Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott"

18. Jänner 2007, 18:27
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Ein kühl kalkulierter Thriller mit quälender Unruhe in den Herzen

Als Monsieur Carala, der Waffenhändler, plötzlich eine Pistole auf sein Gesicht gerichtet sieht, reagiert er zunächst gelassen; erst als er diese Pistole als seine eigene erkennt, wirkt er verblüfft. Aber er hat nicht viel Zeit, sich zu wundern, denn kurz darauf ist er tot.

Julien liebt Florence, die schöne Frau seines Chefs Carala, und so versucht er, einen perfekten Mord auszuführen, kaltblütig und seiner stets etwas feigen Liebe zu einer Art Achtung verhelfend. Würde er nicht im Fahrstuhl stecken bleiben, so hätte diese Liebe vielleicht eine Chance. Nicht immer aber ist das Glück mit den Liebenden.

Louis Malles kühl kalkulierter Thriller lehrt einen das Frösteln. Dabei wird hier eine sehr romantische und so auch bedingungslose Geschichte einer Liebe erzählt. Zwar sieht man das Paar nie zusammen. Aber am Anfang, kurz vor dem Mord, da immerhin telefonieren Julien und Florence, und am Ende taucht ein Foto der beiden Arm in Arm auf, leider bereits unter den Augen des Inspektors.

Eine ganze Nacht lang streift Jeanne Moreau als Florence durch die Straßen und Bars von Paris - auf der Suche nach Julien. Und ihr Gesicht wird von nichts anderem erhellt als von Leuchtreklamen und Schaufenstern auf den Champs-Élysées. Ich habe vier Jahre lang Fische gefilmt, gestand Malle einmal, früher Assistent von Jacques Cousteau, ich wusste nichts von Schauspielern. Also sieht er seiner Schauspielerin beim Umherschweifen zu. Dazu erklingt die Musik von Miles Davis, elegisch und wie in Trance improvisiert, aufgenommen in einer einzigen Nacht, in einem Pariser Studio.

Nur zu gern schielten die von der Theorie kommenden Jungregisseure der Nouvelle Vague auf diesen Film von 1957 - obwohl sich Malle im Zweifel eher als Handwerker verstand. Doch die quälende Unruhe in den Herzen hatte den französischen Film ein für allemal infiziert. Am Tag, als Julien seinen Chef erschießt, geschieht außerhalb der Stadt ein Doppelmord, der ihm irrtümlich zur Last gelegt wird. Ohne das eine zu gestehen, kann er das andere nicht entkräften. In Wahrheit jedoch steckt ein junger Kerl dahinter, der Juliens Auto geklaut hat und nun mit Hilfe von Tabletten für alle Ewigkeit entfliehen will. Im Zimmer, neben dem Bett, lehnt das Cover eines Miles-Davis-Albums; die Freundin schluckt solidarisch ein paar Tabletten mit und denkt sich eine gute Schlagzeile aus: Liebestragödie. (Ralph Hammerthaler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

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