"Eine magische Schule der Vielfalt"

17. April 2007, 13:18
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Bildungsministerin Schmied im STANDARD-Interview über Nachhilfe, die sie geben könnte, solche, die sie selbst gebraucht hat und das Fatale an der Flucht in Privatschulen

Standard: In welchem Fach könnten Sie Nachhilfe geben?

Schmied: Ich habe in Englisch Nachhilfe gegeben.

Standard: Und hatten Sie selbst auch Nachhilfe?

Schmied: Ja, in Latein. In den ersten zwei Jahren habe ich da ein bisschen Hilfe gebraucht.

Standard: Was halten Sie von der Idee des Bundeskanzlers, selbst Nachhilfe zu geben?

Schmied: Als Ministerin, die für Bildungspolitik verantwortlich ist, begrüße ich das sehr. Es hat nämlich den Effekt, dass das Thema auf Top-Niveau gehoben wird. Und die Problematik, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler offensichtlich ohne Nachhilfe den Schulabschluss nicht erreichen, zeigt mir, dass das eine akute Themenstellung ist. Das wird eines meiner ersten Handlungsfelder.

Standard: Der Nachhilfemarkt boomt. Pro Jahr geben Eltern in Österreich für Nachhilfe 140 Millionen Euro aus. Was sagt das über ein Schulsystem aus?

Schmied: Der Markt ist die Folge. Der eigentliche Punkt ist die Ursachenergründung. Im Augenblick nehme ich als jemand, der von außen kommt, so ein Spiel wahr, wer hat Schuld. Die Schüler sagen, vielleicht sind die Lehrer nicht optimal. Die Lehrer sagen, vielleicht leisten die Eltern nicht genügend Beitrag. Es geht ein bisschen im Kreis. Meine erste Maßnahme wird sein, alle Betroffenen an einen Tisch einzuladen und gemeinsam zu ergründen, warum wir einen derart hohen Einsatz an Nachhilfe brauchen, um das Schulsystem gut zu passieren.

Standard: Könnten Sie am Reißbrett ein Schulsystem konstruieren – welche Organisationsform würden Sie wählen?

Schmied: Da habe ich noch keinen Konstruktionsplan, aber ich habe ein Zukunftsbild. Das Zukunftsbild ist die gemeinsame Schule der Vielfalt. Ich möchte die Schule – das klingt vielleicht pathetisch – fast als magischen Ort, als einen Ort der Freude, der Entwicklung, einen Ort der Kreativität, wo auch zeitgenössische Kunst präsent ist. Da habe ich mein Lieblinsbild von Saint-Exupéry: In jedem von uns steckt ein kleiner Mozart. Ich möchte das sehr stark mit Freude in Verbindung haben, mit Begabungen, mit Entwicklungen. Das wäre dann auch eine Schule, wo Nachhilfe kaum vorkommt. Wenn es uns gelingt, Lernen emotional positiv zu besetzen, werden auch Themen wie lebensbegleitendes Lernen selbstverständlich.

Standard: Wann wird es diese gemeinsame Schule der Vielfalt in Österreich geben?

Schmied: Realistischerweise ist das ein längerfristiges Projekt. Mir ist bewusst, dass das eine größere Vision ist, aber wenn es mir gelingt, viele Menschen von diesem Bild zu begeistern und in diese Richtung weiterzudenken, könnte das Wirklichkeit werden.

Standard: Die ÖVP betont immer die „Wahlfreiheit der Eltern“, Pisa-Chef Günter Haider sagt, mit der Wahlfreiheit beginnt das Problem schon, weil die Bildungserwartungen der Eltern für ihre Kinder sozial hoch determiniert sind. Akademikereltern gehen davon aus, dass ihre Kinder Matura machen, Arbeiter nicht unbedingt. Wie wollen Sie gegensteuern?

