu einer Gruppe grasender Elands entfernt, der größten Antilopenart.

Jagd mit dem Fotoapparat

Nachdem die Reste vom Menü sorgsam verstaut sind, geht es weiter mit der Safari. Thompson-Gazellen, Buschböcke und Impalas suchen vor dem Landrover das Weite, ein paar Warzenschweine, auch "Kenia-Express" genannt, flitzen davon, ein Giraffenpärchen kreuzt den Weg, eine Zebrafamilie im Schatten einer Akazie verfolgt uns mit aufmerksamen Blicken. Aus dem Busch taucht plötzlich eine riesige Elefantenherde auf, die sich langsam durch die Steppe bewegt. Zweimal im Jahr wandern die Buschriesen durch die Kimana, vom Tsavo- zum Amboseli-Nationalpark und wieder zurück. Immer auf der Suche nach Nahrung: Ein Elefant braucht pro Tag 180 Kilo Gras, das ist das Minimum. Sofort sind zig Landrover mit Safari-Touristen zur Stelle, um die Herde vor dem Kilimandscharo zu fotografieren. Für Wilfred sind sie die "Paparazzi der Savanne".

Unterwegs begegnen wir einem Massai in leuchtend rotem Kanga, der seine Rinder durch den Park treibt. Aufgebracht lässt Wilfred den Rover stoppen und ruft dem Hirten zu, dass das verboten sei. Die Massai sind Eigentümer des 60 Quadratkilometer großen Kimana-Gebietes, haben es aber dem African Safari Club verpachtet und unterliegen damit den Parkgesetzen des KWS, das wiederum die Ranger bestellt. "Die Massai haben ihre eigenen Weidegebiete", erklärt Wildfred später sein Aufbrausen. "Wir versuchen, ihnen zu erklären, wie wichtig der Naturschutz in der freien Wildbahn ist. Denn ihre Herden stören die Nahrungskette der Wildtiere. Und das Gleichgewicht im Park ist unser aller Kapital." Auch deshalb dürfen Landrover nicht von den Wegen abfahren, die Massai dürfen nicht jagen und eigentlich auch ihre Herden hier nicht weiden lassen. "Es ist ihnen schwer zu vermitteln, dass Naturschutz unser aller Kapital ist."

Tod eines Zebras

Auf dem Rückweg zur Lodge entdecken wir plötzlich ein einzelnes, am Boden liegendes Zebra. Wilfred stoppt den Wagen. "Woran erkennt ihr ein verletztes Zebra?" Dass es allein ist, antwortet Peter. Dass es am Boden liegt und nicht frisst, ergänzt Simone. Als das Zebra sich erhebt, sind seine Wunden an Kopf und Hinterschenkel zu sehen. "Das sieht mir nach einer Hyäne aus", meint Wilfried, während er durch seinen Feldstecher blickt. "Ich rufe Dr. Kashmiri an", sagt er und greift zum Funkgerät.

Wenn der Buscharzt vom Senior Warden einen Notruf erhält, weiß er, dass es um Leben oder Tod geht. Als die Zweimotorige aus Mombasa gelandet ist, fahren alle zum Zebra. Es liegt kraftlos noch fast am selben Platz. Beim Annähern versucht es sich aufzurichten. Kashmiri setzt es mit dem Betäubungsgewehr außer Gefecht.

Als alle vor ihm stehen, ist das Elend des Tieres offensichtlich. Was aus der Ferne nicht zu erkennen war, sind die Stich- und Schnittwunden an Auge und Hals, das eine Auge ist völlig zerstört. "Das beruht auf Menschenhand", analysiert Dr. Kashmiri und erklärt kurz den Konflikt zwischen den Plantagenbauern und eindringenden Wildtieren, die das von den Massai angepflanzte Gemüse als "gedeckten Tisch" verstehen. Da das Zebra links blind, nur noch auf der anderen Seite sehen konnte, konnte die Hyäne linksseitig angreifen.

Der Buscharzt Kashmiri kann nichts mehr für das Zebra tun; er erlöst es mit dem Revolver und überlässt es den schon überall lauernden Geiern. Mehr Glück als das Zebra hatte das Nilpferdbaby, das im Dezember vergangenen Jahres aus dem Sabaki-Fluss in den Indischen Ozean gespült wurde. Im Salzwasser wäre es verendet. Auch hier half Doktor Kashmiri. Er brachte das auf den Namen Owen getaufte 120-Kilo-Baby in den Haller Park in Mombasa, wo es sich eine Riesenschildkröte als Ersatzmutter suchte. "Erst war Mzee unwillig", erinnert sich Ranger Terer Kipiloech, der die berühmt gewordenen Freunde im Haller Park den Besuchern zeigt. Doch dann hat ihn das rund 120 Jahre alte, 300 Kilo schwere Panzertier adoptiert. Seitdem sind Owen und Mzee ein Herz und eine Seele. Sie schlafen und essen gemeinsam, und Owen tut nichts ohne Mzee. Dass Mzee auch ein Männchen ist, spielt keine Rolle. (Beate Schümann/Der Standard/RONDO/26.1.2007)

Wildhüterkurs: Fünf Tage Theorie und Praxis, u. a. Klassifizierung der Tiere und Pflanzen, Pirschfahrten und Bush Walks, Besuch im Massai-Dorf, Gespräch mit dem Tierarzt.
Quartier: Zebra-Lodge mit komfortablen Holz-Bungalows, Warmwasserdusche und WC.
Veranstalter: African Safari Club, Freyung 1, A-1010 Wien, Tel.: 01-533 67 43, asc@ascag.net.
Anreise: Der Airbus der African Safari Airline (ASA) fliegt mehrmals im Monat, u. a. via Berlin, Frankfurt, München und Düsseldorf.
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    foto: african safari club
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