Waschmaschinen statt Eurofighter

23. Jänner 2007, 17:22
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Milizverbände maulen über Norbert Darabos' Zivilidienervergangenheit, an der "Basis" hat man ganz andere Sorgen

Während die Milizverbände darüber maulen, dass der neue Verteidigungsminister Norbert Darabos "nur" Zivildiener war, haben die Soldaten an der "Basis" ganz andere Sorgen. Ein Stimmungsbericht aus der Wiener Maria-Theresien-Kaserne.
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Wien - Wenn man einmal so richtig im Dreck gelegen ist, kann es schon passieren, dass man plötzlich Dinge anders sieht. Peter (19), einem angehenden Studenten, ist es erst vor Kurzem so ergangen. Und Alexander (19), Mechaniker. Genauso wie Patrick (18), Schüler, Adriano (23), Rezeptionist - oder Philipp (28), Arzt, die Freitagmittag erschöpft und schon wieder hungrig auf dem Weg in die Kantine der Maria-Theresien-Kaserne sind. Fünf Stunden lang sind die Rekruten tags zuvor auf dem Bauch gelegen, sind durch knietiefen Matsch gerobbt, haben sich Tarnfarbe ins Gesicht geschmiert und mit Platzpatronen geschossen.

Seither wissen sie die kleinen Dinge mehr zu schätzen: eine heiße Dusche, ein warmes Essen am Abend, ein Bett. Das ist für einen erschöpften "Frischling", der erst drei Wochen Zeit hatte, sich an den Dienst am Vaterland zu gewöhnen, schon einiges wert. Doch der Gipfel der Rekrutenträume wäre - gar nichts Schmutziges, sondern im Gegenteil: eine Waschmaschine. "Ich gäbe viel darum, wenn wir unsere dreckigen Sachen ordentlich waschen könnten", träumt der 20-jährige Bahic, der später einmal Polizist werden möchte. Allein: Es gibt hier nur Waschräume, in denen die Rekruten notdürftig ihre schlammigen Sachen säubern können. Wer langsamer ist als die anderen, steht vor verstopften Abflüssen, die Sachen trocknen in den Schlafräumen nur langsam, es stinkt - und wirklich sauber wird es schon gar nicht. Alexanders Traum von einer fortschrittlichen Verteidigungspolitik: "Einen Eurofighter weniger kaufen, dafür Waschsalons in allen Kasernen einbauen."

Keine Zeitungen und kein Fernsehen

Die jungen Männer haben vom Gezerre der Regierungsbildung nur am Rande erfahren. Es gebe nämlich keine Zeitungen und kein Fernsehen in der Kaserne, bemerkt Peter verdrossen. Daher kennen auch die meisten den Namen des neuen Verteidigungsministers nicht. Arzt Philipp hilft aus: "Norbert Darabos." Daraufhin fällt einigen immerhin ein, dass der "Neue" in seiner Jugend selbst nur beim Zivildienst war.

Dass darob Milizvertreter offene Briefe schrieben und die Eignung des SPÖ-Politikers infrage stellten, ist den Jungsoldaten entgangen. Aber auch sie debattieren, ob ein "Zivi" als Heereschef nun gut oder schlecht sei. Einig werden sie am Ende nur darüber, "dass es am Ende wurscht ist, weil den Einsatzbefehl eh die ganze Regierung gibt", wie der belesene Peter weiß.

Ob das nun für Minister Darabos oder die Soldaten selbst gut ist, bleibt offen, weil vor der Tür ein mächtiges Getöse losbricht. "Alarmübung!", schreit einer von irgendwoher, junge Männer hasten hin und her. Mit Helm, schwerem Gepäck und Waffe angetan müssen sie binnen zehn Minuten antreten. Ausbildner rufen, schimpfen, schicken einige wieder zurück in die Quartiere. Peter, Alexander und Co entspannen sich - sie hat es diesmal nicht getroffen, da redet man stattdessen doch gerne darüber, was der neue Verteidigungsminister am dringendsten tun sollte.

