Norah Jones: Jazz-Brunch mit Müsli

23. Jänner 2007, 15:14
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Die 27-jährige US-Künstlerin verkaufte mit ihrer sanften Balladenmusik bislang mehr als 30 Millionen Alben. Diese Woche erscheint ihr drittes: "Not Too Late"

Baden-Baden - Am Liebsten möchte man helfen. Aber das dürfte nicht nötig sein. Das kleine verschüchterte Wesen, das im knappen schwarzen Babydoll und pinkfarbenen Strümpfen mit eingezogenem Kopf auf die Bühne des noblen neubarocken Stadttheaters Baden-Baden huscht und sich dort möglichst schnell auf dem Hocker hinter dem Klavier versteckt, hat bis heute mit ihren beiden Alben Come Away With Me und Feels Like Home immerhin mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft.

Der Rahmen der Livepräsentation des neuen Albums Not Too Late von Norah Jones mag also halbwegs glamourös sein. Achtung: vereinzelte Krawattensichtungen beim ansonsten reichlich nachlässig mit bürgerlichen Kleidungskonventionen umgehenden Pressepack! Norah Jones und vor allem auch ihre freundlich hinter großzügig bemessener Gesichtsbehaarung und Bummelstudenten-Outfit vom Kleiderschweden hervorlugende Begleitband sind es definitiv nicht.

Vor 450 aus Deutschland und Resteuropa zusammengeholten "Medienpartnern" und lokaler Prominenz klimpert sich die 27-jährige New Yorker Königin der neuen Sanftheit zum Aufwärmen durch einen alten Titel des tragischen Hillybilly-Gevatters Hank Williams. Cold Cold Heart wird unspektakulär mit schweren Lidern und belegter Stimme Richtung Jazzfrühstück gedeutet.

Reinste Gefälligkeit

Für solch ein klassisches Katermenü (doppelter Espresso, zwei Aspirin, eine rote Marlboro) ist es bei entsprechend global über alle Zeitzonen und Zeitgenossenschaften hinaus angelegtem Lebenswandel auch um neun Uhr abends nie zu spät. Zumindest die rührend und herzig in der Musik behauptete Kleinmädchen-Verruchtheit dürfte bei Norah Jones als einziger Bestandteil ihrer auf reinste Gefälligkeit angelegten Songs inszeniert sein. Von wegen: "The sun doesn’t like you, you always get burned."

Hier sind trotz aller in den Texten anderslautend gegurrten lebensmüden Behauptungen definitiv Müsli-Esser am Werk, die den Sonnenaufgang nicht noch im Rahmen eines wilden Nachtlebens, sondern immer gleich nach dem Aufstehen erleben und loben.

Was auf ihren bisherigen Alben sowie ihrer mit der Stammband beinahe identen Freizeitbeschäftigung The Little Willies – mit denen Jones 2006 alte Country-Hadern von Willie Nelson oder Kris Kristofferson behübschte –, runterflutscht wie in heißem Wasser eingeweichte und mit fettarmem Kaffeezusatz veredelte Getreidekörner, braucht auch live vor Publikum nicht befürchten, vom mild Verruchten in die zügellose Ekstase gerockt und gerollt zu werden. Dabei hat sich Jones erstmals im kompositorischen Alleingang ohne die Unterstützung ihres Bassisten und Lebensgefährten Lee Alexander, der jetzt zum Ausgleich das Album allerdings produzieren durfte, so sehr bemüht, für ihre Verhältnisse geradezu atemberaubend eckig und kantig zu musizieren.

Nicht nur, dass weite Teile von Not Too Late während des wilden Tourlebens in Hotels entstanden sein sollen. Die studierte Jazzpianistin Jones wechselte dafür auch an die akustische Gitarre. Das tut neuen und in Baden-Baden auch live vorgestellten Songs hörbar gut.

Forcierte Spielarten

Mit diversen Gästen wie dem Kronos Quartet oder dem wunderbaren kalifornischen Songwriter M. Ward nähert sich die Tochter des von den Beatles bekannten indischen Sitarspielers Ravi Shankar und einer amerikanischen Mutter dabei, die wieder auf dem renommierten US-Label Blue Note veröffentlicht, durchaus auch forcierteren Spielarten wie Southern-Soul und -Rock wie in den Stücken Thinking About You oder Be My Somebody. Im an Kurt Weills oder jenem von Tom Waits – Obacht, jetzt komm’s! – sperrigen Kompositionsstil angelehnten New Yorker East-Village-Hinterhofidyllen-SchleicherSinkin’ Soon ging dabei sogar der von Norah Jones ins Studio mitgebrachte Teekessel zu Bruch, als er als Perkussionsinstrument missbraucht wurde. Lausemädchen! Live war in Baden-Baden nach einer Stunde und 14 Songs inklusive einer Zugabe, dem hübschen Cowgirl-Klagen Lonestar, einer Paraphrase auf Norahs langjährige Wahlheimat Texas, jedenfalls Schluss.

Das teilweise wegen der Musik, teilweise von den stehenden Ovationen für so viel Wohlklang und Süßheit wie Drolligkeit ermattete Publikum verfügte sich in die Tiefgaragen zu seinen Allradantrieb-Mini-Vans. Dort drinnen wartete im CD-Player auch schon das erste Album von Sade aus 1984. Besseres kommt nix nach: "Tell me why, tell me why, tell me why – can’t we live together?!" Weil du ein fades Trutscherl bist.

Jones im Kino und TV

Im Februar gibt Norah Jones in den USA auch ihr Debüt als Schauspielerin in Wong Kar Wais dort anlaufendem neuem Film My Blueberry Nights.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Februar kann man ab 00.35h in der Konzertreihe "SWR3 hautnah" das vom Südwestfunk mitgefilmte Konzert auf dem Kabelkanal SWR sehen. (Christian Schachinger aus Baden-Baden/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2007)

  • Alles bleibt besser. Norah Jones veröffentlicht am Freitag (26. 1.) ihr drittes Album "Not Too Late". (Vertrieb: EMI).
    foto: blue note/emi

    Alles bleibt besser. Norah Jones veröffentlicht am Freitag (26. 1.) ihr drittes Album "Not Too Late". (Vertrieb: EMI).

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