"Wir zeigen Missstände auf"

11. Februar 2007, 18:08
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Spar-Chef Gerhard Drexel sieht den Kampf gegen den Rewe-Adeg-Deal im STANDARD-Interview nicht verloren

STANDARD: Billa hat den Rückzug aus ruinösen Preisduellen angekündigt. Ziehen Sie mit?

Drexel: Das klingt nach einer Sonntagsansprache, gegen die man in der Praxis gerne verstößt. Ich glaube nicht daran.

STANDARD: Ihr Mitbewerber verspricht, künftig mehr österreichische Lieferanten zu listen.

Drexel: Und kopiert damit uns.

STANDARD: Die Lebensmittelerzeuger sehen sich jedoch durch gestiegene Rohstoffkosten unter Druck. Erfüllt Spar Forderungen nach höheren Preisen?

Drexel: Die Industrie macht es sich da zu leicht. Sie versucht, höhere Kosten wie eine amtliche Gebühr weiterzuwälzen. Und das kann nicht einmal der Staat. Die Produzenten müssen Strukturen und Kosten ändern. Das tut auch der Handel.

STANDARD: Die Industrie warnt, dass damit die Qualität der Lebensmittel sinkt.

Drexel: Diese Gefahr besteht, wenn ein Handelskonzern den Markt beherrscht. Das ist jetzt mit dem Einstieg der Rewe bei Adeg passiert. Ich habe Lieferanten gefragt, warum sie sich nicht dagegen wehren. Sie klagen über eine Art Doppelmühle: Wer sich offen gegen den Deal äußert, bei dem wird sich Billa zeitversetzt rächen. Das ist bereits einmal im Zuge des Meinl-Deals passiert und sitzt noch vielen Lieferanten in den Knochen.

STANDARD: Was heißt rächen?

Drexel: Es gibt weniger Aktionen mit einzelnen Produkten, sie werden zu Randartikeln degradiert oder ausgelistet.

STANDARD: Rewe betont, dass Adeg Einkaufshoheit behält.

Drexel: Das ist Augenauswischerei, es entsteht irreversible Abhängigkeit. Rewe führt bei Adeg zuerst ihre Eigenmarken ein. Sie wird dadurch bei den jeweiligen Lieferanten um rund ein Viertel mehr einkaufen und die Preise drücken.

STANDARD: Hat Spar nicht selbst Hersteller in die Abhängigkeit getrieben und sie ausgespielt?

Drexel: Nein, das haben wir nie getan. Wir haben auch nicht diese Marktmacht. STANDARD: Rewe hat sich bei Adeg zu 24,9 Prozent beteiligt. Ihr Versuch, das zu verhindern, ist gescheitert. Bleibt Spar jetzt nur noch die Beobachterrolle?

Drexel: Wir sind nicht gescheitert. Die Bundeswettbewerbsbehörde hat uns für die Rolle, die wir einnehmen, gedankt. Klar ist, auch ein Fußballspiel wird erst nach 90 Minuten abgepfiffen. Und dieses Spiel hat noch nicht einmal begonnen.

STANDARD: Sie werden also als Fürsprecher der Industrie Rewe auf die Finger klopfen?

Drexel: Die Lieferanten fürchten sich – schweigen sie, kann die Kartellbehörde nicht reagieren. Wir sind daher künftig die neutrale Drittpartei, die Missstände aufzeigen wird.

STANDARD: Wäre Spar nicht gerne selbst bei Adeg eingestiegen?

Drexel: Wir wurden nie gefragt. Wir hätten die Unterlagen zumindest gern geprüft.

STANDARD: Sind Sie noch an den ehemaligen Magnet-Märkten von Adeg interessiert?

Drexel: Ja, am einen oder anderen Standort. Es ging hier aber die Transparenz verloren.

STANDARD: Hofer hat stark an Boden gewonnen. Warum kontert der Spar-Konzern nicht mit einer eigenen Diskontschiene?

Drexel: Wir wollen nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

STANDARD: Diskonter mischen auch stark im Bio-Geschäft mit. Ist der Plafond bei Bio erreicht?

Drexel: Bei uns kommen ständig neue Produkte dazu. Spar hat den Bio-Umsatz im ersten Halbjahr 2006 um 30 Prozent ausgebaut, und wir haben diese Entwicklung beibehalten.

STANDARD: Zugleich nimmt der Anteil an Eigenmarken zu. Zuletzt waren es 24 Prozent des Großhandelsumsatzes.

Drexel: Wir haben über 1000 Eigenmarken. Ihr Umsatz ist jährlich gestiegen, auch 2006 deutlich überproportional.

STANDARD: Die Ladenöffnungszeit soll von 66 auf 72 Stunden ausgedehnt werden. Wie lange will Spar künftig offen halten?

Drexel: Wir werden je nach Bedarf und Standort eine Stunde früher aufsperren oder eine Stunde später schließen.

STANDARD: Die Gewerkschaft kritisiert die Flut an Teilzeitjobs im Handel. Führen diese nicht auch in eine Sackgasse?

Drexel: Bei uns kommen Kunden zu Stoßzeiten, dann brauchen wir mehr Personal. Teilzeitjobs sind ein Spiegel der Gesellschaft, ein Prozess, den wir nicht umkehren können. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2007)

Zur Person
Der Vorarlberger Gerhard Drexel (51) ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Spar Österreich AG. Die Familie des Betriebswirts zählt zu den Gründern der Lebensmittelkette. Spar setzt mehr als 7,3 Milliarden Euro um, 40 Prozent davon im Ausland.
  • Lebensmittelhersteller pochen auf höhere Preise. Spar Österreich-Chef Gerhard Drexel sieht dafür keinen Spielraum. "Die Industrie macht es sich zu leicht. Sie muss ihre Strukturen und Kosten ändern."
    foto: standard/heribert corn

    Lebensmittelhersteller pochen auf höhere Preise. Spar Österreich-Chef Gerhard Drexel sieht dafür keinen Spielraum. "Die Industrie macht es sich zu leicht. Sie muss ihre Strukturen und Kosten ändern."

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