Ein optimistischer Onkel Wanja, der Zeit braucht

19. Jänner 2007, 18:44
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Dietmar Pflegerls letzte Inszenierung als Intendant des Klagenfurter Stadttheaters

Klagenfurt – Die Wehmut, die Melancholie und das Leben von Tschechows Figuren können wie ein langsamer, aber besonders tiefer Fluss an einem vorbeitreiben. Dietmar Pflegerl hat diesem Gewässer bei seiner letzten Inszenierung als Klagenfurter Intendant einige fröhliche kleine Stromschnellen eingebaut. Mit Onkel Wanja, einem Stück, das ihm als jungem Regisseur einst zum Wendepunkt in seiner Karriere wurde, machte der schwer kranke Pflegerl sich selbst – und dem Publikum mit einer potenten Besetzung ebenso – eine viel beklatschte Freude.

Dabei braucht der Abend ein wenig Zeit, bevor er beginnt, im zügigen Rhythmus zu atmen. Wolfram Berger passt zwar wunderbar in die Rolle des aus einer Lebenstäuschung erwachenden Wanja, scheint aber während der ersten halben Stunde, wie auch Josef Bilous als Arzt, etwas verloren.

Man wirft sich die Sätze zu, ohne einander im grün berankten Bühnenbild Bernd-Dieter Müllers zu treffen. Dieses kam bereits bei Turrinis Bei Einbruch der Dunkelheit zum Einsatz, um nun aus budgetären Gründen – da und dort etwas modifiziert – nochmals bespielt zu werden. Dabei erweist sich der Raum, in dem Innen und Außen ständig ineinanderfließen, als schöne Metapher für die dünnhäutig Seelen der Bewohner des Gutshofes. Die Frauen geben in dieser Inszenierung, in der immer wieder der leise, feine Witz zwischen den Zeilen hervorgeholt wird, schließlich das Tempo vor.

Besonders die Sonja von Gertrud Drassl, die die schwer arbeitende und still an Liebeskummer leidende Tochter des eitlen Professors (Dietrich Mattausch) – auch körperlich – sehr klar und glaubwürdig übersetzt, ist eine Wohltat. Im Dialog mit Drassl bekommt auch die etwas schrill gezeichnete Frau Professor von Marie-Therese Futterknecht Blut und Seele. Charmant auch die grotesk liebenswerte Kinderfrau Marina, welche die über 90-jährige Trude Heinzel kraftvoll auf die Bühne stellt.

Wenn am Ende Wanja und Sonja sich vom Professor und seiner Frau wieder verlassen finden, hat ihr "Sie sind weg!" etwas Optimistisches, das einen Aufbruch erhoffen lässt. Ein neuer Anfang, der als Ende verkleidet kommt. (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.1.2007)

  • Futterknecht und Mattausch als gelangweiltes Ehepaar.
    foto: stadttheater klagenfurt

    Futterknecht und Mattausch als gelangweiltes Ehepaar.

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