Mit dem Handy in die Isolation

26. Juli 2007, 13:33
6 Postings

Psychologische Studie: Wann zu hohes Nutzungs­verhalten krankhaft wird - Angst und Depression sind mögliche Folgen

Gainesville/Ravensburg - Für eine immer größer werdende Zahl an Handynutzern wird der kleine Begleiter in Sachen Mobilfunkkommunikation zur unabkömmlichen Notwendigkeit. Dies geht aus einer aktuellen psychologischen Studie der Universität Florida hervor, die psychosoziale Abhängigkeitsphänomene bei Internet- und anderen Informationstechnologien untersuchte.

Wunsch immer erreichbar zu sein

"Es ist nicht so sehr das Handy selbst oder das damit verbundene Telefonieren problematisch, als vielmehr der Wunsch als Notwendigkeit, zu wissen was aktuell passiert und für andere Menschen erreichbar zu sein", verdeutlicht Lisa Merlo, Dozentin für Psychiatrie am College of Medicine der Universität Florida.

Die Expertin weist darauf hin, dass im Gegensatz zu stoffbezogenen Süchten wie Alkohol, Drogen oder Glücksspiel die Handy-Sucht nicht oder kaum in diesen gleichen Krankheitskontext zu stellen ist.

Leben dreht sich um das Suchtmittel

Vor dem heutigen Hintergrund einer umfassenden Nutzung von Mobiltelefonen stellt sich die Abgrenzung somit von krankhaft "abhängigem" zu normal bis durchschnittlichem Nutzungsverhalten als zentrale Determinante heraus. Renate Schepker, Chefärztin am Zentrum für Psychiatrie Ravensburg-Weissenau betont, dass "allgemein eine Sucht immer dann vorliegt, wenn sich das Leben des Suchtkranken um das Suchtmittel allein dreht".

Zwanghaftes Überprüfen

Erste Indizien zeigen sich mit Blick auf das experimentelle, gezwungene Trennen der Nutzer von ihren Mobiltelefonen. Merlo verdeutlicht, dass sich hierbei sehr schnell zeigt, wer tatsächlich als "abhängig" zu bezeichnen ist und wer nicht. Erste Symptome bei "betroffenen" Handy-Nutzern zeigten sich demnach im zwanghaften Überprüfen des SMS-Einganges sowie dem gehäuften Überprüfen der Mailbox.

Abhängigkeit in Verbindung mit Ängsten

Problematisch sei die "Abhängigkeit" aber erst dann, wenn sie Ängste oder gar Depressionen hervorrufe, so Merlo. Eine nicht beantwortete SMS könnte in dieser Hinsicht - vorausgesetzt der Nutzer verfügt zusätzlich zu seiner Sucht noch über ein schwaches Selbstbewusstsein - schnell zu täglichem Frust und Enttäuschung führen.

Statussymbol bei Kindern

Andere internationale Studien belegen, dass exzessiver Handy-Gebrauch auch bereits bei Kindern ein weltweites Phänomen darstellt, das die Gefahr zunehmender sozialer Isolation birgt. Viele Kinder und Jugendliche sehen in Mobiltelefonen eine moderne Notwendigkeit, die immer öfter mit dem bei Erwachsenen primär zu findenden Statuswert eines Automobils verglichen werden kann.

Suchtindikator "sich gut fühlen"

Es können "traditionelle" Suchtindikatoren hinzutreten, wie das Handy zu haben, um sich gut zu fühlen oder eine größere Toleranz aufzubauen, es immer mehr ohne eigentlichen Grund nutzen zu müssen. Das plötzliche Fehlen des Handys ruft bei den Betroffenen somit häufig Angst hervor, wobei dieser Umstand als neues Phänomen einer Suchtkrankheit ähnlich einem Entzug interpretiert werden kann, die sich jedoch von "klassischen Süchten" (Drogen- und Alkoholsucht) unterscheidet. (pte)

  • Artikelbild
    foto: standard
Share if you care.