Aufzeichnung einer "Dämmerstunde"

2. März 2007, 14:36
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Aus Anlass der aktuellen RAF-Debatte: ein Vorabdruck aus dem neuen, demnächst erscheinenden Buch von Alexander Kluge, "Geschichten vom Kino"

Erinnerungen an das "Deutschland im Herbst" des Jahres 1977, rund um den Versuch, das Begräbnis der im Gefängnis in Stammheim ums Leben gekommenen Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe zu dokumentieren.

***

Stuttgart, 26. Oktober 1977. Vorabend der Beerdigung auf dem Dornhalden-Friedhof.

Am Vorabend war es unklar, ob die Toten von Stammheim auf dem Dornhalden-Friedhof begraben werden dürften. Wir besuchten die Eltern von Gudrun Ensslin. Wir führten eine Video-Ausrüstung mit uns, wie sie heute nicht mehr existiert. Die Kassetten sind nicht mehr abspielbar.

Die Mutter Ensslin berichtete, Volker Schlöndorff fragte. Sie habe, erzählte Frau Ensslin, dieses Kind, Gudrun, entgegen der Weisung ihres Mannes, schon wenige Monate nach der Geburt, d. h. noch vor der Taufe, dem Muttergestirn, der Sonne, ausgesetzt. Das Kind habe "ungetauft in der Sonne gebadet".

Nach protestantischer Auffassung, die sie, Frau Ensslin, nicht teile, bestehe die Gefahr, dass ein Kind, wenn man es vor der Taufe nackt der Sonne aussetze, vom Satan ergriffen werde. Es sei doch aber in Wahrheit gesund, Sonne an den Körper heranzulassen. Jetzt, nachträglich, habe sie allerdings Zweifel, ob sie nicht Unglück über ihr Kind gebracht habe. Andererseits sei aber auch zweifelhaft, ob dieser Tod, aufgrund der Entschlossenheit aller Aktionen dieses Kindes, ein "Unglück" genannt werden könne, denn ein Mensch müsse seinem Willen folgen, seiner Bestimmung. Auch das gehe ihr nicht aus dem Kopf an diesem Vorabend, von dem sie und ihr Mann noch nicht wüssten, wie sie ihn aushalten könnten.

Sie war von Trauer erfüllt. Sie hatte genug von dieser Trauer und war aufsässig; sie suchte einen Ausweg fürs Gefühl zu finden. Sie suchte nach einer Übereinstimmung mit dem Kind, das morgen begraben sein würde.

Es ist nicht so, sagte sie, dass 40 weitere Jahre, die Ankunft im Greisinnenalter, Gudrun zu einem energiereicheren Menschen gemacht hätten, Jahre, die sie gleichgültig und unparteiisch hätte verbringen müssen, um zu überleben. Wieso wäre das ein größeres Glück gewesen? Umgekehrt hütete sie sich auch (um nicht in eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann zu geraten, der ins Zimmer getreten war und stumm dabeisaß, während die Worte seiner Frau aufgezeichnet wurden), von einem "glücklichen Tod" zu sprechen.

Sie haderte mit sich, ob sie, die Eltern (oft getrennt handelnd oder verschieden sprechend), eine Schuld an diesem grausamen Ausgang trügen, denn grausam war er. Wäre es gewiss, dass sie überhaupt keinen Einfluss darauf gehabt hätten (obwohl sie als Eltern in der frühen Zeit des Kindes viel Einfluss besessen hatten), hätten sie mit dem Geschick Frieden schließen können. Offenbar kannte diese Mutter ihre Tochter besser, als sie vorgab, ja, ihre Seele spannte sich weit aus an diesem Vorabend, und in diesem Augenblick empfand sie vieles, was die Tochter motiviert haben mochte, wie etwas Eigenes.

