"Idomeneo" : Der Kreterkönig hat sich gemausert

19. Jänner 2007, 13:01
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Erfolgreiche Wiederaufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper im Theater an der Wien, vor allem durch Michael Schade

Ganz im Gegensatz zur eher kühl aufgenommenen Premiere vor einem Jahr wurde die "Idomeneo"-Wiederaufnahme zum durchschlagenden Erfolg. Dies vor allem durch die musikalisch wie darstellerisch hinreißende Interpretation der Titelpartie durch Michael Schade.


Wien – Im Wissen, dass ein Orkan namens "Kyrill" nach Wien unterwegs ist, konnte man sich am Mittwoch während der Wiederaufnahme von Mozarts "Idomeneo" im Theater an der Wien in geradezu molliger Sicherheit wähnen.

Könnte man diesen "Idomeneo" ja wirklich als Mozarts Schlechtwetteroper bezeichnen. Immer, wenn man es nicht brauchen kann, kommt so ein "Kyrill" auf. Wie gut, dass Wien nicht am Meer liegt, haben es Österreichs neue Mächtige gegenwärtig doch auch auf dem Trockenen schon schwer genug.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist jedoch auch bei diesem Zweitaufguss der ersten Opernproduktion des nun glücklicherweise abgelaufenen Mozartjahres von Wasser weit und breit keine Spur.

So dürfen die Akteure dieses Idomeneo sogar ruhig Nichtschwimmer sein. Doch ein bisschen sportliche Kondition wird der Sängermannschaft allerdings schon abverlangt: Behände wie Ameisen müssen sie die amphitheatralisch angeordneten, beinah bis zum Schnürboden reichenden Stufen auf- und niederkrabbeln und auf diese Weise sichtbar nachvollziehen, was sie sonst nur stimmlich zu vollbringen haben.

Und Letzteres gelingt ihnen fast durchwegs so überzeugend, dass man diesen zweiten Anlauf getrost als die eigentliche Premiere bezeichnen darf.

Vor allem Michael Schade in der Titelpartie singt seinen vor Jahresfrist sogar mit Buhrufen bedachten Vorgänger Neil Shicoff in Grund und Boden. Nicht nur wegen seiner immensen Technik, die es ihm sogar erlaubt, die gängige Variante dieser Partie durch die mit Koloraturen gespickte Originalversion zu ersetzen.

Er gestaltet diese Partie, was nahe läge, jedoch nicht als abgehobenes, vom übrigen Geschehen isoliertes Artefakt, sondern erweckt dieses durch die beinahe manische Eindringlichkeit seines Spiels zu berührendem Leben.

Männliches Timbre

Geadelt wird dies alles noch durch die Gnade seines Timbres. Nicht die geringste Spur von knabenhaftem Kastratentum ist da jemals zu hören. Schades Stimme vermittelt auch dann, wenn sie in extremen Hochlagen mit bravouröser Sicherheit ihre Zierrate zeichnet, den Eindruck natürlicher Männlichkeit.

Zum Glück bleibt Schade mit dem von ihm vorgegebenen Niveau nicht allein. Angelika Kirchschlager erweist sich mit einprägsamer musikalischer Gestaltungskraft und sicherem gestischen Einsatz als ihm ebenbürtiger Sohn Idamante.

Genia Kühmeier als in Liebe nach Idamante schmachtende Ilia kann man wegen ihres makellosen Schöngesangs und auch wegen der Ruhe, mit der er dargebracht wird, als Kirchschlagers lyrischen Kontrapunkt bezeichnen.

In der Partie der Elettra hatte es Iano Tamar schon schwerer. Nicht nur als Nachfolgerin von Barbara Frittoli, die vor einem Jahr zu hören war, sondern vor allem wegen des emotionalen, von stiller Innigkeit bis zum Wahnsinn reichenden Bogens dieser Gestalt, den sie glaubwürdig markierte.

Wollte man in dieser Produktion nach Sturm und Wogen suchen, dann wurde man im Orchestergraben fündig, wo sich Bertrand de Billy als eine Art von wenn schon nicht zürnender, so das Staatsopernorchester doch nachhaltig animierender Meeresgott kräftig Wind machte und für beträchtliche dynamische Entladungen sorgte.

So fiel die Überdiskretion von Willy Deckers Inszenierung in der von John Macfarlane verbreiteten Bühnenfinsternis eigentlich kaum auf. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

  • Ein König nicht nur der Kreter, sondern auch der Mozart-Tenöre: Michael Schade in der Titelpartie von Mozarts "Idomeneo" im Theater an der Wien.
    foto: theater an der wien

    Ein König nicht nur der Kreter, sondern auch der Mozart-Tenöre: Michael Schade in der Titelpartie von Mozarts "Idomeneo" im Theater an der Wien.

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