Schmied: Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen muss, vor allem das öffentliche Schulsystem sehr attraktiv zu machen. Ich halte das für eine ganz zentrale Notwendigkeit. Wenn uns das nicht gut gelingt, passiert Folgendes: Eltern, die wohlhabend sind, schicken ihre Kinder in Privatschulen. Und wenn das in größerem Umfang stattfindet, werden sich diese Eltern möglicherweise die Frage stellen: Warum soll ich zweimal zahlen? Einmal für das öffentliche Schulsystem über die Steuerleistungen, und dann etwas privat finanzieren, was aus meiner Wahrnehmung öffentliche Kernaufgaben sind. Das wäre fatal für die Gesamtgesellschaft, weil auch die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, sinken würde. Darum halte ich es für so wichtig, dass sowohl im Gesundheitsbereich als gerade auch im Bereich Bildung eine hohe Qualität in der öffentlichen Leistung da ist.

Standard: Auf der SPÖ-Homepage steht „Bildungsministerin Gehrer hat aus dem Pisa-Debakel keinerlei Lehren gezogen“. Welche Lehren haben Sie denn aus Pisa gezogen?

Schmied: Wir leben in einer Welt der Ratings und Rankings. Das ist im Bankbereich genauso wie in der Industrie und im Bildungsbereich. Ich vertrete die Sowohl-als-auch-Position: Ich halte Leistungskriterien für ganz entscheidend und wichtig, halte es aber gleichzeitig für wichtig, eher weichere Kriterien, die man nicht in Zahlen messen kann, die aber sehr wohl spürbar sind – Motivation, Leidenschaft, Freude – für zentral.

Standard: Die Klassenschülerhöchstzahl 25 ist nur „Richtwert“. Ein bloßes Lippenbekenntnis? Kein Kind hat die Garantie, mit maximal 24 anderen die Klasse zu teilen.

Schmied: An dem Programmpunkt in der Regierungserklärung scheint mir das Ziel wesentlich: die Klassenschülerhöchstzahl eben um diesen Richtwert zu halten. Das kann ich nur aus persönlichem Erleben unterstreichen. Ich war selbst im Gymnasium in einer Klasse, wo wir nur 24 waren. Das ist von der Aufmerksamkeit und den Betreuungsmöglichkeiten eine ganz zentrale Forderung und steht sehr weit oben auf meiner Prioritätenliste. Jetzt müssen wir schauen, wie können wir das umsetzen.

Standard: Das dürfte schwierig werden, die Senkung auf 25 kostet zwischen 300 (SP-Rechnung) und 485 Millionen Euro (Bildungsministerium). Sie bekommen heuer nur 35 Millionen Euro mehr, im Jahr vier der Legislaturperiode 200 Millionen. Wie soll das gehen?

Schmied: Ich gehe davon aus, dass Bildungspolitik das Anliegen der gesamten Regierung ist. Da gilt es dann die Entscheidung zu treffen, was ist uns welche Maßnahme wert, wie können wir welche Maßnahme finanzieren? Meine Aufgabe sehe ich darin, vor dieser Entscheidung Varianten und Szenarien zu entwickeln, Klarheit über Zahlen herzustellen, Modelle auf den Tisch zu legen, die bildungspolitischen Zielsetzungen öffentlich klar zu machen. Das ist für mich die Reihenfolge, so gehe ich das an.

Standard: Wissenschaftsrat und Rektorenkonferenz möchten die Lehrerausbildungsagenden von Ihnen zu Wissenschaftsminister Hahn verschieben. Sie wollen sie behalten?

Schmied: Unbedingt. Gerade dieser Bereich scheint mir ein Schlüsselbereich für meine Tätigkeit, weil da auch ein Großteil der Lehrerfortbildung passiert. Wenn ich mein Zukunftsbild gut in die Welt bringen will, sehe ich es als ganz wichtig an, dass dieser Bereich zu meinem Ressort gehört. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe,20./21.1.2007)

Zur Person
Claudia Schmied (47) war als Vorstandsmitglied der Kommunalkreditbank eine von nur drei Frauen im Vorstand einer österreichischen Bank. Lehrerfahrung hat die kunstsinnige Ökonomin als WU-Lektorin.
  • "Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen muss, vor allem das öffentliche Schulsystem sehr attraktiv zu machen."
    foto: standard/hendrich

    "Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen muss, vor allem das öffentliche Schulsystem sehr attraktiv zu machen."

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