Georg (19), von Beruf Profifußballer, meint, der "Neue" solle "die veralteten Dinge abschaffen". Zum Beispiel: Tarndreiecke aus Laub und Grasbüscheln bauen - keine moderne Armee mache so etwas. Ein paar "Jungmänner" stellen sich gerade vor der Kanzlei an, um sich Fahrtgeld auszahlen zu lassen. Sie beklagen, dass immer alle büßen müssen, wenn einer aus der Reihe tanze. Der 18-jährige René ärgert sich schon seit Tagen über "so einen Typen, der sich nicht einmal richtig seine Schuhe zubinden kann".

Generation Gameboy

Vizeleutnant Martin Woldrich, der seit 21 Jahren Grundwehrdiener ausbildet, kann davon ein Lied singen: "Wir müssen mit der Generation Gameboy fertig werden", sagt er. Die Zahl derer, die "weder mit den Kameraden noch mit den Ausbildnern können", habe in den vergangenen Jahren merkbar zugenommen. Noch anstrengender sei es geworden, sagt Woldrich, seit der Grundwehrdienst auf sechs Monate verkürzt wurde: "Es ist schwierig, in der kurzen Zeit jemandem sinnvoll alles Notwendige beizubringen."

Vor zwei Jahren wurde die jüngste Heeresreform beschlossen, die das Bundesheer effizienter, moderner, schlagkräftiger machen sollte. Die Maria-Theresien-Kaserne ist unmittelbar betroffen: Das frühere Jägerregiment heißt nun "Aufstellungsstab des Militärpolizeilichen Bataillons", schon bald soll das gesamte Militärkommando Wien in der "Maresi" untergebracht werden. Platz ist auf dem weitläufigen Gelände, das an den Schlosspark Schönbrunn angrenzt, genug - doch wirklich gerüstet ist man dort noch nicht. Die Gebäude, eigentlich als Provisorien in der Nazizeit errichtet, müssen ständig ausgebessert werden, der Umbau der Schlafsäle und sanitären Anlagen geht nur langsam vonstatten.

Waffen durchwegs modern, der Mangel herrscht woanders

Die Waffen seien durchwegs modern, meint Stabswachtmeister Richard Gröger anerkennend: "Da können wir mit anderen Staaten locker mithalten." Der Mangel herrscht woanders, äußert sich in alltäglichen Ärgernissen. So berichtet etwa ein Offizier, "dass ich niemanden kenne, der sich noch nicht privat warme Unterwäsche oder Regenschutz gekauft hat". Man warte sehnsüchtig auf den neuen Kampfanzug - aber das "Umrüsten" der Truppe dauere nun schon Jahre. Der Rekrut und Arzt Philipp ist vor Kurzem als Ausbildner beim Erste-Hilfe-Kurs eingesprungen. Er tat sich dabei "ein bisserl schwer" - nicht einmal eine Beatmungspuppe zum Üben war in der Kaserne aufzutreiben.

Insofern, sagt Rekrut Alexander, habe er schon einen heißen Wunsch an den neuen Verteidigungsminister: "Er soll seinen Grundwehrdienst nachmachen. Dann sieht er gleich, was er tun muss." (Petra Stuiber; DER STANDRD, Print-Ausgabe, 22.01.2006)

  • Soldatenalltag in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne: Die Rekruten wünschen sich eher warme Unterwäsche
    foto: der standard/fischer

    Soldatenalltag in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne: Die Rekruten wünschen sich eher warme Unterwäsche

  • oder eine Beatmungspuppe für den Erste-Hilfe-Kurs
    foto: der standard/fischer

    oder eine Beatmungspuppe für den Erste-Hilfe-Kurs

  • Vizeleutnant Martin Woldrich mit Rekrut Gröger: "Wir müssen mit der Generation Gameboy fertig werden."
    foto: der standard/fischer

    Vizeleutnant Martin Woldrich mit Rekrut Gröger: "Wir müssen mit der Generation Gameboy fertig werden."

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