The Shins: Salzig statt schmalzig

2. Februar 2007, 14:18
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Prototyp einer Indie-Band - In den USA sind sie längst Popstars, in Europa wohl demnächst auch

Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums von The Shins, "Wincing The Night Away", traf Karl Fluch den Chef der Band, James Mercer.

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Als das Gespräch auf die amerikanische Regierung, den Krieg im Irak und die Auswirkungen auf die US-Popmusik und deren Engagement gegen Bush und seine Politik kommt, gerät James Mercer ins Stocken. Ja, Krieg sei schon "totally fucked" und, ähm, ja, natürlich sei man dagegen und äh, Bush, der - Pfff! - sei schon schlecht und böse, mhm, äh, aber er, Mercer, sei eigentlich ein eher unpolitischer Mensch, der sich für größere Zusammenhänge interessiere und nicht darum kümmere, welcher Senator gerade mit welcher Assistentin was treibe, oder so.

"Das beste Pferd im Stall"

Okay, das war zwar gar nicht die Frage, aber niemand hat behauptet, dass Musiker politisch versiert sein müssen, und schließlich ist Mercer ja eigentlich nur deshalb in der Welt unterwegs, um Wincing The Night Away, das neue Album seiner Band The Shins, zu bewerben. Die Links auf politisch bewegte Seiten auf der Homepage seiner Band stammen offenbar nicht von ihm. Ansonsten ist Mercer, der sich nicht ganz entscheiden kann, ob ihm sein frisch gezüchteter Vollbart taugen soll oder doch nicht, ein nett parlierender Zeitgenosse, der mit seiner Band in den USA mittlerweile in siebenstelligen Einheiten verkauft.

Damit sind The Shins das beste Pferd im Stall des früheren Grunge-Labels Sub Pop (Tad, Mudhoney, Nirvana...). Angeblich haben sie dieses sogar gerettet, nachdem Sub Pop nach dem Abflauen des Grunge-Booms eher glücklos versucht hatte, sich neu zu positionieren. Mittlerweile ist das Label mit Acts wie den ebenfalls die Millionenverkaufsgrenze überschreitenden The Postal Service sowie den Constantines, Comets On Fire und vielen anderen mehr wieder vorne mit dabei.

Prototyp einer Indie-Band

The Shins gelten zu Hause als Prototyp einer Indie-Band, der ausgerechnet von McDonalds auf die Sprünge geholfen wurde, als das Unternehmen einen ihrer Songs für einen Werbespot verwendete. Mercer: "Das klingt natürlich widersprüchlich. Aber als wir damals das Angebot bekommen haben, hatten wir allesamt Schulden und waren gerade dabei auf Tournee zu gehen. Plötzlich winkte man uns mit einem fetten Scheck, der uns eine Menge Sorgen vom Hals schaffte." McDonalds rettete also The Shins? Mercer: "Autsch! So hart formuliert schmerzt das sehr - und von heute aus betrachtet würden wir das auch nicht mehr machen."

Von eventuellen weiteren Sorgen wurde das in Albuquerque, New Mexico, gegründete Quartett 2004 befreit. Die beiden Songs New Slang und Caring Is Creepy fanden auf dem Soundtrack des Independent-Filmhits Garden State von Zach Braff Verwendung und trieben die Albumverkäufe der Band in lichte Höhen. Mercer: "Das war derselbe Zufall wie zuvor mit McDonalds. Ein Typ in einer Agentur, der unsere Musik kannte und mochte, schlug The Shins vor. Man fragte bei uns wegen den Songs an, wir stimmten zu - der Rest passierte einfach." Seit damals sind Shins-Songs in diversen populären TV-Serien wie Gilmore Girls und verschiedenen Hollywoodfilmen vorgekommen. Mercer, der ein wenig wie ein junger Kevin Spacey aussieht, nennt das "die positiven Seiten des Kapitalismus" - was Wunder!

Kompositionsarbeiten

Dabei schreiben The Shins gar keine vordergründigen Hits. "Wincing The Night Away" besticht wie schon seine beiden Vorgänger mit einem einerseits in den 1960ern verwurzelten Westcoastrock, andererseits kennen Mercer und Co die komplexen Kompositionsarbeiten von Bands wie Radiohead. Diese Ansätze kreuzen sie scheinbar mühelos und schaffen damit luftige Popsongs, die sich oft erst nach mehrmaligem Hören in all ihrer Schönheit zu erkennen geben, "slow burner" sind - wie man sagt.

Mercer: "Diese Einschätzung kann ich weder bestätigen noch leugnen. Wenn man ein Album fertig produziert hat, ist man zu gesättigt und distanzlos zum Material, um es einordnen zu können. Ich wünschte, ich könnte die Songs am Ende des Aufnahmeprozesses wie ein Außenstehender zum ersten Mal hören. Aber ich habe schon öfter gelesen, dass wir beim Erstkontakt nicht so richtig wahrgenommen werden, sondern erst nach mehreren Durchgängen unser Durchsetzungsvermögen beweisen. Offenbar sind wir eine Band, die eher durch die Hintertür auf die Party schleicht. Dafür bleiben wir dann bis zum Ende."

Popsongs

Die Musik der Shins wirkt zudem wohltuend einflussfrei. Mercer: "Ich denke, wir haben in der Band eine Sensibilität entwickelt, zu offensichtliche Einflüsse als solche zu erkennen. Da läuten dann bei irgendjemandem die Alarmglocken. In dieser Situation haben wir uns natürlich schon öfter befunden. Wir zwingen uns dann kompromisslos gegen uns selbst zu sein, ändern oder verwerfen einen Song auch ganz. Das schmerzt dann zwar, aber es zahlt sich aus." Stimmt. Wincing The Night Away ist ein tolles Album geworden. The Shins zählen damit zu den wenigen Bands, deren Handschrift unverwechselbar ist und die herrliche, bittersüße Popsongs produzieren, Lieder wie beste Freunde.

Mercer: "Bittersweet? Damit kann ich gut leben. Wobei, ich denke, wir haben sogar eine leicht salzige Seite." (flu/Rondo, DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2007)

  • Chef der Band, James Mercer.
    foto: standard/ andy urban

    Chef der Band, James Mercer.

  • The Shins: Wincing the Night Away (Sub Pop/Trost).
    foto: sub pop/trost

    The Shins: Wincing the Night Away (Sub Pop/Trost).

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