Kampf der Musikriesen gegen die Web-Guerillas

26. Juli 2000, 15:06

Die schlauesten Tauschmaschinen wie Gnutella und Freenet basieren auf einem dezentralen Netzwerk, womit sich die Herkunft der Files kaum herausfinden lässt.

Tauschmaschinen im Internet wie Napster, Gnutella oder Freenet bringen die heile Welt der Musikindustrie durcheinander. Doch das Imperium schlägt jetzt mit rechtlichen Waffen zurück. Ende Juli kommt der aufsehenerregende Fall Napster vor ein kalifornisches Gericht.


STANDARD-Mitarbeiterin Rita Neubauer aus Palo Alto

Es ist Samstagabend, und im Studentenwohnheim an der Stanford-Universität geht gigantisch die Post ab. Techno schallt aus einem Raum, Hardrock aus dem nächsten, und Rap blärrt lautstark dazwischen. Conner zieht sich einen Song von Britney Spears rein. Die Kopfhörer auf, fummelt der 21-jährige Kunststudent an seinem Computer herum. "Hab ich mir gerade heruntergeladen", murmelt er und präsentiert stolz seine Musiksammlung: Dutzende von Titeln, die er sich, ohne einen Pfennig zu bezahlen, über das Internet besorgt hat.

Napster macht's möglich. Das Software-Programm (www.napster.com) erlaubt es, beliebig viele Mu- siktitel im Internet aufzuspüren und sie dann auf die eigene Festplatte zu laden.

Das "geniale" Programm ist die Kopfgeburt von Shawn Fanning, einem 21-jährigen Studienabbrecher, dem es im Erstsemester Computerwissenschaften zu langweilig wurde. Er schrieb ein Programm, das individuelle Computer vernetzt und so den Austausch von Musiktiteln ermöglicht.

Der so genannte "song-swap-service" machte ihn nicht nur in Kürze zum Liebling seiner Kommilitonen, heute "tauschen" rund 20 Millionen User weltweit auf diese Weise Musik. Über eine Million Titel sind inzwischen für jeden, der über einen Computer und ein nicht zu langsames Modem verfügt, zugänglich. Noch besser: Jeder kann sich auf diese Weise mit einem Zusatzgerät gleich die eigenen CDs pressen.

Kein Wunder, dass Fanning zum Feind Nummer eins der Musikindustrie aufstieg. Als Erstes reagierte EMI, die mit der Time-Warner-Tochter Warner Music fusioniert wird. Sie klagte ebenso wie die Hardrockband Metallica auf sofortige Unterlassung und macht die Verletzung von Urheberrechten durch Raubkopien geltend.

Seitdem scheiden sich die Geister. Während die einen Napster, benannt nach Fannings Spitznamen, für ein skrupelloses Piratenstück halten, bemänteln liberalere Geister das Ganze als supercoole Werbekampagne für eine 40-Milliarden-Industrie. Denn viele Nutzer würden zwar bei Napster herumstöbern und auch Titel herunterladen, aber annähernd 60 Prozent, so eine Umfrage, würden letztendlich die CD kaufen.

Das bezweifeln die Gegner lautstark. Sie halten dagegen, dass bereits in Universitätsstädten der Verkauf von CDs rückläufig sei. Tatsächlich sind es nach einer Studie des Pew Internet & American Life Projects mehrheitlich die 30- bis 49-jährigen, die sich bei Napster musikalisch bedienen.

Wie auch immer. Die RIAA (Recording Industry Association of America) fährt schweres Geschütz mit einer Heerschar von Anwälten auf. Am kommenden Donnerstag wollen diese in einem Dokument für den Prozess Napsters Verteidigungsargumente zurückweisen. Für Ende Juli ist eine gerichtliche Anhörung über die Zukunft des im kalifornischen San Mateo ansässigen Unternehmens angesagt. Vergangene Woche beschäftigte sich sogar ein Senatsausschuss in Washington mit dem aufregenden Rechtsstreit.

Napster selbst engagierte David Boies, der sich als Staranwalt der US-Regierung gegen Microsoft einen Namen machte. Er argumentiert, dass sein Klient nicht für die Aktionen der User verantwortlich gemacht werden könne. Napster-Chef Milton Olin holte sich weitere Verstärkung aus den Rängen seiner Gegner: Keith Bernstein wechselte von Universal Music in sein Team. Napster bezieht sich in seiner Strategie unter anderem auf den Fall von Sony. Das Unternehmen wurde 1994 von der Verantwortung freigesprochen, wenn seine Kunden ihre Videorekorder zum widerrechtlichen Kopieren verwenden. Ebenso könnte sich Napster, so Experten, auf das Digital Millennium Copyright von 1998 berufen. Dazu muss es allerdings schlüssig beweisen, dass es wie andere Internet Service Provider nur Informationen publiziere.

Ein gerichtliches Verbot von Napster hilft der Musikindustrie langfristig jedoch kaum. Denn schon machen sich andere weitaus schlauere Tauschmaschinen wie Gnutella oder Freenet breit. Deren Vorteil: Sie basieren auf einem anonymen oder dezentralen Netzwerk, womit sich kaum die Herkunft der Files herausfinden lässt. Sie zu stoppen hieße jeden Computer abzuschalten, der mit der Software vernetzt ist.

Gnutella ist die Erfindung eines 21-jährigen Software-Ingenieurs von AOL. Das Unternehmen war von dem Produkt so beeindruckt, dass es seine Verbreitung auf Anraten von Time Warner, mit dem es jüngst fusionierte, sofort unterband. Zu spät: Zehntausende hatten sich das Programm schon auf ihre Festplatte kopiert.

Die Software für Freenet stammt von einem in London ansässigen Iren, der das Programm als "fast perfekte Anarchie" preist. Sein Credo wie das vieler Fans lautet: Information will frei sein.

Wie der Kampf des Goliath Musikindustrie gegen den David Napster und Konsorten ausgeht, ist offen. Beobachter hoffen auf einen Kompromiss im Stile von Abo-Gebühren, die die Benutzer bezahlen. AOL arbeitet selbst an einem derartigen Produkt. Auf diese Weise könnte dann selbst Shawn Fanning Geld verdienen. Zwar pumpten Venture-Kapitalisten 15 Millionen Dollar (15,7 Mio. Euro/217 Mio. Schilling) in das Unternehmen, Napster selbst wirft jedoch bisher keinen Gewinn für seinen jungen Erfinder ab.

"Niemand will Napsters technologische Möglichkeiten zerstören", sagt RIAA-Chefin Hilary Rosen. "Wir wollen nur einen Weg finden, damit die Technologie für die Interessen der Künstler arbeitet, und nicht gegen sie. Das muss möglich sein."

Internet-Adressen:
http://www.napster.com

http://www.gnutella.wego.com

http://freenet.sourceforge.net

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