Avantgardist und Tellerwäscher: Sunny Murray

18. Jänner 2007, 18:04
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Ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Free-Jazz-Pionier, der am Dienstag im Porgy & Bess gastierte

Wien – "Wir sahen uns nie so, wie die Leute uns sahen. Wir haben einfach guten Jazz gespielt. Hippen Jazz, den niemand außer uns spielen konnte. Wir wollten nie etwas Weltbewegendes erschaffen."

Zwingende künstlerische Revolutionen wollen oft nicht erdacht, sondern erspürt, erspielt werden. Das, worüber Schlagzeuger Sunny Murray hier so beiläufig spricht, verdient zweifellos jenes rare Attribut einer umwälzenden Leistung – war er doch derjenige, der in Sessions mit Pianist Cecil Taylor den Jazz aus dem metrisch-rhythmischen Korsett, vom durchlaufenden Beat befreite, diesen durch ein energiereiches, vielschichtiges Pulsieren ersetzte – und damit Anfang der 60er-Jahre in New York jenen Umtrieben den Boden bereitete, die man bald "Free Jazz" nennen sollte.

"Kein Geld, nur Hass"

Als Schlagzeuger von Taylor (1959–1964) und später von Saxofonist Albert Ayler (1964/65), als der er an Meilensteinen wie "Live at Café Montmartre" bzw. "Spiritual Unity" mitwirkte, schrieb Sunny Murray Jazzgeschichte – und erfuhr gleichzeitig die Härten des Avantgardistendaseins.

"Es gab kein Geld für diese Musik, nur Hass und Unverständnis. Mein Problem damals war: Ich hatte Familie. Vier Kinder, denen ich ein guter Vater sein wollte. Also musste ich als Teller- und Autowäscher oder Wachmann arbeiten – 27 Jahre lang."

Murray mag – etwa als er den Job des zweiten Schlagzeugers neben Elvin Jones in John Coltranes Quartett ablehnte – selbst manche Chance verpasst haben, sein Leben scheint indessen durchaus exemplarisch für das vieler Jazz-Avantgardisten der 60er-Jahre – die auch mit dem Umstand zu kämpfen hatten, dass just in jener Zeit Rock'n'Roll und britische Rock-Welle dem Jazz einen Gutteil des Publikums abspenstig machten.

Paris wurde für Sunny Murray – wie für zahlreiche Kollegen – ab 1968 zum Exilort: "Ich war beeindruckt von Europa, vom Respekt, den Künstler genießen", resümiert der 70-Jährige, der seit 1990 ständig in der Seine-Metropole lebt. Und auf die Frage nach der heutigen Situation der ehemaligen Avantgardisten der 60er-Jahre in den USA, wo auch Wynton Marsalis' Propagierung eines konservativen Jazz-Begriffs zu ihrer Marginalisierung beiträgt, meint er: "Ich kenne viele Musiker, die ihr Geld während ihrer Europa-Tourneen machen und in den USA Tag für Tag davon leben müssen, weil sie dort nicht einmal einen 50-Dollar-Gig bekommen. Ich sage immer: Wenn du 50 bist und noch keine Basis gefunden hast, dann verlasse Amerika. Gehe nach Mexiko, Japan, Frankreich oder Deutschland, aber verlasse Amerika!"

Alte Freundschaften

In Europa ist mittlerweile auch Österreich zu einem seiner Fixpunkte geworden. Pflegt Sunny Murray doch zu den Musikern der Wiener Free-Jazz-Avantgarde, vor allem zu Fritz Novotny, Walter Malli, Sepp Mitterbauer und Paul Fields, mit denen er am Dienstag im Porgy & Bess gastierte, Kontakte, die bis ins Jahr 1968 zurückreichen. Damals tourte er gemeinsam mit Art Blakeys Jazz Messengers und Max Roach durch die Alte Welt. Der Aufenthalt in Wien blieb ihm auch durch eine Begegnung der besonderen Art in Erinnerung, die er im Keller seines Hotels machte.

Murray: "Ich übte dort auf meinem Drum-Set, und irgendwann kamen die Musiker eines 65-köpfigen klassischen Orchesters, die dort ebenfalls probten, in den Raum – und begannen, mitzuspielen! Ganze tolle zehn Minuten lang! Als ich wieder hinaufging, war es schon spät. Max Roach schimpfte: 'Musst du immer so lange proben?' Ich sagte: 'Warum nicht? Soeben habe ich mit einem Symphonieorchester gespielt!'" (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

  • Sunny Murray
    foto: standard/ heribert corn

    Sunny Murray

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