Gedichte auf dem Catwalk: "No Promises" von Carla Bruni

25. Jänner 2007, 19:40
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Das ehemalige Top-Model entdeckt die Lyrik des 19. Jahrhunderts und peppt sie mit modernem Folk-Pop Richtung Hitparade auf

Eine der erstaunlichsten Karrieren im zweiten Bildungsweg wird nun vier Jahre nach ihrem fulminanten Start fortgesetzt. Das ehemalige italienisch-französische Top-Model Carla Bruni veröffentlicht nach ihrem allein in ihrer Wahlheimat Frankreich 1,2 Millionen Mal verkauften Albumdebüt Quelqu'un m'a dit mit No Promises einen weiteren sicheren Anwärter auf vorderste Chartspositionen.

Im Gegensatz zu aktuellen französischen Kolleginnen wie Charlotte Gainsbourg (5:55) oder Chiara Mastroianni, gemeinsam mit dem französischen Superstars des neuen Chansons, Benjamin Biolay, auf Home, hat die 39-jährige Künstlerin nicht nur stimmlich vergleichsweise mehr zu bieten. Wo sonst im Genre gern eher "erotisch" gehaucht wird, nennt Carla Bruni eine kräftige, rauchige Stimme ihr Eigen. Auch musikalisch vertraut Bruni lieber auf eigene Kompositionstalente, als sich ihre Lieder konfektionistisch von befreundeten Musikern schneidern zu lassen.

Dass Bruni dabei durchaus einnehmende Ergebnisse erzielt, mag anfänglich zwar verwundern. Immerhin wird die Frau in Frankreich dank ihres früheren Aufkommens in der Klatschpresse wegen kolportierter Affären mit Mick Jagger und Eric Clapton, den Schauspielern Vincent Perez oder Charles Berling oder Regisseuren wie Leos Carax, diversen hippen Jungschriftstellern, Staranwälten sowie dem etwas peinlichen US-Milliardär Donald Trump gern als intellektuellere Ausgabe einer Paris Hilton gehandelt.

Spätestens mit No Promises aber dürfte sich Bruni tatsächlich von diesen historischen Altlasten freigespielt haben. Wo Bruni auf ihrem Debüt 2002 noch vorsichtig mit akustischer Gitarre und minimalistischer Bandbegleitung zart knospenden, intim konzipierten und aus eigener Feder stammenden Folkpop angloamerikanischen Zuschnitts ins Französische deutete und mit eigenen melancholischen Texten behübschte, hat sich die Sängerin 2007 großer Lyriker und Dichterinnen aus dem angloamerikanischen Raum angenommen.

William Butler Yeats, W.H. Auden, Dorothy Parker, Emily Dickinson, Walter De La Mare oder Christina Georgina Rossetti liefern die melancholischen, oft auch heiter gedeuteten historischen Textvorlagen. Zu denen steuert Bruni die Musik bei und lässt Produzent Louis Bertignac die Arrangements durchaus zeitgenössisch anlegen.

In einem aktuellen Interview mit einer Schweizer Zeitung meinte Bruni pragmatisch zu ihrer von ihr selbst durchaus als (Hochglanz-)Produkt gedeuteten Musik: "Früher habe ich eine Jacke ausgezogen, jetzt ziehe ich meine Seele aus." Im Zweifel kann man sich allerdings immer hinter den Fremdtexten verstecken.

Die elf auf No Promises gebotenen Songs jedenfalls erinnern mit Akustikgitarren, Kontrabass und Beserlschlagzeug sowie greinenden Hawaiigitarren und Mundharmonika an große US-Vorbilder wie den frohgemuten Surferbuben Jack Johnson mit seinen Hymnen an das Strandleben oder auch an Willie Nelson, wenn er gerade den faulen Texas-Swing schlurft und sich ein Jointchen anzündet.

Das ergibt einen reizvollen Kontrast zu Texten, die vielfach auch schon im 19. Jahrhundert entstanden und das Freiheitsversprechen der Kunst entschieden ernster als heute in Zeiten der allumfassenden Verfügbarkeit nahmen.

"I carry the sun in a golden cup, the moon in a silver bag.", heißt es in Those Dancing Days Are Gone. Im Falle von Carla Bruni haben sie wohl erst angefangen. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

  • Carla Bruni: "No Promises" (Edel)
    foto: edel

    Carla Bruni: "No Promises" (Edel)

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