STANDARD-Interview: "Gott hat die Primzahlen erschaffen"

19. Jänner 2007, 19:06
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Martin Nowak, Harvard-Professor und Christ, über den Irrtum der Atheisten

STANDARD: Hat Atheismus eine wissenschaftliche Basis?

Martin Nowak: Nein, hat er nicht. Fair interpretiert ist die Wissenschaft neutral, ehrlich betrieben, liefert sie keinen Grund, Religion als irrational zu bezeichnen. Es gibt keine wissenschaftliche Entdeckung, die als Argument gegen die Existenz Gottes gelten könnte.

STANDARD: Trotzdem fühlen sich gerade in den USA viele Naturwissenschafter berufen, gegen Gott zu argumentieren. Haben Sie da Einwände?

Nowak: Ja, sie liegen damit nämlich vollkommen falsch. Vor allem die Methode dahinter ist recht zweifelhaft: Der Wissenschafter hat sich ein bestimmtes Gottesbild zurechtgelegt, das er dann widerlegen will. Er stellt sich Gott zum Beispiel als Zauberer vor, der in der Evolution immer wieder kleine Tricks vorführt. Klar, dass da keine wissenschaftlichen Beweise gelingen. Der Wissenschafter meint dann, Gott widerlegt zu haben, aber dabei ging es um einen Gott, der ohnehin nicht Gegenstand des christlichen Glaubens ist. Eigentlich wiederholt sich jetzt ein Fehler, den schon Charles Darwin gemacht hat. Hätte er zum Beispiel das Gottesbild von Thomas Aquinus verstanden, der sagte, dass "das Wesen Gottes unerkennbar, seine Existenz aber beweisbar" sei, dann hätte er auch gesehen, dass es keinen Widerspruch zwischen Schöpfung und Evolution gibt.

STANDARD: Wissenschaft ist also kein Ersatz für Religion. Was aber können Wissenschaft und Religion nebeneinander leisten, und wie können sie sich eventuell ergänzen?

Nowak: Es gibt viele Fragen, die Menschen interessieren, die aber nicht Gegenstand der Wissenschaft sind. Woher komme ich, wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Was beeinflusst die doch sehr zufällige Bahn meines Lebens und die Menschen, die ich treffe, oder die Menschen, die eine Zeit lang mit mir gehen? Warum gibt es mich? Warum gibt es überhaupt etwas? Wissenschaft kann zur Religion ergänzende Fragen beantworten. Zum Beispiel: Gott hat die Welt erschaffen, was ist das Ergebnis? Welche Gesetzmäßigkeiten hat das so erschaffene Leben? Wissenschaft hilft, gewisse Gesetzmäßigkeiten der Welt zu verstehen. Sie liefert aber keine Teleologie, keine Erklärungen für Sinn und Ziel. Das kann nur Religion.

STANDARD: Sie selbst sind Mathematiker und dabei ein tiefgläubiger Mensch. Wie wird diese Kombination unter Wissenschaftern aufgenommen?

Nowak: Die meisten Wissenschafter, die ich kenne, sind erstaunt darüber, dass man sich überhaupt für Religion interessiert. Der Schein trügt: Eine Studie hat kürzlich erwiesen, dass die Mehrheit der Universitätsprofessoren in den USA doch sehr religiös ist.

STANDARD: Als Mathematiker beschäftigen Sie sich mit Dingen, die bisher als nicht ausrechenbar galten. Zuletzt zum Beispiel mit Kooperationsverhalten in der Evolution. Wäre es daher nicht nahe liegend, Religion in Formeln zu fassen? Gibt es eine Mathematik des Glaubens?

Nowak: Noch nicht. Aber ich sehe sehr interessante Parallelen zwischen Mathematik und Theologie. Beide Wissenschaften sind sehr axiomatisch. Das heißt: Man formuliert gewisse Axiome, Definitionen - und versucht dann innerhalb dieser Annahmen zu argumentieren. Dafür brauchen sie auch keine naturwissenschaftlichen Beweise: Mathematiker sagen, dass es unendlich viele Primzahlen gibt oder dass die Wurzel aus 2 keine rationale Zahl ist. Gleiches gilt für religiöse Wahrheiten, auch da ist kein naturwissenschaftlicher Beweis nötig. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass Gott der Grund dafür ist, dass überhaupt etwas existiert, dass Gott nicht nur die materielle Welt erschaffen hat, sondern auch die Welt aller logischen Wahrheit, aller Ideen. Gott hat die Primzahlen erschaffen genauso wie Musik und Liebe oder die Schönheit der Geometrie. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 1. 2007)

Zur Person
Martin Nowak studierte Mathematik und Biologie in Wien, ist seit 18 Jahren im Ausland und seit 2003 Professor an der Elite-Uni von Harvard.
  • Artikelbild
    foto: robert newald
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