Der Universaldilettant: Werner Schneyder im STANDARD-Interview

24. Jänner 2007, 18:40
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Der Meister der Satire, der am 25. Jänner seinen 70. Geburtstag feiert, steht ab Mittwoch mit seiner Komödie "Galanacht" auf der Bühne des Rabenhofs

STANDARD: Kürzlich erschien im Amalthea Verlag Ihre Biografie, gegliedert nach Betätigungsfeldern: wie Sie Journalist, Kabarettist, Regisseur, Essayist, Sänger etc. wurden. Die Textsammlung nennt sich "Ich, Werner Schneyder. Meine zwölf Leben", obwohl Sie betonen, dass es sich immer um ein Leben handelt. Wieso dann dieser widersprüchliche Titel?

Schneyder: Mein Titel war: Geständnisse eines Universaldilettanten. Da hat es im Verlag geheißen, es muss das Wort "ich" vorkommen. Also schlug ich vor: Ich habe mich unterhalten. Aber auch er wurde abgelehnt. Da klagte ich Erika Pluhar mein Leid, und sie sagte: "Nenn's einfach Ich, Werner Schneyder." Ich hab das dann mehr oder weniger im Hohn weitergegeben. Und es gab allgemeine Begeisterung. Die Vertreter haben eben das letzte Wort. Man ist da wehrlos.

STANDARD: Eines Ihrer "Leben" aber fehlt: Wie ich Moralprediger oder Moralist wurde.

Schneyder: Weil diese Farbe, wenn Sie glauben, sie herauslesen zu können, in allen Leben aufgeht.

STANDARD: Auch in jenem als Boxkommentator?

Schneyder: Oh doch, weil ich immer wieder gesagt habe, wann etwas nicht mehr vertretbar ist. Gerade im Boxen lege ich großen Wert darauf, wenn das Wort "Moral" nicht derart problematisch wäre, weil es messianisch klingt und nach Zeigefinger. "Haltung" oder "Position" von mir aus.

STANDARD: Für jemanden "mit Haltung" müssen Gusenbauers gebrochene Versprechen doch enorm viel Stoff bieten.

Schneyder: In Galanacht werde ich schon auf die Thematik eingehen. Es ist kein Kabarett, sondern ein Stück um einen Entertainer, der sich in eine Lebenssituation begeben hat, in der er viel Geld verdienen muss. Und deshalb verdingt er sich bei Industrie-Galas. Er kriegt einmal den "Moralischen", verweigert einen Auftritt - und die Komödie entsteht. Und da sie am Tag der Vorstellung spielt, kommentiere ich mit der aktuellen Zeitung in der Hand diesen Tag.

STANDARD: Also doch auch Politkabarett - "Talk täglich", wie Ihr erstes Programm mit Dieter Hildebrandt 1974 hieß.

Schneyder: Aber nur als Zitat! Ich war 22 Jahre Kabarettist. Diese Zeit ist definitiv vorbei.

STANDARD: Sie haben als Sozialdemokrat ...

Schneyder: Ich bin kein Sozialdemokrat. Ich bin das, was man einmal einen "heimatlosen Linken" genannt hat. Sie können auch sagen: "frei schwebendes Arschloch". Ich bin zwar ein Anhänger der Umverteilung, aber ich habe auch ein grünes Potenzial und einen konservativen Anstrich. Heute verlaufen die Grenzen quer durch die Parteien: Sie unterscheiden sich nur anteilsmäßig zwischen Anständigkeit und Unanständigkeit.

STANDARD: ... als heimatloser Linker vor der Wahl ein Kulturministerium eingefordert.

Schneyder: Aber das war nur ein Ruf im Wald. Ich habe einmal Anmerkungen zu einer sozialdemokratischen Kulturpolitik veröffentlicht. Es ist nicht einmal eine Sekunde lang diskutiert worden. Die kulturpolitische Passage im Programm der SPÖ ist genauso lächerlich wie die in den Programmen der anderen Parteien.

STANDARD: Sind Sie mit dem Wahlergebnis zufrieden?

Schneyder: Ich bin noch immer nicht bereit, es zu akzeptieren. Dass in Kärnten das BZÖ "Liste Haider" hieß und nicht "Liste Westenthaler", die dort keine Sau gewählt hätte: Das ist ein Versagen der demokratischen Kontrolle. Wäre das BZÖ nicht aufgrund dieser Manipulation ins Parlament gekommen, hätte es andere Mehrheitsmöglichkeiten gegeben. Die Demokratie ist ihrer eigenen Trottelei in die Falle gegangen. Das Ergebnis war die ausweglose Situation: große Koalition.

STANDARD: Mit einem Zivildiener als Verteidigungsminister.

Schneyder: Das finde ich eine Königsidee! Und eine Kinderlose als Familienministerin: glänzend! Ich finde es grundgescheit, dass man das ein wenig konterkariert. Denn schon Jean Paul hat gesagt: Jeder Fachmann ist in seinem Fach ein Esel. Im Verteidigungsministerium geht es ohnedies nur um die Arbeitsplätze der Berufssoldaten und um die Geschäfte beim Waffenhandel. Deshalb wäre es beim Wirtschafts- oder Sozialministerium besser platziert. So hätte man einen Ministerposten einsparen und sich einen eigenen Kulturminister leisten können. Schon die Bildung ist kaum bewältigbar. Und die Kultur ist eine riesige Aufgabe, wenn man nicht nur Empfangschef oder -chefin für die Künstler und deren Begehrlichkeiten spielt. Die Tatsache, dass man Bildung und Kultur zusammengelegt hat, zeigt mir, dass man weder vor dem einen noch vor dem anderen einen ausgeprägten Respekt hat. Aber vielleicht geschieht ein Wunder.

STANDARD: Letztes Jahr schrieben Sie in "News". Nun Theater. Haben Sie weitere Pläne?

Schneyder: Ich werde im Sommer am Millstätter See Prosa schreiben, im Herbst inszeniere ich in Villach die Uraufführung von Silke Hasslers Qualifikationsspiel. Es geht um ein sexuelles Dilemma in einer äußerst authentischen Art und Weise. Eine große Herausforderung! Darüber hinaus habe ich keine Pläne. Ich bin in einem Alter, wo es frivol wäre, langfristig zu planen. Viele meiner engsten Freunde sind schon tot. Und erst vor ein paar Tagen ist Gerhard Bronner gestorben. Er war ein singulärer Könner im Kombinieren von Wort und Musik. Es gibt nur sehr wenige Texter in der deutschsprachigen Unterhaltungsgeschichte, die es wie er geschafft haben, Aussage mit Musikalität zu verbinden. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2007)

Zur Person:
Werner Schneyder, geboren am 25. Jänner 1937 in Graz, arbeitete u. a. als Sportkommentator, Werbetexter und Journalist. Legendär sind seine Kabarettprogramme mit Dieter Hildebrandt (1974-81).

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  • Werner Schneyder über das Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur: "Die Tatsache, dass man Bildung und Kultur zusammengelegt hat, zeigt mir, dass man weder vor dem einen noch vor dem anderen einen ausgeprägten Respekt hat."
    foto: christian fischer

    Werner Schneyder über das Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur: "Die Tatsache, dass man Bildung und Kultur zusammengelegt hat, zeigt mir, dass man weder vor dem einen noch vor dem anderen einen ausgeprägten Respekt hat."

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