der schönste Tag der Woche: "Ohne Extremitäten"

20. Jänner 2007, 00:00
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Wie sehr Selbstbild und Fremdbild voneinander abweichen können

Unlängst war ich im Kaffeehaus. Zugegeben, dieser Anfang ist nicht besonders originell, aber er entspricht zumindest der Wahrheit. Wie ich also im Kaffeehaus sitze und mich frage, weshalb Kaffeehäuser nach ihrer Renovierung immer hässlicher aussehen als vorher, beginnen am Nebentisch zwei ältere Damen einen Streit darüber, ob die Haare des Zahlkellners nun echt seien oder nicht. Nach längerem Hin und Her sagt schließlich die Vornehmere der beiden: "Das sieht man doch aus zehn Meter Entfernung, dass der Herr Robert ein Bidet trägt." Damit war die Kontroverse beendet; und die Damen widmeten sich wieder ihren Torten mit Schlag. Die Vorstellung, dass jemand anstelle eines Toupets ein Bidet trägt, ist natürlich reizvoll – aber nur solange man nicht selbst davon betroffen ist.

Da am Nebentisch keine interessanten Themen mehr abgehandelt wurden, blätterte ich weiter in meiner Zeitung, in der unter anderem zu lesen war, dass David Lynchs neuer Film Inland Empire im Frühling auch in Österreich zu sehen sein wird. David Lynch, dem wir an dieser Stelle zu seinem 61. Geburtstag am 20. Januar (vulgo Jänner) sehr herzlich gratulieren – (Bitte kurz aufstehen und das Glas auf Mister Lynch erheben) –, drehte in seinen jungen Jahren einen kleinen Film mit dem Titel The Amputee. Ein Amputierter spielt auch in Lynchs grandioser Fernsehserie Twin Peaks eine wichtige Rolle, wenngleich nie ganz klar wird, wer sich hinter dem von Al Strobel gespielten "Einarmigen" tatsächlich verbirgt. (Danke, Sie können sich jetzt wieder setzen.) Dieser Einarmige führt uns schnurstracks zu Wilhelm Molterer, der dieser Tage auf die Bitte, sich selbst zu beschreiben, antwortete, er sei "eher unauffällig und habe keine Extremitäten". Da sieht man wieder einmal, wie sehr Selbstbild und Fremdbild voneinander abweichen können.

Gleichzeitig wies Molterer aber mit stolzgeschwellter Brust darauf hin, dass er in den letzten Jahren "Hand in Hand mit Wolfgang Schüssel" durchs Leben gegangen sei. Was ohne Extremitäten natürlich nicht ganz einfach ist. Als Wilhelm Molterer aber bewusst wurde, was er da eben gesagt hatte, korrigierte er sich sofort und meinte, dass er und Schüssel den gemeinsamen, selbstverständlich "erfolgreichen Weg", "Arm in Arm" zurückgelegt hätten. Das Bild vom händchenhaltenden Pärchen Schüssel/Molterer deckte sich offenbar nicht mit dem selbst verpassten Image des neuen "starken Manns" der ÖVP.

Aber wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Ich selbst habe nämlich während eines Vortrags über Bertolt Brecht den Titelhelden seines Stückes Galileo Galilei auch einmal als "Gastronomen" bezeichnet, obwohl Signor Galilei ja eher im Bereich der Astronomie tätig gewesen ist. Andererseits: Solange man Bedürftigkeit nicht mit Notdurft verwechselt, wie das Sozialminister Buchinger bei einer Veranstaltung der Salzburger Armutskonferenz einmal getan hat, ist alles halb so schlimm. (Kurt Palm / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.1.2007)

  • Ein gutes Toupet verlangt Massarbeit, die auch beim Einbau eines Bidets nicht schaden kann. Damit sind die Gemeinsamkeiten vermutlich auch schon erschöpft... (red)
    montage: derstandard.at

    Ein gutes Toupet verlangt Massarbeit, die auch beim Einbau eines Bidets nicht schaden kann. Damit sind die Gemeinsamkeiten vermutlich auch schon erschöpft... (red)

  • Kurt Palm
    foto: michaela mandel

    Kurt Palm

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