Bekehrung mit Artischocke

26. Jänner 2007, 16:50
3 Postings

Italienische Speise, Tag 10: Ein kleines Lokal mit großer Küche in La Spezia bringt Harald Fidler auf den inneren Weg

Nein, wir sind nicht an eine Sekte geraten, auch keine gastronomische. Vielmehr in eine neue Osteria, sehr schlicht, fast studentisch, ganz in der Nähe des neuen Marktplatzes. Viccolo Intherno heißt soviel wie innerer Weg, was weniger spirituell gemeint ist als eine praktische Anspielung: Die Tür findet sich im Durchgang zwischen zwei Häusern. Die eine oder andere kulinarische Erleuchtung freilich überkam mich auf diesem inneren Weg sehr wohl. Und zwar:

a) Nie würde ich wahrscheinlich freiwillig Gemüsekuchen als Vorspeise bestellen, wenn er nicht im Piemont als eine von nicht weniger als fünf Antipasti auftaucht und Disteln enthält. Dann ist er nämlich unschlagbar. Gemüsekuchen klingt einfach ziemlich öd, zumindest für mich. Was die Chefin (laut Osteriaführer Barbara) an Torte di Verdura auf den Weg bringt, mit Spinat, Kohl und Peperonata ist einfach sehr, sehr gut. Und saftig. Meine Begleitung muss mit mir um jeden Bissen raufen.

Sardellen verdrängen Pilze

Dabei habe ich eine ordentliche Portion Sardellen in Salz und Öl auf dem Teller, die gerade dabei sind, in meiner Fressprägung die Steinpilze ein klein wenig in den Hintergrund zu drängen. Jedenfalls so lange keine auf der Karte stehen. Deshalb auch gleich weiter im Programm mit Spaghetti alle acciughe, sehr gschmackig, wenn auch wenige der kleinen Fische auf meine Nudeln finden.

b) Tagliolini ai carciofi können mir ohnehin gestohlen bleiben, dachte ich bisher, wie sie mein Gegenüber gerade unter Wohllauten ins selige Antlitz schaufelt. Artischocken mag ich einfach nicht. Ich weiß, ich behaupte gern frei nach dem unerreichbaren Jeffrey Steingarten, ich esse alles. Aber Karfiol, Artischocken und Süßspeisen muss ich einfach nicht haben.

Anmutigere Variante von Herrn Hilberg

Obwohl: Die Begleitung klingt schon fast wie eine - deutlich anmutigere - Variante von Konstantin Hilberg beim Schokodessertverputzen. Was Frau Barbara bei mir an Sardellen gespart hat (womöglich, um einer Überdosis vorzubeugen?), schaufelte sie an Korbblütlern auf die Pasta meiner Tischgenossin. Und dieser Haufen Artischockenstückchen, ein bisschen gebraten in Olivenöl, ist, ja, ich kann mir das Kosten nicht länger verbeißen, wirklich genial. Fortan muss sie auch hier um jede Gabel raufen.

Dennoch: Warum soll man nach grob geschätzten eineinhalb Portionen Antipasti und ebensoviel von der Pasta auf den Hauptgang verzichten? Das Piemont mit seinen Vorspeisenmassakern ist nur noch knappe 30 Stunden entfernt: Wann üben, wenn nicht jetzt?

Also noch ein Kaninchen alla ligure, mit Olivenöl, Oliven und sonst nicht viel. Bisschen grob gehackt, könnte nach dem Augenschein ein Chinese erledigt haben, aber sonst sehr ordentlich. Mein leiser Verdacht: Die Hauptspeise ist nicht die Königsdisziplin dieses Volkes. Oder sie machen zu geniale (und zu große) Vorgerichte, als dass man die Secondi noch ausreichend würdigen könnte. Aber lieben Dank für die zwei Stückchen Kaninchenleber, die meinen Teller als kleines Extra schmücken!

Schokokuchen!

c) Ist nur noch eine halbe Erleuchtung, aber ich bin ohnehin von den beiden ersten schon recht erschöpft: Nach dem Zahlen entdecke ich den Schokokuchen auf dem Tresen und kann nicht daran vorbei. Saftige Schokoteile in kleinen Dosen gehen bei aller Süßigkeitsverachtung doch ganz gut. Zum Beispiel Herrn Hilbergs gebackenes Schokomousse. Und eben der Kuchen im inneren Weg. Unglaublich saftig, unglaublich flaumig, nicht zu süß - erstmals durchbrechen wir die Urlaubswertung und vergeben vier Rufzeichen. Und schicken Herrn Hilberg ein fieses Mail, was er da versäumt.

d)Kennen Sie die Weinetiketten der Eigenmarke von Unger & Klein, dieser schon sehr angenehmen Vinothek am Wiener Rudolfsplatz? Manche Dinge werden offenbar an verschiedenen Orten sehr ähnlich erfunden. Siehe das Etikett des feinen, mit 13,5 Prozent aber auch nicht ganz mittagstauglichen Vermentino "Colli di Luni" von Andrea Kihlgren in Sarzana (Bild unten).

PS: Der wunderbare innere Weg versöhnt auch rasch wieder mit dem Osteriaführer, dem wir schon die eine oder andere schändliche Lücke nachweisen mussten. Wir waren einander aber eh nie wirklich bös'.

PPS: Abends Sardellen, diesmal auch sott'olio mit Butter, wieder in der Cantina Propona in Manarola.

Morgen: Jetzt aber wirklich ins Piemont! Ab 17 Uhr hier. Und besser als Kitzbühel: Fidler fährt ab auf Hahnenkämme - am Montag ab 17 Uhr.

Italienische Speise Das Ziel: Piemont. Der Weg: Mit Bedacht und nicht zu schnell durch das nördliche Italien essen. Zwei Wochen lang. Das Ergebnis täglich in Schmeck's unterwegs. Warnhinweis: Dass ich die eine oder andere Speise fehlerhaft ab- und/oder aufgeschrieben habe, kann ich jetzt schon garantieren. Für Korrekturen und Anregungen stets dankbar. Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
  • Diese weiteren zwei bis drei Portionen Sardellen wurden Fidler vorenthalten. Warum eigentlich?

Vicolo Intherno
Via della Canonica 21
La Spezia
0039 0187 238 98
All die Freude für 57 Euro inklusive Wein.
    fid

    Diese weiteren zwei bis drei Portionen Sardellen wurden Fidler vorenthalten. Warum eigentlich?

    Vicolo Intherno
    Via della Canonica 21
    La Spezia
    0039 0187 238 98
    All die Freude für 57 Euro inklusive Wein.

Share if you care.