Ein Wildschwein überholt

28. Jänner 2007, 16:55
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Italienische Speise, Tag 12 - Madonna mia, endlich ordentlich essen. Und morgen gibt's Hahnenkämme

Elf Tage zu spät und ohne Training in italienischer Luft, dafür die Nacht durchgefahren: Die übrigen sechs Herrschaften von der Piemont-Posse brauchen dringend Stärkung. Und auch wenn unsere Anfahrt aus Bergolo eher in den Härtegrad Mailüfterl fällt: Wir auch. Gut, dass sich im Vorjahr nach aufwändigen Versuchsreihen ein optimaler Auftakt für ein paar Tage Piemont gefunden hat.

Geografisch ist der ideale Beginn schon länger klar: Cessole, im Ortsteil Madonna della Neve, im gleichnamigen Lokal bei Familie Cirio, mit einer hübschen kleinen Kirche auf dem Hof.

Mittags Aufwärmrunde

Erste Versuchen späterer Anreise mit Einstieg beim Abendessen stellten sich als hervorragend, aber doch zuwenig ambitioniert heraus. Also, wer sich nicht langsam essend herantastet wie wir: In den allerersten Stunden des Tages aus Wien aufbrechen und rechtzeitig zum Mittagstisch in Cessole mit einer kleinen Flasche Brut den Kreislauf pflegen, um ihn dann mit etwas Rotwein auf den Verdauungs- und Erholungsschlaf am Nachmittag vorzubereiten (Die Tapferen wandern ein wenig in die Hügel hinterm Haus).

Natürlich braucht es nach langer Fahrt und vor Ruhe oder Ertüchtigung auch ein paar Antipasti zur Stärkung. Zum Beispiel ein bisschen Wurst, dann Frittata mit Steinpilzen, die mit zwei Rufzeichen im Logbuch eher unterbewertet ist. Paprika mit Bagna Cauda (Sardellencreme, sensationell wie gewohnt), Vitello tonnato, für Fleischverweigerer Distelkuchen (Karden, großartig cremig), Zucchinikuchen.

"Die beste Pasta"

Noch ein bisschen Nudeln? Agnolotti al Plin, als Traditionsgericht sind die kleinen Teigtaschen mit Fleischfülle und kleiner Delle (dem "Plin") Pflicht, hier und jetzt mit Salbei und Limone. Echte Traditionalisten nehmen sie ganz pur, serviert auf einem Leinentuch. "Die beste Pasta, die's gibt", sagt Kollege Winterberger, und wir würden ihm ungern widersprechen. Wenn's da nicht für einschlägige Freaks wie mich die Taglioline mit Steinpilzen gäbe.

Weil wir abends hier ja ordentlich essen und nur einen kleinen Imbiss wollen, überspringen wir die Secondi. Ich auch die Dolci, aber davon will der Rest nichts wissen, denn: Nach dem Moscato-Tiramisu (mit dem örtlichen, leicht perlenden Süßwein, Bild unten) lechzen die werten Mitesser schon seit einem Jahr. Die Panna Cotta mit Honig und geriebenen Nüssen ist neu, aber auch subito weg. Und Herr Hilberg seufzt nur vom "Inbegriff der Nusstorte" - die sehr saftig ausfällt.

Endlich ordentlich essen

Schnitt (Ein paar stapfen durch den erfrischenden Nebel, ein paar schlafen, aber wir wollen uns hier ja auf das Wesentliche konzentrieren.)

So ein kleiner Mittagsimbiss verdaut sich relativ rasch. Daher wundert nicht weiter, dass die ersten Mägen sich schon zwischen 18 und 19 Uhr melden. Aber vor 20 Uhr schickt sich das einfach nicht. Schlag 20.00 sitzen die Ösis bereit - noch immer die ersten im Lokal.

Ein Lappen Fleisch

Weniger als fünf (nicht gerade kleine) Antipasti wären ein Affront gegen Wirt und Koch, also:

1. Eine sehr feine Frittata mit Kräutern und Balsamico. Für Carnivoren indes steht im Logbuch etwas despektierlich "Lappen Fleisch mit Zwiebeln und Olivenöl". Tatsächlich handelt es sich um Carne Cruda, aber halt nicht wie sonst mit dem Messerrücken (so sagen alle Quellen) kleingehackt. Sondern am Stück. Zergeht trotzdem auf der Zunge, ganz, ganz butterweiches Kalb. So kann's weitergehen!

