Romane im Zeitalter der Lügen: Colum McCann im STANDARD-Interview

23. Jänner 2007, 14:29
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Mit dem Roman "Zoli" über eine Roma-Dichter­in festigt der irische Autor seinen Ruf als Ba­lancekünstler zwischen Realität und Erfindung

Mit Sebastian Fasthuber sprach McColum über Sozialkitsch und den Fiktionsgehalt von Nachrichten.


Alle wollen in Colum McCanns Roman nur das Beste für die junge slowakische Roma Zoli, doch nicht unbedingt zu ihrem Besten. Der Großvater verheiratet sie mit einem alten Mann, ihre Dichterfreunde sehen in ihr nur eine Illustration ihrer sozialistischen Ideen, die Partei nützt sie aus, um die Roma zwangszuassimilieren. Harter Stoff ist das, den der John Berger und John Dos Passos zu seinen Vorbildern zählende McCann aufgrund von wahren Begebenheiten berührend, aber erfreulich kitschfrei fiktionalisiert hat.



STANDARD: Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, der Begriff "Fiktion" bereite Ihnen Bauchschmerzen. Wieso?

McCann: Ich weiß nicht mehr, was Fiktion im Zusammenhang mit Literatur noch bedeuten kann. Wir leben in einem Zeitalter, in dem immer schamloser Fakten manipuliert werden. Es werden uns Fotos vorgelegt, die etwas Bestimmtes zeigen sollen. Die Politik und Medien, die sich in ihren Dienst stellen, manipulieren diese Fotos einfach so lang, bis sie als Beweis für chemische Waffen dienen.

STANDARD: Auf dem Feld der Fiktion hat der Roman also harte Konkurrenz. Welche Rolle kann er noch spielen?

McCann: Einfach Geschichten erzählen. Wir alle haben Geschichten, wir erzählen sie gern. Das ist etwas Demokratisches. Ich glaube nicht, dass der Roman eine andere Rolle einnimmt als beispielsweise Songs, Fotos oder Filme. Auch da werden Geschichten erzählt. Wahre oder erfundene.

STANDARD: Wir sollten uns den Kopf mehr über den Wahrheitsgehalt der TV-Nachrichten zerbrechen als über den von Büchern.

McCann: Exakt. Ich will Ihnen von meinem Urgroßvater erzählen, den ich als kleiner Junge noch kennen gelernt habe. Ich weiß über ihn, dass er am 16. Juni 1904 auf den Straßen von Dublin unterwegs war. Auch Leopold Bloom in James Joyces Ulysses ist am 16. Juni 1904 auf den Straßen von Dublin unterwegs. Jetzt dürfen Sie dreimal raten, wer von beiden für mich die realere Figur ist. Ich glaube, wenn wir nicht so sehr an dem Begriff Fiktion hängen und für den Roman eine tiefere Wahrheit reklamieren würden, könnten wir die Abendnachrichten besser interpretieren.

STANDARD: Dann sagen wir statt Fiktion so: Sie versetzen sich in Ihren Büchern mit Vorliebe in andere hinein, vor allem in reale Figuren. "Der Tänzer" war ein auf dem Leben Rudolf Nurejews basierender Roman, die Figur Zoli beruht auf der polnischen Roma-Dichterin Papusza.

McCann: Man bekommt immer gesagt: Schreib darüber, was du kennst. Als ich vor gut 20 Jahren aus Irland in die USA kam, wollte ich Schriftsteller werden. Also bin ich eineinhalb Jahre mit dem Fahrrad quer durch alle Bundesstaaten gefahren, um etwas zu erleben. Und das habe ich. Aber ich habe bis jetzt nicht darüber geschrieben. Stattdessen versetze ich mich in andere hinein. Warum? Wahrscheinlich fühle ich eine Art Verantwortung, nicht oder zu selten erzählte Geschichten publik zu machen. Es gibt so viele Millionen Roma, aber so wenige gute Geschichten, die niedergeschrieben wurden. Schon gar nicht über Roma-Frauen.

STANDARD: Zoli wird von ihren Leuten verstoßen, weil sie ihre Fähigkeit zu schreiben dazu verwendet, um aus der Welt der Roma zu berichten.

McCann: Die Roma haben traditionell ein Misstrauen gegenüber Büchern, das teils sicher auch berechtigt ist. Ich habe während meiner Recherchen viel über ihre Kultur gelernt, habe Vorurteile abgelegt, aber ganz verstehen lässt sie sich für einen Außenstehenden nicht. Es geht aber nicht nur um die Roma. Für mich ist es im Kern eine Geschichte davon, wie der einzelne Mensch gegen Machtstrukturen steht. Zoli wird von den Sozialisten als kulturelles Feigenblatt missbraucht und verrät dadurch die Sache der Roma.

STANDARD: Sie erzählen Zolis Geschichte recht nüchtern. Wie schwierig war das?

McCann: Ich habe mich immer auf des Messers Schneide bewegt. Deshalb hat es vier Jahre gebraucht, deshalb hätte ich das Manuskript nach zwei Jahren fast weggeschmissen, wenn mich meine Frau nicht davon abgehalten hätte. Es sollte keine Hymne auf die Kultur der Roma werden, aber auch keines dieser Kummer-Bücher. Ich bin kein Politiker, ich will den Leuten nicht sagen, was sie denken sollen. Was sie aus meinen Büchern machen, überlasse ich der Fantasie der Leser.



STANDARD: Sie gelten ja als Perfektionist. Ist es so schlimm?

McCann: Furchtbar. Ich versuche immer, die Bücher zu schreiben, die ich gerne lesen würde. Aber bis jetzt habe ich keines geschrieben, das ich noch einmal lesen wollen würde. Ich glaube, jedes Buch muss auf seine Weise scheitern. Trotzdem rappelt man sich wieder auf. Wie sagte Sam Beckett? "Scheitern, wieder scheitern, besser scheitern." Colum McCann, "Zoli". Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren 20,50 €, 382 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007 (Sebastian Fasthuber / DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2007)

Zur Person
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Sein Vater war Journalist und auch er arbeitete als Reporter, ehe er Mitte der 80er mit dem Plan, Schriftsteller zu werden, in die USA aufbrach. Nach dem Ausüben verschiedener Berufe und ausgiebigen Reisen veröffentlichte er 1993 als Debüt den Band "Fischen im tiefschwarzen Fluss". 1996 erschien der erste Roman "Gesang der Kojoten", es folgten "Der Himmel unter der Stadt", "Der Tänzer", von dem eine Million Exemplare abgesetzt wurden. McCann ist mit einer Amerikanerin verheiratet und bezeichnet sich als "irischen New Yorker und Pendler, der im Herzen Ire geblieben ist".
  • Colum McCann über seine Intention, den Roman "Zoli" zu schreiben: "Es gibt so viele Millionen Roma, aber so wenige gute Geschichten, die niedergeschrieben wurden. Schon gar nicht über Roma-Frauen."
    foto: standard/robert newald

    Colum McCann über seine Intention, den Roman "Zoli" zu schreiben: "Es gibt so viele Millionen Roma, aber so wenige gute Geschichten, die niedergeschrieben wurden. Schon gar nicht über Roma-Frauen."

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