Der Philosoph als Zeitdiagnostiker

31. Jänner 2007, 13:20
51 Postings

Der österreichische Wissenschafter des Jahres 2006 heißt Konrad Paul Liessmann - der Philosoph im STANDARD-Gespräch über sein Fach und die Studiengebühren

Wien - "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern." Während seines Studiums in den bewegten Siebzigerjahren habe ihn dieser Satz von Karl Marx ständig begleitet, erinnert sich Konrad Paul Liessmann anlässlich der feierlichen Ernennung zum Wissenschafter des Jahres. Mit dem Satz von Marx konnte er aber nie viel anfangen, beeilt er sich hinzuzufügen. Ja, er würde ihn viel lieber umdrehen: Es gehe weniger darum, die Welt zu verändern, als sie aus philosophischer Perspektive zu interpretieren.

Die Auszeichnung "Wissenschafter des Jahres" wurde vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten am Montag zum elften Mal vergeben. In der Liste der Preisträger, zu denen unter anderem der Physiker Anton Zeilinger, die Molekularbiologin Renée Schröder, der Immunologe Josef Penninger oder die Klimaforschern Helga Kromp-Kolb zählen, ist Liessmann der erste Philosoph. Wie kein anderer seiner Fachkollegen erfüllt er das Hauptkriterium des Preises, nämlich die eigene Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Stellung nehmen

Liessmann hat zu vielen öffentlichen Debatten - nicht zuletzt in Standard-Kommentaren - immer wieder aus philosophischer Perspektive streitbar Stellung bezogen. In zahlreichen Buchveröffentlichungen, aber auch Radio-Beiträgen hat er die großen Philosophen und ihre Themen in bester volksbildnerischer Tradition für ein breites Publikum aufbereitet. Und als Gründervater und Leiter des "Philosophicum Lech" schuf vor zehn Jahren ein Forum, in dem seitdem aktuelle Probleme der Gesellschaft aus philosophischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive verhandelt werden.

Schließlich ist der 53-Jährige auch noch Professor für Philosophie an der Universität Wien. In diesem Semester bietet er neben der populären Einführungsveranstaltung auch noch ein Seminar über Hegels Ästhetik an, die er im Übrigen für schwer unterschätzt hält. "Man kennt daraus die beliebte und falsche These vom Ende der Kunst und liest selten weiter. Das ist aber ein Fehler. Seine Theorie der Tragödie ist für jedes moderne Regietheater fruchtbar", sagt der passionierter Theater- und Opernbesucher mit einer Schwäche für Richard Wagner. Für Liessmann, der 1989 mit einer kunstphilosophischen Arbeit habilitierte, erledigen sich ästhetische oder philosophische Fragen nämlich nicht so einfach mit der Zeit wie in den Naturwissenschaften: "Es wäre nicht richtig zu sagen, dass mit Wittgenstein Platon hinfällig geworden sei. Das sind unterschiedliche Zugangsweisen, die immer wieder aufs Neue erhellend sein können."

Der freie Wille

Das Verhältnis zu den Naturwissenschaften sieht er grundsätzlich entspannt, trotz der Debatte rund um die Freiheit des Willens, die in den letzten Jahren von Hirnforschern infrage gestellt wurde. Für den Philosophen sind da künstliche Frontlinien aufgebaut worden, die es so gar nicht gebe: "Es ist ja nachgerade eine Unterstellung, dass die Philosophie grundsätzlich am Postulat der Willensfreiheit festhalten würde. Die haben ja schon Philosophen in der Antike geleugnet, oder später dann Nietzsche und Schopenhauer."

In den vergangenen Jahren hat sich Liessmann, der am Beginn seiner Laufbahn auch einige Jahre als Gymnasiallehrer unterrichtete, vor allem an Fragen der Bildung und der Universität abgearbeitet und dabei einmal mehr sein großes zeitdiagnostisches Gespür bewiesen. In seiner im vergangenen Herbst bei Zsolnay erschienenen "Theorie der Unbildung" unterzog er - in Anlehnung an Theodor W. Adornos berühmten Essay - die Wissensgesellschaft und ihre Auswüchse einer glänzend geschriebenen und mitunter polemischen Radikalkritik. Dass Liessmann dabei einiges richtig interpretiert hat, lässt sich auch am Verkauf ablesen: Das Buch geht demnächst in die siebente Auflage; von den verkauften 13.000 Stück wurde knapp die Hälfte auch in Deutschland abgesetzt.

Im Interview wiederholt der Wissenschafter des Jahres seine Kritik an den jüngsten Reformen der Universitäten und wendet sich dabei besonders gegen ihre "Verfachhochschulung": "Die Universität muss wieder jener Ort werden, an dem es die Einheit von Forschung und Lehre gibt. Denn diese Einheit ist schließlich ihr Markenzeichen. Wir hingegen machen die Universitäten zu Fachhochschulen und werten gleichzeitig die Fachhochschulen zu Universitäten auf."

Studiengebühren In Sachen Studiengebühren freilich sieht Liessmann eigentlich nur Vorteile und hält sie für ein politisch völlig überschätztes Thema: Die 360 Euro pro Semester seien nicht so hoch, dass sie vom Studium abhalten, aber hoch genug, um die Scheininskribienten zu eliminieren. Außerdem würden sie zu einem schnellerem Studium animieren. "Die Studierenden zahlen für etwas, und dafür können sie auch etwas verlangen. Das ist doch nur vernünftig." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 1. 2007)

  • Hält die Studiengebühren für ein politisch völlig überschätztes Thema: Konrad Paul Liessmann, Philosoph und frisch gekürter Wissenschafter des Jahres.
    foto: heribert corn

    Hält die Studiengebühren für ein politisch völlig überschätztes Thema: Konrad Paul Liessmann, Philosoph und frisch gekürter Wissenschafter des Jahres.

Share if you care.