Wir hatten inzwischen sechs der quadratisch geformten Kassetten bespielt, handliche Chemieteufel, mit denen man Stunden von Interview speichern konnte. Es gehörte zu Schlöndorffs Stil, mit extremer Geduld und ohne Höflichkeiten eine dokumentarische "Untersuchung" zu ihrem äußersten Ende zu führen. Die Dämmerung war hereingebrochen. Es verhält sich nicht so, sagte er, dass morgen ein "Tag der Hinrichtung" bevorsteht. Vielmehr ist alles schon geschehen; die Beerdigung tut nichts Schreckliches hinzu; eher wird es tröstlich sein, dass die drei nebeneinander, zwei davon in einem Grab, zu liegen kommen.

Dokumentarische Momente sind nicht wiederholbar. Am nächsten Tag (oder auch am Tag zuvor) hätte die Mutter Ensslin nicht so berichtet. Was heißt berichten? Sie äußerte sich, weil sie einen Beweggrund dafür spürte, weil sie so zurechtzukommen glaubte mit einem Kind, das sich von ihr getrennt hatte.

Sie sei sich nicht sicher, sagte sie, ob sie nicht als Christin gegen "die scheinheilige Obrigkeit", als deren Opfer die Toten gelten konnten, selbst zu den Waffen greifen müsse. Ihr geistlicher Lebensgefährte, Gudruns Vater, schien die Frage nicht zu billigen. Sie verwarf sie. Mit welchen Mitteln auch sich wehren? Mit einer Mauserpistole gegen die Bundeswehr ausrücken? Es war in ihr ebenso viel "realer Sinn" wie "Auflehnung". Wir alle im Raum waren in innerer Turbulenz. Unklar im Kopf, weil so viele Emotionen durcheinandergingen; auch solche, die mit den Toten, die am folgenden Tag zu beerdigen waren, gar nichts zu tun hatten.

Das Wenigste in dieser Dämmerstunde war politisch. Es ist furchtbar, wenn die Kinder vor den Eltern sterben. Objektiv, und insofern "vernünftig", waren nur das Aufnahmegerät und das Material, das am Aufnahmekopf der Aufzeichnung vorüberspulte. Wir haben dieses Gespräch nie veröffentlicht. Nicht nur weil die Situation intim, sondern weil sie voller Verwirrung war. Wir sind darin geschult - Schlöndorff mehr als ich -, uns bei Dokumentationen entschieden zu verhalten, keine Scheu zu haben, das Gerät in Gang zu bringen. Wir hatten diese Mutter vor Augen. Wir waren uns nicht sicher, was rechtens wäre: das Gerät abzustellen oder die Aufzeichnung nicht zu publizieren.

27. Oktober 1977. Schlöndorff bei den Dreharbeiten auf dem Dornhalden-Friedhof.

Von sich aus schätzte Schlöndorff die Aufnahme von "Realitäten" nicht. Er bevorzugte konzentrierte, d. h. inszenierte Eindrücke. Das Filmmaterial, meinte er, ist für das unsortierte Geschehen, für den Zufall, der sich jeder Wirklichkeit beimischt, zu schade. Richtig daran war, dass "Wirklichkeit ohne Ahnung", also ohne subjektive Auswahl, tatsächlich beliebig bleibt.

Auf dem Dornhalden-Friedhof bewegten sich die Kolonnen der Beerdigungsteilnehmer auf den Haupt- und Nebenwegen in sechs großen Schüben. Die von Friedhofsdienern auf Karren gezogenen Särge waren an der Spitze der mittleren Kolonne zu sehen. Die Polizeibehörde hatte ihre Pferdestaffeln als Zweierposten rings auf den Höhen oberhalb der Grabstellen postiert. "Die Staatsmacht zeigt ihre Präsenz."

Die Trauergäste hatten ihre Gesichter durch Tücher unkenntlich gemacht; die einen, weil sie wegen umstürzlerischer Tätigkeiten gesucht wurden, die anderen, um sich solidarisch zu verhalten und den Verfolgungsbehörden, die alle Vorgänge mit Videokameras und Teleobjektiven festhielten, die Unterscheidung zu erschweren.