2. Cornetti, und zwar weiche, teigige, ganz anders als die Behältnisse bei Herrn Wörther. Gefüllt mit Pilzcreme. Zwei Rufzeichen im Logbuch. Ungerecht wenig bei drei möglichen, aber nach dem "Lappen Fleisch" hat man's nicht leicht.

3. Fonduta mit Disteln. Käsecreme galore. Höchstens einzuholen von jener im Il Centro. Beruhigend, dass wir dort morgen einen Tisch haben.

4. Artischockentorte. Gut, dass ich mich mit den Korbblütlern schon angefreundet hab, sonst könnt' ich das gar nicht so genießen.

5. Im Logbuch steht etwas verstörend: "Schweinestollen mit Apfelspalten und herausgebackenem Gries". Der Gries polentaähnlich, aber mit normalem statt Maisgries, der Stollen mehr eine Art Paté mit Schweinefleisch. Schmeckt alles andere als verstörend.

Hauswein findet seine Bestimmung

Zeit für Pasta: Agnolotti sind längst nicht nur die besten Freunde von Leinentüchern, Salbei und Limone. Herr Cirio empfiehlt sie heute zum Beispiel mit Rotwein. Den Roten ("unser Hauswein") leert der heitere Geselle mit großer Selbstverständlichkeit einfach aus der Flasche großzügig über die Teigtaschen. Ich bin ganz zufrieden, dass ich mich für die Agnolotti mit Bratensaft entschieden hab. Auch wenn die Weinvariante um Längen besser schmeckt, als sie klingt. Nicht zu verachten: Ravioli mit Spinat und Ricotta. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir hatten jeder nur EINE Portion Pasta. Schade eigentlich.

Bei den Hauptspeisen hat Familie Cirio noch einen Hauer zugelegt, scheint mir: Das Wildschwein in Umido, in meiner Erinnerung kein Höhepunkt in den vergangenen Jahren, überholt an der Seite des Perlhuhns al Limone vieles, was ich an Hauptgängen im Piemont schon verdaut habe. Ich liege mit meinem Stinco di Vitello, Kalbsbraten praktisch, klar auf Rang drei - freilich noch immer mit zwei Rufzeichen im Logbuch.

Eine kalorienarme Orangentorte mit viel Schlag geht immer noch, meinen einzelne Mitesser. Aber da bin ich nun wirklich nicht mehr sicher.

"Grappa per tutti!"

Ausführliche Details aus der Liste der geleerten Flaschen erspare ich Ihnen. Wir haben uns in nicht ausgesprochen wenigen, nicht ausgesprochen schlecht gewählten Schritten von einem eleganten Brut über Arneis, Dolcetto ("San Luigi" 2004 von Spezialist Chionetti!) bis zum am Schluss etwas zu zarten Barbaresco (Riserva 1999 von Rabaja) durchgearbeitet. Fehlt nur noch jener gediegene, Erleichterung verheißende Wahlspruch, den Herr Bruckenberger originellerweise aus Belgien mitgebracht hat: "Grappa per tutti!" Mir deucht, den werden wir noch öfter hören.

PS: Wenn Sie einen vorsichtigen Blick unter die Adresse links unter dem Bild werfen, finden Sie auch heraus, was uns diese paar kulinarischen Kleinigkeiten gekostet haben - inklusive Übernachtung in den sehr angenehmen, sehr neuen Gästezimmern.

Die folgenden Ereignisse finden statt ab Montag 17 Uhr.

Italienische Speise Das Ziel: Piemont. Der Weg: Mit Bedacht und nicht zu schnell durch das nördliche Italien essen. Zwei Wochen lang. Das Ergebnis täglich in Schmeck's unterwegs. Warnhinweis: Dass ich die eine oder andere Speise fehlerhaft ab- und/oder aufgeschrieben habe, kann ich jetzt schon garantieren. Für Korrekturen und Anregungen stets dankbar. Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
  • Laut Logbuch: "Lappen Fleisch". Laut Geschmack: genial.

Madonna della Neve
Madonna della Neve 2
Cessole
0039 0144 85 04 02
www.ristorantemadonnadellaneve.it
Essen, Wein und Übernachtung (samt nicht nur für italienische Verhältnisse hervorragendem wie üppigem Frühstück) komplett für acht Personen: 896 Euro
    hb

    Laut Logbuch: "Lappen Fleisch". Laut Geschmack: genial.

    Madonna della Neve
    Madonna della Neve 2
    Cessole
    0039 0144 85 04 02
    www.ristorantemadonnadellaneve.it

    Essen, Wein und Übernachtung (samt nicht nur für italienische Verhältnisse hervorragendem wie üppigem Frühstück) komplett für acht Personen: 896 Euro

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