Fischzucht frisst Fische

15. Juli 2000, 18:35

Aquakultur hat viele böse Nebenfolgen

London - Die Aquakultur, aus der schon über ein Viertel aller vom Menschen verzehrten Fische und Meerestiere kommen, ist eine höchst zweischneidige Sache: Auf der einen Seite leistet sie in ihrer traditionellen extensiven Anwendung - vor allem in China hält man seit Jahrhunderten Karpfen in Teichen - tatsächlich einen großen Beitrag zur Ernährung. Auf der anderen Seite betreibt sie eine Fischvernichtung in großem Stil und mit bösen Nebenfolgen.

Das gilt für die stark steigende Haltung von fleischfressendem Getier, Lachsen und Shrimps vor allem. Zunächst einmal müssen sie irgendwoher kommen. Und Shrimps, aber auch Thunfische, werden nicht einfach gezüchtet, sondern als Larven gefangen, weshalb Aquakultur die frei lebenden Populationen gerade nicht entlastet.

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Dann müssen sie fressen. Im Unterschied zu Karpfen oder Welsen, die sich von Algen ernähren und in der Aquakultur mit Pflanzen gefüttert werden, verbrauchen die Fleischfresser enorme Mengen an Fischmehl: Bis zu fünf Kilo davon brauchen sie, um selbst ein Kilo anzusetzen. Dieses Fischmehl kommt von weniger "wertvollen" kleinen Fischen, die nur insofern weniger wertvoll sind, als sie nur in geringem Umfang als Speisefische von Menschen genutzt werden.

Aber sie werden von begehrten größeren Fischen gefressen. Auf diesem Weg sorgt die Aquakultur mit für die rückläufigen Fänge, auch Bestände von Robben und Meeressäugern leiden. Und was in der freien Natur gefangen wird, kommt oft aus der Aquakultur: 40 Prozen aller im Nordatlantik gefangenen "Wildlachse" sind Entkommene der Zuchten. Und nicht nur die "Genvergiftung" bringt Probleme, auch die enormen Fäkalienmengen der Aquakultur sorgen immer wieder für Massensterben, weil sie giftige Algenblüten nähren. Zudem dezimieren Viren aus der Massentierhaltung nicht nur Fische, sie haben auch schon ihren Weg zu Menschen gefunden.

Hinzu kommen großräumige Zerstörungen der Mangrovenwälder an asiatischen Küsten. Damit geht wieder direkt Lebensraum für Fische verloren - pro Kilo Aquakultur 440 Gramm Wildfisch -, und indirekt geht noch mehr verloren, weil die Mangroven keine Sedimente mehr abfangen, weshalb diese die vorgelagerten Korallenriffe verschlammen. Schließlich schützen Mangroven die Küsten vor Erosion und das Hinterland vor Wind: Große "Sturmkatastrophen" in Indien wurden schon vom Abholzen von Mangrovenwäldern verursacht. (Nature, Vol. 405, S. 1017) (jl)

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