Die Bewegung zu den ausgehobenen Gräbern erfolgte in großer Stille. Man hörte nur das Reibungsgeräusch der Karren und die vielfältigen Schritte auf den Wegen. Jetzt wurden die Särge auf Podeste oberhalb der Gräber aufgestellt. Redner wurden gehört. Die ersten lauten Töne waren kurze Nachrufe. Erhobene Fäuste, mehr Trauer als Racheschwur.

Nachdem später die Särge in die Ausschachtungen hinabgelassen worden waren, zerstreuten sich die Trauergäste sehr langsam. Sie zogen in dichten Pulks in einiger Entfernung die Straße entlang, die durch eine Art Schlucht vom Dornhalden-Friedhof nach Stuttgart hineinführt. In der Schlucht: Konfrontation der Trauernden mit berittener Polizei, kurze heftige Straßenschlacht, deren Geräusch zum Friedhof hinwehte, vermischt mit verstärktem Rotorengeräusch von Helikoptern.

Schlöndorff erregt, seitlich der Kamera postiert, die er neben dem Grab stehen hatte, in das jetzt die Friedhofsarbeiter hinabkletterten, um behutsam eine Erdschicht über die Särge zu legen. Schlöndorff, Vollblutdokumentarist. Nichts kann ihn vom Drehort trennen, nichts die begierig aufnehmende Kamera ablenken, welche die Vollständigkeit des Vorgangs aufzunehmen versucht. Die Neuanlagen des Friedhofs kennen nur niedrige Bäume und Sträucher; die Blätter im Herbstlicht: gelb.

Warum rücken wir nicht ab, fragt der Aufnahmeleiter, hier ist nichts mehr los. Das traf aber nicht zu. Es galt, die Arbeit der Friedhofsarbeiter zu verfolgen. Diese Geduld, die der Trägheit aller wirklichen Verhältnisse entspricht, ist die Tugend des dokumentarischen Films. Schlöndorff kennt nur ENTWEDER/ODER. Entweder konsequent inszenieren oder ebenso konsequent dokumentieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2007)

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  • Alexander Kluge: Zum 75. Geburtstag am 14. Februar erscheinen seine "Geschichten vom Kino". 

Wie nachhaltig die Irritation der deutschen Öffentlichkeit in Bezug auf die Aufarbeitung des RAF-Terrors, seiner Ursachen und Auswirkungen bis heute ist - das zeigte zuletzt schon das Nicht-Zustandekommen einer zeitgeschichtlichen Ausstellung in Berlin. Trauer und Zorn beherrschen immer noch eine Debatte, die fast schwerer zu führen scheint als jene rund um das Dritte Reich.

Eine der wichtigsten dokumentarischen Erzählungen über dieses düstere Kapitel, das 1977 rund um die Ermordung Hans-Martin Schleyers und die unklaren Vorgänge rund um den Tod der Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in Stammheim kulminierte, ist Deutschland im Herbst - ein Kollektivfilm des neuen deutschen Autorenkinos, inszeniert von Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder, Heinrich Böll und anderen Protagonisten der "kritischen Gegenöffentlichkeit". Ihr Ziel: Blickwinkel, die von den "offiziellen" politischen und medialen Instanzen negiert wurden.

In seinem neuen Buch Geschichten vom Kino versammelt Kluge, Schriftsteller (zuletzt: Chronik der Gefühle, Tür an Tür mit einem anderen Leben), Film- und TV-Macher, nun Reflexionen und Erzählungen zur Frage, wie sich das "Prinzip Kino" und damit auch Optionen des Erzählens weiterdenken ließen: von den Stummfilmtagen über die Ära des Neuen Deutschen Films herauf in die Internet-Ära, in der, so seine Hoffnung, etwas weiterleben wird, "das wie Kino funktioniert" - "auch wenn die Projektoren nicht mehr rattern". Die beiden hier erstmals veröffentlichten Auszüge hat uns der Autor aus gegebenem Anlass zur Verfügung gestellt.

Erscheinen wird das Buch bei Suhrkamp am 14. Februar, an Kluges 75. Geburtstag. (cp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2007)
    foto: suhrkamp

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