Traumstadt am Rande der Hölle

1. März 2007, 19:46
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Seit Kurzem fliegt die AUA nach Erbil, Hauptstadt der nordirakischen Region Kurdistan. Geschützt vor Terroranschlägen entsteht hier ein Wirtschaftsboom

Wie ein riesiges Trümmerfeld wirkt das abgezäunte Areal auf der Straße vom Flughafen in die Innenstadt von Erbil. Doch es sind teure Villen, die hier gebaut werden, gleich neben einem Luxushotel und einem Bürocenter. "Dream City" steht auf dem Schild.

In der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan herrscht ein Bauboom statt einem Bürgerkrieg. Nur 80 Kilometer von den Schlachtfeldern der Städte Mosul und Kirkuk entfernt leben die Menschen hier in Sicherheit, wachsendem Wohlstand und vor allem einem fast unwirklich anmutenden Optimismus.

Neben dem bestehenden provisorischen Flughafen wird ein neuer Airport um 300 Millionen Dollar errichtet, mit einer 4,8 Kilometer langen Landebahn, von dem selbst der Riesenairbus A-380 abheben kann. In der Innenstadt steht eine glitzernde, mehrstöckige Einkaufsgalerie vor der Fertigstellung. Doch einziehen sollen hier die schäbigen kleinen Läden aus dem alten Markt daneben, wo vor allem billige chinesische Textilien verkauft werden. Kurdistan hat einen eigenen Tourismusminister, der große Pläne wälzt, und auf der Zitadelle, dem Wahrzeichen von Erbil, wo Siedlungen seit 7000 Jahren dokumentiert sind, soll unter Unesco-Aufsicht ein modernes Touristenzentrum entstehen. Derzeit liegt dort vor allem der Müll von den 6000 Bewohner herum, die vor kurzem abgesiedelt wurden.Und während Millionen in Bauprojekte fließen, gibt es Strom nur stundenweise.

Doch die grandiosen Visionen haben eine reale Grundlage. Die Kurdenregion genießt bereits seit 1992 Autonomie, die Peschmerga-Truppen sorgen hier mit harter Hand für Sicherheit. Das zieht wohlhabende Flüchtlinge aus Bagdad an, die hier investieren, sowie manche Exil-Kurden, die aus Deutschland, Großbritannien und Schweden zurückkehren.

Einer von ihnen ist Regierungssprecher Khaled Salih, ein schwedischer Politikwissenschafter, der die komplexe kurdische Innenpolitik - die beiden seit Jahrzehnten zerstrittenen Parteien DKP und PUK haben sich erst vor wenigen Monaten ihre beiden Verwaltungsgebiete zusammengelegt und die gemeinsame kurdische Regionalregierung (KRG) gebildet - im perfekten Englisch verkauft.

Herzlicher Empfang

Und auch die geographische Isolation des gebirgigen Gebietes, das halb so groß wie Österreich ist - hat sich verringert, seit Austrian Airlines zwei Mal die Woche von Wien nach Erbil fliegt. Umso herzlicher empfing am vergangenen Wochenende die kurdische Staatsspitze AUA-Vorstand Josef Burger und eine österreichische Wirtschaftsdelegation, der sich überraschenderweise auch die US-Botschafterin in Wien, Susan McCaw angeschlossen hatte.

Dies sei "ein ganz wichtiger Schritt", sagte Massud Barsani, ehemaliger Rebellenführer und nun Präsident der Region, in seinem neu errichteten Palast in den Bergen. "Die Welt denkt beim Irak nur an Blutvergießen, aber in einem wichtigen Teil des Landes leben Menschen in Sicherheit und arbeiten am Wiederaufbau und einem besseren Leben."

Die Hauptprofiteure sind einige einflussreiche Familien, allen voran die Barsanis, die mit dem Präsidentenneffen Nechirvan Idris Barsani auch den Premier stellen. In einer Art großer Koalition hat seine DKP Macht und Geld mit der PUK aufgeteilt, deren Chef Jabal Talabani als irakischer Präsident in Bagdad sitzt. Dies hat mit Demokratie wenig zu tun, schafft aber Stabilität, räumen die wenigen Kritiker ein. Dazu kommt religiöse Toleranz und politischer Pragmatismus, die Kurdistan zur einzigen Erfolgsgeschichte des Nachkriegsirak macht.

Ganz kann sich Kurdistan nicht vom Konflikt im Süden abschotten. Die KRG streitet mit Bagdad über ein Öl- und Gasgesetz, das die Aufteilung der Einnahmen regeln soll. Wenn das gelingt, dann sollte Kurdistans Jahresbudget deutlich auf 4,7 Milliarden Dollar steigen, so ein KRG-Vertreter.

Die von den USA geforderte Entsendung kurdischer Soldaten nach Bagdad stößt auf wenig Gegenliebe. Die Verhaftung von fünf iranischen Diplomaten durch US-Truppen wegen Terrorverdachts hat die KRG-Führung verärgert.

Kampf um Kirkuk

Den Frieden erschüttern könnte vor allem der Konflikt um die Ölstadt Kirkuk, wo laut irakischer Verfassung 2007 ein Referendum über die Eingliederung in die Region entscheiden soll. Die USA fürchten Unruhen, wenn die Kurden wie erwartet die Mehrheit gewinnen, und raten zur Verschiebung. "Es geht uns nicht ums Öl, denn wir schwimmen auf Öl", sagte Barsani auf eine Standard-Frage. "Wir werden flexibel sein, um den Frieden in Kirkuk zu bewahren, aber wir müssen uns an den Fahrplan halten. Kirkuk ist eine kurdische Stadt, wenn wir das Problem nicht lösen, dann kommt es zur Katastrophe."

Das große Tabuthema ist die Unabhängigkeit. Fast alle Kurden wollen sie, doch die Politiker bremsen - auch auf Rücksicht auf die Türkei, die eine Vorbildwirkung auf ihre Kurden befürchtet. "Wir arbeiten aktiv für ein demokratisches, föderales und pluralistisches Irak", betont Barsani und fügt dann hinzu: "Unabhängigkeit ist das Recht jedes Volkes. Sie wird kommen, wenn Zeit und Umstände passen." Sollten Schiiten und Sunniten den Irak zerstören, so die Logik der Kurden, dann geht ihr Traum von selbst in Erfüllung. (Eric Frey, Erbil, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.1.2007)

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    Blick auf Erbil von der Zitadelle...

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    ...und eine Straßenszene in der Stadt.

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    Präsident Massud Barsani erklärt stolz: "Hier leben die Menschen in Sicherheit."

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