Sextourismus nach Tschechien

16. Juli 2000, 21:02

Eltern vermitteln Kinderpornos

Seit 1996 hat Kinderprostitution in Tschechiens Grenzgebieten zu Deutschland und Österreich deutlich zugenommen. Die Freier rekrutieren sich vornehmlich aus den Kreisen deutscher Touristen. Aber auch Österreicher nutzen zunehmend die Möglichkeiten quasi vor der Haustür. Mehrere Ausländer wurden in Tschechien bereits zu Haftstrafen verurteilt. Sie hatten pornographische Aufnahmen mit Minderjährigen gemacht. In nahezu allen Fällen wurden die Kinder mit Wissen ihrer Eltern oder sogar direkt durch sie den Tätern zugeführt. Das macht die Aufklärungsarbeit für die tschechische Polizei besonders schwierig.

Problembewusstsein per Postkarte

Der Missbrauch findet unter sehr konspirativen Bedingungen statt, oft in der elterlichen Wohnung. Ende Juni hatte das deutsche Innenministerium an acht Grenzübergängen zu Tschechien etwa 500.000 Postkarten an Deutsche verteilt, die ins Nachbarland reisten. Auf den Karten wurde über das Problem informiert, von dem die meisten Touristen zum ersten Mal hörten. Außerdem wurde darauf verwiesen, dass seit 1993 die Möglichkeit besteht, deutsche Straftäter zu Hause zu verurteilen, wenn sie im Ausland Missbrauch begehen.

Bei der Postkartenaktion haben sich viele Reisende spontan bereit erklärt, Anzeige zu erstatten, sofern ihnen ein Fall bekannt werde. Das war ein wesentliches Ziel der deutschen Werbeaktion. 1998 hatte man beispielsweise sechs Anzeigen registriert. Die Dunkelziffer, heißt es in Prag und Berlin gleichermaßen, sei deutlich höher.

Die seit 1990 in Tschechien boomende Prostitution wird von mangelhafter Legislative begünstigt, die das Gewerbe nicht ausdrücklich erlaubt, aber auch nicht verbietet. Dadurch sind der Polizei oft die Hände gebunden. Das gilt freilich nicht für den Missbrauch von Kindern bis zu 15 Jahren.

Die Prager Behörden wollen bei der Bekämpfung von Kinderprostitution verstärkt mit Deutschland und Österreich zusammenarbeiten. An wirksamen Konzepten fehlt es allerdings bisher. Der Zusammenarbeit mit Wien steht zudem das derzeitige kühle politische Klima zwischen beiden Ländern entgegen.

STANDARD-Korrespondent Rainer Koch aus Prag

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