Eine ewige Suche am Abgrund

11. September 2007, 10:16
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Wie wird man glücklich? Was will ich sein? Wie will ich sein? Eine Rezension

Wien - "Das Ende war zuerst offen. Ich habe die Schauspieler gefragt: Könnt ihr jetzt springen?", erzählt Regisseur Alexander Bill über die Arbeit mit Silvia Meisterle und Stefano Bernardin, den Darstellern seines Werkes norway.today, nach einem auf wahrer Begebenheit beruhenden Roman von Igor Bauersima.

Bills Inszenierung konzentriert sich dabei auf die Schauspieler, sowohl Bühnenbild als auch Requisiten sind äußerst spärlich. Dies ist nicht als Manko zu sehen, eher im Gegenteil: Die beiden Darsteller haben so die Möglichkeit, unabgelenkt alles zu zeigen, was sie können - und das ist sehr, sehr viel. Man nimmt ihnen ihre Rollen ab, man kann nachvollziehen, warum sie den Suizid als Ausweg sehen: Sie ertragen die heutige Zeit, das heutige Leben nicht mehr; die steigende Genuss- und Erfolgssucht, die Masken, die man täglich tragen muss. Das hervorragende Script macht das Stück auch für Erwachsene sehenswert. Als zusätzliche Visualisierung wird eine Funkkamera verwendet, eine sonst eher unübliche Methode, die jedoch perfekt passt. Die Musik ist nett, wäre aber nicht nötig gewesen.

Ist das Leben der Sieg?

Worüber man sich den Kopf zerbrechen kann, sind die Kostüme. So trägt Bernardin eine Hose mit Strasssteinen in allen Farben. Die Kostümbildnerin erklärt dies mit ihrem Verständnis der Geschichte als ein modernes Märchen, in dem die beiden Rollen Prinz und Prinzessin seien, die sich gegen das Böse behaupten müssen. Ob sie siegen, ob sie ins Leben zurückfinden - oder ob das Leben überhaupt der Sieg wäre - sei dahingestellt.

Auf jeden Fall aber ist norway.today ein schwieriges Stück, das zum Denken anregt. Wie wird man glücklich? Julie erklärt das Konzept mithilfe dreier Fragen: "Was will ich sein?", "wie will ich sein?" und "wer will ich sein?". Leider sind diese nicht leicht zu beantworten. Es kann ein Leben lang dauern. Das Verzweifeln liegt oft näher als das Hoffen. Die beiden Charaktere des Stücks sind des Hoffens und Suchens müde, sie wollen keinen anderen Weg mehr sehen.

Wer fühlt nicht manchmal dasselbe? Dabei ist genau dies das Leben: Eine ewige Suche, nach Glück, nach Liebe, nach einem tieferen Sinn. Eine Suche, die ruhig mal an einem Abgrund vorbeikommen darf. Aber sie darf dort nicht enden. (Simone Weiss/DER STANDARD-Printausgabe, 23.01.2007)

Diese Rezension ist im Rahmen eines Workshops des SchülerStandard entstanden. norway.today ist bis Ende März im Theater im Zentrum zu sehen. http://www.tdj.at
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    foto: r. newman
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