Josef Pröll: "Wir müssen breiter werden"

10. Juli 2007, 08:49
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Umbruch in ÖVP: Umweltminister fordert im STANDARD-Interview eine offenere Partei

Umweltminister Josef Pröll fordert eine inhaltliche und personelle Öffnung der ÖVP. In der Vergangenheit habe man die Signale nicht erkannt. Mit dem Leiter der Perspektivengruppe sprach Michael Völker.

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STANDARD: Ist Andrea Kdolsky der ÖVP "passiert" oder ist sie bereits ein Zeichen der inhaltlichen Erneuerung?

Pröll: Ich sehe sie als Bereicherung in unserem Regierungsteam, aber auch in der ÖVP. Die Erneuerung der ÖVP hat bereits begonnen, und sie ist ein Teil davon.

STANDARD: Wie kann die Zukunft der ÖVP ausschauen? Wilhelm Molterer ist ideologisch gesehen ein Klon von Wolfgang Schüssel.

Pröll: Molterer ist kein Klon, er hat ein absolut eigenständiges Profil. Ich bin froh, dass wir in der Partei einen Prozess beginnen, der Reflexion heißt: Wo stehen wir, wo wollen wir hin, was sind die Lebenswelten, auf die wir Antworten finden müssen. Darum wird es in der Perspektivengruppe, die ich leite, gehen. Es wird hier einen wesentlichen Input geben müssen, um die Partei fit zu halten und um das große Ziel, das wir haben, nämlich ab 2010 wieder Führungsverantwortung zu übernehmen, zu erreichen.

STANDARD: Wohin führt der neue Weg?

Pröll: Der Weg der ÖVP ist aus meiner Sicht relativ klar skizziert, fußend auf unserer Basis, unseren Kernwerten: Wir müssen breiter, bunter und offener werden. Mehr Platz bieten, auch für kritische Geister, und das als Bereicherung sehen, nicht als Gefährdung. Ich werde 14 Gruppen einrichten und die Leute am kommenden Montag präsentieren. Ich werde vor allem auch Menschen außerhalb der Partei einladen, mit uns zu diskutieren und sich einzubringen, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

STANDARD: Mit Karl-Heinz Grasser hat das aber nicht funktioniert.

Pröll: Da ist etwas passiert, was ich im nach hinein als Fehler sehe, nämlich dass keine deutliche Skizze gegeben wurde, schon frühzeitig, wo sein Weg hinführen soll. Grasser hat sich schon relativ früh entschieden zu gehen. Dann hat er es sich auf Druck etlicher überlegt, und ich hätte es auch für absolut klug gehalten, dass er an Bord bleibt. Es war seine Bedingung, das volle Backup der ÖVP zu haben. In der ÖVP hat es in der Frage, ob er Vizekanzler werden soll, aber auch andere Stimmen gegeben. Darauf blieb Grasser bei seiner Entscheidung zu gehen. Das war es.

STANDARD: Sie waren doch auch dagegen.

Pröll: Ich war nicht gegen Grasser, im Gegenteil. Ich war einer von denen in der Partei, die mit ihm sehr gut konnten. Auf mich ist die Frage auch nicht zugekommen. Als ich in den Parteivorstand gekommen bin, hatte er bereits klar gemacht, dass er nicht mehr an Bord sein wird.

STANDARD: Sie hätten einem Vizekanzler Grasser zugestimmt?

Pröll: Ich hätte das als Möglichkeit gesehen, absolut.

STANDARD: Wo ist die ÖVP falsch positioniert?

Pröll: Wir müssen bei unseren Werten bleiben, aber einfach mehr zulassen. Wir müssen aufmachen, weil sich die Welt bewegt. Das ist der Punkt. Wir können uns nicht ewig auf ein Parteiprogramm berufen, das aus dem Jahr 1995 ist. Es hat sich eine unglaubliche Dynamik ergeben, im Wirtschaftsleben, im gesellschaftspolitischen Bereich. Darauf müssen wir reflektieren und sowohl in der Sache als auch mit Personen Antworten geben.

STANDARD: Warum tut sich die ÖVP in den Städten so schwer?

Pröll: Das wurzelt schon länger zurück, wenn man an Erhard Busek zurückdenkt. Nach seiner Ära ist etwas neues rund um die Umweltbewegung entstanden, ein urbaner Zeitgeist. Das haben wir nicht erkannt. Wir haben auf das, was eigentlich unsere Kernkompetenz ist, ökosozial zu denken und zu wirtschaften, zu wenig geachtet. Da ist etwas Neues gewachsen, und wir haben die Signale nicht gesehen.

STANDARD: Parteiobmann wird ein Bauernbündler. Schlägt sich das in der Partei durch?

Pröll: Überhaupt nicht. Molterer hat schon in den letzten Jahren bewiesen, dass er weit über den kernagrarischen Bereich hinaus Kompetenz hat und das auch lebt. Er ist sicher einer, der die ganze Breite der Partei abdecken kann. Ich setze vor allem auf die Jugend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

Zur Person:
Josef Pröll (38) ist seit 2003 Umwelt- und Landwirtschaftsminister, er ist Regierungskoordinator der ÖVP und leitet die "Perspektivengruppe" seiner Partei.
  • Josef Pröll: "Wir müssen bei unseren Werten bleiben, aber einfach mehr zulassen. Wir müssen aufmachen, weil sich die Welt bewegt. Das ist der Punkt."
    foto: standard/fischer

    Josef Pröll: "Wir müssen bei unseren Werten bleiben, aber einfach mehr zulassen. Wir müssen aufmachen, weil sich die Welt bewegt. Das ist der Punkt."

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