Die Aura der Etikette

21. Jänner 2007, 20:01
posten

Johannes Schrettle sorgt in der Modeperfor­mance "boat peopleTM – Das Label ist schön" im Burg-Kasino für eine Dramatik, die an die Verwertung von Trademarks andockt

Ein Projektbericht von Helmut Ploebst.


Wien – Das Landesgericht München (Urteil vom 23. Juli 2003 – Az.: 1 HK O 1755/03) erachtet das Benutzen der aus dem angloamerikanischen Rechtkreis stammenden Abkürzung TM in Deutschland als Verstoß gegen das Irreführungsverbot nach § 3 UWG. Damit wären wir auch schon im Inneren der Performance boat peopleTM – Das Label ist schön des jungen Grazer Dramatikers Johannes Schrettle angelangt, die Samstagabend im Kasino am Schwarzenbergplatz Premiere hat.

Vordergründig geht es um die Präsentation der ersten Modekollektion des Berliner Unternehmens boat peopleTM, das von der 51-jährigen, aus Klagenfurt stammenden Designerin Lisa D. geleitet wird. Doch allfälligen Klagssportlern wird ein Sprint zu den Waagschalen von Justitia nicht viel bringen, denn die Modekünstlerin verwendet das Trademark-Zeichen ironisch und nimmt die großen Abkassierer der Fast-alleSchichten-Bekleidungsbranche aufs Korn.

Der Titelzusatz "Das Label ist schön" und die Federführung Schrettles weisen darauf hin, dass es sich nicht um eine Geld bringende "Einmietung" im Kunstort Kasino handelt, sondern um einen Akt des kritischen Anspruchs. Der Begriff "boat people" vor dem heiklen TM ist delikat, denn so wurden in den 70er-Jahren Flüchtlinge in der Folge des Vietnamkriegs bezeichnet, die den kommunistischen Umerziehungssegnungen über das Meer zu entkommen suchten. Uns Europäern sind Bootsflüchtlinge ebenfalls äußerst gegenwärtig. Weiters gilt heute: Es gibt keine Anteilhabe an den Gewinnen der Kreativindustrie ohne ein schönes "Label" als einprägsames Etikett, das Kunst- oder Kommerzprodukte kommunizierbar macht.

Mit Labels kennt sich der 1980 in Graz geborene Johannes Schrettle aus. Nicht nur, weil seine Generation von solchen umschwirrt aufgewachsen ist, sondern auch, weil sein Name bereits in den Sog des Talentehandels geraten ist. Und Schrettle setzte dem 2003 mit der Gründung der Marke "Little Drama Boyz" noch eines drauf. In der Produktion Nestwärme I–IV von 2005 lässt er eine der Figuren sagen: "das hier ist eine geschichte von öffentlichen orten, dies früher einmal gab. aber geschichten kann man nicht mehr erzählen nur unterbrechen." Weitere erfolgsumwobene Unterbrechungen aus Schrettles Schreibcomputer sind: "fliegen/gehen/schwimmen", "Dein Projekt liebt dich" und "Fernwärme".

Öffentliche Orte waren immer virtuell, bestimmt von Erzählungen und Frequentierbarkeit. Heute befinden sich solche Orte zunehmend im Internet. Da auch jedwede Ware immer virtuell ist, gleicht die Öffentlichkeit im Web einem riesigen Online-Shop.

Organisationsfrage

Die darstellenden Künste siedeln immer noch im Bühnenraum, denn auf der Ebene des Cybertheaters leistet ohnehin die Videospielbranche wirksam Pionierarbeit. In diesem Ambiente greift das politische Theater der 68er nicht mehr, sofern man darin nicht von sich, sondern, wie Schrettle meint, bloß über "die Wirklichkeit" spricht. "Wir können nur versuchen, unsere eigene Position zu reflektieren, eventuell darüber nachdenken, was Politik sein könnte, und darüber nachdenken, wie wir miteinander umgehen und unsere Arbeit organisieren."

In boat peopleTM – Das Label ist schön übernehmen Schauspieler die Funktionen der mageren Laufstegmarionetten der Modeindustrie. Sie tragen in teure Einzelstücke umgearbeitete Massenware der Modekette Hennes & Mauritz, die durch ihre designlinienähnlichen Billigkollektionen besonders bei der jungen Klientel Erfolg hat. Schrettle schreibt dazu: "wir wollen ihnen was zeigen und wollen natürlich dass sie das auch schön finden und kaufen." Aber, fügt er an, es wäre falsch, wenn das Publikum "einfach nur die Klamotten geil" fände. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.1.2007)

  • Die lustvolle Simulation von Laufstegmarionetten: Schauspielerin Alexandra Henkel demonstriert im Burg-Kasino echten Tragekomfort.
    foto: soulek/burgtheater

    Die lustvolle Simulation von Laufstegmarionetten: Schauspielerin Alexandra Henkel demonstriert im Burg-Kasino echten Tragekomfort.

Share if you care.